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Brot und Unwetter von Benni, Stefano (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.03.2013
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
eBook (ePUB)
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Brot und Unwetter

Ein italienisches Dorf mit der unvermeidlichen Bar Sport, in der alle zusammenkommen: der Tierarzt, der Tankwart, der Gemüsehändler, die Frauen, der polnische LKW- Fahrer ... natürlich allesamt Weinkenner und Philosophen - sie erzählen Geschichten, dass uns die Augen tränen vor Lachen. Welches sind die siebenundzwanzig Tätigkeiten, die den zivilisierten Menschen ausmachen? Für den Großvater, Nonno Stregone, beginnen sie morgens mit dem Erwachen und dem Einatmen des Dufts von frischem Brot, der seine Schlafkammer erreicht. Dann erst folgen das Öffnen der Augen, das Aufstehen, die mühsame Suche zueinander passender Socken, das Finden des richtigen Hosenbeins ... schließlich macht sich Nonno Stregone auf den Weg in die Bar Sport. Seine Geschichte ist auch die Geschichte der Bar mit ihren - versoffenen oder geschäftsuntüchtigen - Besitzern, und was die Bewohner des Dorfes Montelfo dort zum Besten geben, fügt sich zu einem Kaleidoskop italienischen Lebens in den letzten fünfzig Jahren. Derweil graben sich riesige Schaufelbagger durch den Wald, die Bar soll einem neuen Centro Commerciale weichen. Dann verpatzt Montelfo auch noch seinen Fernsehauftritt, während das Nachbardorf Montombrico durch die mordende Eisfrau in allen Medien berühmt wird. Zur Rettung der Bar kommt das ganze Dorf zusammen, aber wird es nützen? Kann man durch Geschichtenerzählen das Böse aus der Welt schaffen? Stefano Benni lässt es uns glauben.

Stefano Benni wurde 1947 in Bologna geboren, wo er auch heute noch lebt. 1981 publizierte er seinen ersten Lyrikband, erlebte jedoch den literarischen Durchbruch erst zwei Jahre später mit seinem Science-Fiction-Roman 'Terra'. Seither zählt Benni zu den erfolgreichsten und bekanntesten Autoren Italiens, wo von seinen Büchern - Romane, Erzählungen und Gedichte - mehr als 2,5 Millionen Exemplare verkauft wurden. Seit 1992 hat er zudem zahlreiche Theaterstücke verfasst, von denen die meisten am Teatro dell'Archivolto in Genua uraufgeführt wurden. 1989 führte er Regie bei dem Film 'Musica per vecchi animali'. Benni schreibt regelmäßig Kolumnen für 'Panorama' und die Tageszeitung 'Il Manifesto'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 28.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803141347
    Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
    Originaltitel: Pane e tempesta
    Größe: 942 kBytes
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Brot und Unwetter

Zwille, Alice und andere Jugendliche

Der Opa Seher schwieg lange und hörte jenen weit entfernten Geräuschen zu.

Die Fliegen summten um ihn herum und redeten wie immer alle auf einmal, sodass man kein Wort verstand.

Sie waren besorgt.

Der Wirt Trincone kam heraus und setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, einen Liegestuhl, der die Titanic überlebt hatte. Verschlafen und majestätisch hielt er in der rechten Hand eine Mokkatasse und in der linken ein Glas Grappa. Das war seine Auffassung von 'Caffè corretto'.

Auch er hörte die Geräusche im Wald und kratzte sich am Kopf. Aus seinem Haar zog er eine Kreatur, von der so gut wie sicher war, dass sie lebte, und die er mit Sorgfalt untersuchte, bevor er sie wieder dem Ökosystem zuführte.

Der treue Hund Merlot kam an seine Seite. Mit der Hand zermalmte ihm Trincone die Schnauze und verknotete ihm die Eckzähne. Das war seine übliche Liebesgeste. Der Hund erwiderte sie, indem er auf seinen Liegestuhl pinkelte. Dann ging er zum Opa und grüßte ihn, indem er in einem hündischen Vocalese jaulte:

"Uooo ee, ii ee?"

Das sollte heißen: Buongiorno, Seher, wie geht's?

"Mir geht's gut und selbst? Wie läuft es mit der Pudeldame von der Apothekerin?"

Merlot antwortete nicht und pinkelte erneut. Er legte großen Wert auf seine Privatsphäre.

Vom Ende der Straße kamen zwei Gestalten näher. Der Opa nahm noch vor ihrem Erscheinen ihren Geruch wahr. Eine roch nach Blumen und Betäubungsmittel. Die andere nach Schießpulver und Misthaufen.

Voraus lief ein weißgekleidetes Mädchen mit blondem Erzengelhaar. Von allen Sonnenstrahlen war sie umgeben und strahlte sie wie ein wertvoller Kristall zurück. Die Vöglein umkreisten sie, und die Blumen neigten sich, wenn sie vorüberschritt.

Es war Alice, die Tochter des Tierarztes Rettganso, sie war dreizehn Jahre alt.

Mit wenigen Metern Abstand, nicht auf der Straße, sondern mitten im hohen Gras laufend, folgte ihr ein schlechtgekleideter Junge mit finsterem Antlitz und Haaren, die wie Igelstacheln zu Berge standen. Die Schatten der Bäume überragten ihn bedrohlich, die Hasen flohen bei seinem Anblick, und ein Brennnesselstrauch biss ihm in die Wade. Sogar eine sanfte Amsel überflog ihn und traf ihn mit zwei Guanobomben.

Es war Zwille, der Neffe des Wilderers Garbe, er war dreizehn Jahre alt.

Alice grüßte den Opa von Weitem, dann drehte sie sich um und sagte irgendetwas zu Zwille.

Doch Zwille antwortete nicht, im Gegenteil, er versteckte sich noch mehr im hohen Gras, folgte ihr aber weiterhin.

Alice liebte die Natur in all ihren Erscheinungsformen, vom niedrigsten Kuhfladen bis zum raffiniertesten Muster auf den Flügeln eines Schmetterlings.

Zwille hingegen wusste, dass die Natur stiefmütterlich, übel riechend und anstrengend war. Er wusste, dass der Schmetterling nur einen Tag lebt und dass das Schwein schreiend stirbt.

In seiner zugigen Behausung unter dem Kornspeicher, wo Mäuse und Siebenschläfer auf Trab waren, gab es an der abgebröckelten Wand seines Zimmers ein Geheimnis.

Eine Photographie von Alice, als Schneewittchen verkleidet beim Schultheater. Im Hintergrund sieben anbetende Zwerge. Der dritte von rechts war er, im unmissverständlichen Akt begriffen, sich die Nüsse in der grünen Strumpfhose zurechtzurücken.

Denn Zwille liebte Alice mit einer unmöglichen, verzweifelten, totalen und schmerzhaften Liebe. Und das reicht, weil die Verschwendung von Adjektiven zwar zu den Gefühlen vermögender Romantiker passt, nicht aber zu einem proletarischen Knaben vom Land.

Alice erreichte den

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