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Bleib bei mir Roman von Strout, Elizabeth (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.07.2014
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Bleib bei mir

In einer Kleinstadt im einsamen Norden der USA hat Pastor Tyler Caskey nach dem tragischen Tod seiner Frau das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er hadert nicht nur mit sich und der Welt, sondern zweifelt auch an Gott und seinem Glauben. Und in der Gemeinde, in der er bis dahin geliebt und geachtet war, fragen sich immer mehr Leute, ob Tyler sich nicht zu sehr gehenlässt in seinem Schmerz ... Mit unnachahmlicher Leichtigkeit und großer Menschenkenntnis zeichnet Elizabeth Strout das Porträt einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt. Und sie schreibt von Menschen wie du und ich, von ihren Stärken und Schwächen, von ihrer Warmherzigkeit und Freundlichkeit, aber auch von ihrem Misstrauen und ihrer Engstirnigkeit. In West Annett, einer Kleinstadt in Maine, stürzt der Pastor Tyler Caskey in eine tiefe Lebenskrise: Vor kurzem ist seine Frau Lauren nach einer schweren Krankheit gestorben, und Kummer und Verzweiflung drohen ihn zu überwältigen. Seine fünfjährige Tochter Katherine hat seither kein Wort gesprochen und fällt stattdessen durch agressives Verhalten im Kindergarten auf. Seine zweite Tochter, die kleine Jeannie, lebt in einem anderen Ort bei Tylers dominanter Mutter. Während Tyler unter großen Mühen versucht, seinen Glauben an Gott und seine Berufung wiederzufinden, erblühen in der kleinen Gemeinde Klatsch und Tratsch. Wo jeder jeden kennt, steht auch jeder unter Beobachtung, vor allem ein verwitweter, noch junger Pastor, der einst mit seinen Predigten und seiner ruhigen, bescheidenen Art die ganze Gemeinde begeistert hat. Plötzlich mehren sich die misstrauischen, argwöhnischen Stimmen, immer mehr Leute finden, dass Tyler sich in seinem Schmerz zu sehr gehenlässt, und bezweifeln allmählich seine Eignung als Seelsorger und Vater ... Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren und wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihre Romane sind Bestseller; für "Mit Blick aufs Meer" erhielt sie 2009 den Pulitzerpreis, "Die Unvollkommenheit der Liebe" wurde 2016 für den Man Booker Prize nominiert, und für "Alles ist möglich" wurde sie 2018 mit dem Story Prize ausgezeichnet. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 28.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641139773
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Originaltitel: Abide With Me
    Größe: 1546 kBytes
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Bleib bei mir

Zwei

M ary Ingersoll hatte eigens das rote Wo llkleid gewählt, weil es ihre Figur hervorhob, deshalb ärgerte es sie, als sie am A bend vor dem Gespräch feststellte, dass ihr Mann trotz aller Ermahnungen wieder einmal ein Te mpo in seiner Hemdtasche vergessen hatte, so dass nun die schmierigen kleinen Zellstoffzwirbel nicht nur überall in der Wa schmaschine steckten, sondern auch ihr rotes Kleid davon übersät war. In der Ve rgangenheit hatte Mary Ty ler Caskey eigentlich recht attraktiv gefunden, und obwohl sie allen erzählte, wie sehr ihr vor dem Gespräch mit ihm graute, hatte sie sich in Wa hrheit darauf gefreut und vor dem Spiegel Gesichtsausdrücke geprobt, gütige, kompetente, geduldige. Sie hatte extra die Kette mit dem kleinen Silberkreuz umgelegt, damit er sehen konnte, dass sie religiös war; sie hatte sogar erwogen, sich dafür zu entschuldigen, dass sie nicht öfter zur Kirche kam. "Ich bin einfach so erledigt von meiner Wo che", würde sie sagen, und er würde sagen, das verstehe er gut – Fälle wie seine kleine To chter bedeuteten schließlich harte A rbeit.

Und dann diese Enttäuschung! Der Pastor, so kam es ihr vor, nahm sie irgendwie gar nicht wahr. Die halbe Zeit schien er überhaupt nicht zuzuhören. Er war müde – das sah sie an seinen Augen –, aber seine plötzliche Kälte gegen Ende verletzte sie. Sie lief weinend zum Schulleiter, Mr. Waterbury. "Ich habe ihm keinerlei Grund gegeben", erklärte sie ihm, während er lauschte, die dunklen Brauen zusammengeschoben.

"Nein, sicher nicht", stimmte er zu.

Am Abend erzählte sie es ihrem Mann schon in etwas aufgebauschter Form – "Er hat richtig höhnisch gelächelt. Er hat sich mit mir ein kindisches Blickeduell geliefert!" –, und vor dem Schlafengehen rief sie Rhonda Skillings und zwei Freundinnen an und übertrieb bei ihnen noch ein bisschen mehr, und als sie sich ins Bett legte, schlief sie friedlich. Ihr Vorteil war: Sie war von anteilnehmenden Zuhörern umgeben.

Dieses Glück hatte Tyler nicht, und er lag den Großteil der Nacht wach auf der Couch in seinem Arbeitszimmer. Er spürte etwas Hartes und Dunkles in seinem Innern, wie einen kleinen Stein, und ein Gefühl sagte ihm: Das gehört mir , auch wenn er keinen Namen dafür wusste; es formten sich keine Worte, da war nur dieser Besitzanspruch, ein angenehmes Auftrumpfen, und dann war es fort, und nichts mehr hatte in ihm Platz als das Bild Katherines, wie sie allein auf dem Pausenhof stand. Er setzte sich auf, sah durch das dunkle Arbeitszimmer, öffnete die Hände, schloss sie wieder. Er hörte die spitze Stimme der Lehrerin – "Niemand spielt mit ihr" –, und eine Erinnerung fiel ihn an: seine Schwester Belle auf dem Pausenhof in Shirley Falls, allein. Er, zwei Jahre jünger, sah sie und drehte sich weg, zurück zu der Gruppe von Freunden, die ihm bis zum Schulabschluss erhalten bleiben sollten, während Belle, einen Ausdruck gespielter Gleichgültigkeit auf dem Gesicht, den anderen Mädchen eine Weile beim Himmel-und-Hölle-Spielen zuschaute und dann weiterschlenderte. Es tat Tyler weh, daran zu denken. "Da bist du aus anderem Holz geschnitzt", hatte seine Mutter zu ihm gesagt, als er Klassensprecher wurde, Kapitän des Footballteams.

Mit schweren Gliedern legte er sich wieder hin, und Nachtsorgen aller Art stürmten auf ihn ein. Seine Predigt war nicht fertiggeworden; in ein paar Wochen war Stewardship-Sonntag, dann liefen die Spendenzusagen ein, das Jahresbudget wurde ausgearbeitet u

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