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Bluffen Ein Roman von Adrian, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.09.2014
  • Verlag: mikrotext
eBook (ePUB)
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Bluffen

Der Erza?hler in Stefan Adrians erstem Roman 'Bluffen' ist ein Experte für Abbrüche und Selbstsabotage: Vom Land in die Großstadt gezogen, seine Wurzeln hinter sich lassend, durchwandert er als Barmann, Anzeigenverka?ufer, Crossmarketing-Manager, Botenfahrer, Online-Journalist oder Blogger die Existenzmöglichkeiten der prekären Medienarbeiter zwischen Facebook und HartzIV. Er kündigt so oft wie er seine Freundinnen verlässt. Immer stärker verstrickt er sich in die Maskerade eines Doppellebens, plant schließlich eine Entführung, um seine Webseite bekannter zu machen ... Genaue, popmoderne Beobachtungen der Umgebung stehen neben hypermodernen Ich-Konzepten und der urbane, elegante Erzählstil der vorherigen Jahrhundertwende scheint auf. Ein umfassender Lagebericht aus einer europäischen Großstadt: vom Platzen der Dotcomblase über Nine Eleven bis zur Gentrifizierung. Nicht zuletzt ein Roman über das Berlin der Nullerjahre. Stefan Adrian wurde 1975 im Burgenland geboren, einen Steinwurf entfernt vom tiefst gemessenen Punkt Österreichs. Schon daraus zeigte sich, wohin der Weg nur führen konnte: nach oben. Nach dem Abitur folgte der Umzug nach Wien, 2002 ein weiterer nach Berlin. Nach abgebrochenem Studium Tätigkeiten u.a. als Gelegenheitsjobber, McDonald's-Küchenkraft, Journalist, Barkeeper, Chefredakteur oder als Ghostwriter (Tim Raue: 'Ich weiß, was Hunger ist', Piper, 2011). 2014 veröffentlichte er bei mikrotext 'Der Gin des Lebens. Drinklyrik'.

Stefan Adrian wurde 1975 in Österreich geboren, unweit der ungarischen Grenze und weit entfernt vom nächsten Berg oder dem nächsten Alpental, jedoch sehr nahe an den Weingärten der pannonischen Tiefebene. Erste Erfahrungen mit Alkohol machte er dementsprechend bereits in jungen Jahren mit süßen Beerenauslesen, weniger süßer Wein wurde mit Limonade gestreckt. Seit diesen Tagen hat sich in der Auswahl, vor allem aber in der Kombination der Spirituosen einiges zum Besseren gewendet. Stefan Adrian lebt seit 2002 in Berlin, wo er als Barkeeper und Autor tätig ist. Aktueller Lieblingscocktail: Improved Tequila Cocktail. Im Herbst 2014 erscheint sein erster Roman über Berlin in den Nullerjahren bei mikrotext.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 29.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783944543178
    Verlag: mikrotext
    Größe: 893kBytes
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Bluffen

3

Es gab eine entscheidende Sache, die mich dazu gebracht hatte, die Entführung wirklich anzugehen: Ich hatte in meinem Leben immer das Gefühl, oder vielmehr diese fürchterliche Ahnung, dass ich die Sachen nur gekratzt hatte. Ich lebte in der ständigen Befürchtung, dass alles, was ich in meinem Leben gemacht hatte, mir nie so nahe gegangen war, wie ich es gerne gehabt hätte - die Euphorie, der Schmerz, die Freuden, die Depressionen; ich hatte immer das Gefühl, als wären sie nicht das, was sie hätten sein müssen, als hätten sie immer stärker sein können. Auch diese Tage in San Pedro waren in dieser Hinsicht keine Ausnahme gewesen. Und mir war klar geworden, was die Ursache dessen war: Meine Gefühle waren eine Imitation, oder vielmehr eine Karikatur, und der Grund dafür wiederum war, dass alles, was ich in meinem Leben gemacht hatte, sich stets angefühlt hatte, als würde ich es imitieren. Ich war die Karikatur eines DJ gewesen, später die Karikatur eines Anzeigenverkäufers, noch später die Karikatur eines Streetartists oder eines Culture Jammers; ja am Ende selbst die Karikatur eines Botenfahrers.

Aber die Entführung und die Ziele, die wir damit verfolgten, waren keine Karikatur. All das war originär und es war meines. Ich war in meinem Leben auch oft einen Schritt zu spät dran gewesen, obwohl ich angenommen hatte, zu den ersten zu gehören. Aber mit diesem Scoop sollte mir das nicht passieren. Er war meine Idee, er war meine Antwort auf diese marode Welt, und ich war bereit, meinen Preis zu zahlen.

Schlimmer als diese Tage des Wartens auf die Videos konnte sich auch ein Gefängnis nicht anfühlen. Ich schlief nicht, mein Puls hatte sich nicht mehr beruhigt, seit Rene und ich uns die Mützen übergezogen hatten und aus dem Bus gestiegen waren. Die abstrakte Bedrohung einer Verhaftung drohte, mir den Verstand zu rauben. Ich grübelte ständig, ob wir etwas übersehen hatten; beispielsweise meine Festnahme, als ich nach einem Adbusting-Aktion für einige Stunden auf einem Polizeiposten gesessen hatte. Man hatte meine Daten aufgenommen und mein Gesicht ins System gespeist, und der öffentliche Raum war voll von Kameras. Vielleicht konnte auch jemand die Spur des Tasers im Internet zurück verfolgen, den ich damals im Treptower Park an mir versucht hatte; man musste auch Unwägbarkeiten einkalkulieren, wie jene, dass Renes Vater nach Jahren wieder die Lust überkam, seine alte Hütte in Mecklenburg aufzusuchen. Und natürlich war Rene selbst ein Risiko da draußen, aber ein geringeres, als er hier wäre. Er würde sich hier in der Stadt in den Wahnsinn trinken und dem Druck nicht standhalten. Aber da draußen konnte es dank Liz funktioneren. Renes' Unfähigkeit, alleine sein zu können, hatte sich über die Jahre nicht gebessert, aber Liz war ein Felsen, und was auch immer die beiden in der Hütte tun mussten, um bei Verstand zu bleiben, war mir gleichgültig, solange nur die Videos gedreht wurden.

Morgen sollten der erste USB-Stick bei mir eintreffen. Fünfzehn Jahre, nachdem ich in die Stadt gekommen war - ein Moment, an den ich mich noch gut erinnerte, denn wie die meisten Menschen mit einem Hang zum Melancholischen oder vielmehr Melodramatischen, behielt ich mir Momente, aber kaum Zahlen und Fakten. Ich erinnerte mich, dass ich am Morgen der Entführung nach dem Aufwachen einer Fliege zusah, die über meinen linken Unterarm krabbelte. Ich erinnerte mich an das Gefühl der Euphorie, mit dem ich Berlin erreichte, aber ich erinnerte mich nicht an das Datum, obwohl es eines sein müsste, das ich mir hätte merken sollen, da es eine einschneidende Markierung in meinem Leben darstellte.

Es war irgendwann im April 2002, es war ein milder Frühlingsabend. Die Dämmerung hatte eingesetzt, als ich die Stadtgrenze erreichte und auf den Autobahntafeln zum ersten Mal das Wort "Zentrum" zu lesen war, was eine besondere Wirkung auf mich hatte, denn "Zentrum", das klang gut, das klang verheißungsvoll, das

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