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Buch gegen das Verschwinden Geschichten von Sandig, Ulrike A. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.02.2015
  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
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Buch gegen das Verschwinden

Ein junger Journalist versucht inmitten der Unruhen um den Istanbuler Gezi-Park die Erwartungen seiner Mutter abzuschütteln, die nach dem Mauerfall 1989 das Reisefieber gepackt hat. Ein Wanderer geht während eines Schneesturms in den uralten verwunschenen Wäldern des Engadin verloren. Ein kleines Mädchen wird zum nächsten Venusdurchgang von der Großmutter ans Ende der Welt geflogen. Wohin ihre Spuren führen, ist eines der vielen Rätsel dieser Geschichten. Ulrike Almut Sandig beschreibt mit ihrer farbigen und poetischen Sprache nur scheinbar vergangene Orte. In Wirklichkeit leben sie in den Biografien der Älteren und den Lebensentwürfen der jungen Generation fort. Beziehungen werden von den Stürmen der Geschichte durchweht und trügerische Gewissheiten geraten ins Wanken. In ihrem neuen Buch bietet Ulrike Almut Sandig den Zauber des Erzählens gegen das Verschwinden ganzer Welten aus dem Bewusstsein auf. Ulrike Almut Sandig wurde in Großenhain geboren. Bisher erschienen von ihr vier Gedichtbände, drei Hörbücher, zwei Erzählungsbände, ein Musikalbum mit ihrer Poetry-Band Landschaft sowie zahlreiche Hörspiele. Ihre Gedichte wurden verfilmt und übersetzt, für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise. Zuletzt wurde sie 2017 mit dem Literaturpreis Text & Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet, 2018 mit dem Wilhelm-Lehmann-Preis. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 03.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731760658
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1191 kBytes
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Buch gegen das Verschwinden

Weit unter uns die flüssigen Felsen

R ote Wangen hatte Erika. Rote Wangen im Sommer und rote Wangen im Winter, morgens und abends und auch noch im Schlaf. Fünfzig lange Jahre lang sah Erika aus, als sei sie gerade von draußen hereingekommen und auf dem Rückweg ein Stück gerannt, um schneller heimzukommen und sich mit einem verhaltenen Lachen aufs Sofa fallen zu lassen, neben mich. Selbst als sie nicht mehr rennen wollte, sah Erika noch so aus, selbst als sie es nicht mehr konnte, und auch dann noch, als sie das Haus, das ich uns gebaut hatte, nicht mehr verließ.

Während der letzten fünfzehn Jahre verschwamm sie zusehends vor meinen Augen, sobald ich ihr nahe kam, um ihr übers Gesicht zu streichen. Ich bin zum Augenarzt gegangen und habe mir eine Gleitsichtbrille verschreiben lassen. Sie half ein bisschen, aber mir wurde schwindlig, sobald ich sie trug, also ließ ich sie im Etui. Erika verschwamm vor meinen Augen, als ginge die Unschärfe von ihr selbst aus und nicht von mir, von einer Eigenart ihres Charakters, die sich im Älterwerden nach außen kehrte. Sie wurde von den Rändern her durchsichtig und mehr und mehr eins mit den Zimmern unseres Hauses. Ich nahm das so hin und betrachtete sie nur von Weitem, wenn sie langsam durch die Zimmer ging und Blumen goss, oder wenn sie auf dem Sofa saß, mit leicht gebeugtem Rücken und dem Kopf über einem Buch, oder wenn sie mit geröteten Wangen über einem Kreuzworträtsel am Küchentisch saß und hin und wieder den Kopf hob, um mich nach dem Namen eines Flusses oder einer längst vergangenen Epoche der Erdgeschichte zu fragen.

Als wir jünger waren, habe ich mich manchmal so nah vor sie hingestellt, dass ich ihren Atem hören konnte. Ich sah dann, wie sich ihre Brust unmerklich hob und senkte, als müsste sie nie damit aufhören. Ich vertiefte mich in die zarten Blutgefäße, die sich über ihre Wangen zogen, ich kannte ihr Muster auswendig. Sie hatten die Farbe von Heidekraut, und davon hatten wir viel in Wölfelsgrund, wo wir jeden Sonntag zusammen durch die Wälder gestreift waren, Arm in Arm, und das Laufen war ganz aus freien Stücken und fiel uns leicht. Wirklich, meine Erika ist in ihrem Leben genug gelaufen, und ich immer neben ihr her.

Hinter dem Ortsausgang in Richtung Glatzer Schneeberg stand in dichten Büscheln das Heidekraut. Noch im November, wenn alle Blätter von den Bäumen verschwunden waren, leuchtete es zwischen Moos und Laub. Wenn ich meine Erika daran erinnerte, dass wir das Heidekraut in Wölfelsgrund immer Erika nannten, und ihr dabei neckend über die Wangen strich, drehte sie den Kopf zur Seite und sagte in einem Tonfall, als müsste sie sich verteidigen: Der Winter war zu kalt, ich kann ja nichts dafür!

Nachts vor dem Einschlafen lag sie auf dem Rücken, das Federbett bis unters Kinn gezogen, die Hände flach auf ihrem Bauch, und ich lag auf der Seite, den Kopf in eine Hand gestützt, mit der anderen habe ich ihre geröteten Wangen gestreichelt. Erzähl mir etwas von dir, hat sie manchmal gesagt und gewusst, dass ich nicht nein sagen würde zu meiner Erika. Aber weil sie mich doch auswendig kannte, wirklich alles über meine kurzen Tage in diesen langen Jahren wusste, habe ich ihr lieber von den Bodenschichten unter unserem Haus erzählt, das ich nach der Flucht für sie gebaut hatte und das wir beide nicht mehr verlassen wollten, so war es jedenfalls abgemacht.

Ich begann immer direkt unter dem Keller, während sie es sich bequem machte, ihr Kopfkissen zurechtschob und die Hände wieder zurück auf den Bauch legte. Darunter kommt die Auffüllung, erklärte ich ihr. Kellergeschosse zerbombter Gebäude tragen unseren Keller, breite Schichten aus Ziegelbruch, Beton und Hausmüll, Holz- und Kohlevorräte früherer Bewohner, hier und da ihre Knochen, und an dieser Stelle beeilte ich mich, zum Auelehm überzugehen, der wie Thunfisch in der Dose in feine, feuchte Schichten geblättert liegt und Einschlüsse uralter Kiefern birgt.

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