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Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens von Wassermann, Jakob (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.05.2013
  • Verlag: LangenMüller
eBook (ePUB)
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Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens

Die bedeutendste und erfolgreichste Roman-Biographie des Meisters psychologisch-realistischer Dasrstellung - die atemberaubende Rekonstruktion eines spektakulären Staatsverbrechens: 'Jakob Wassermans schönstes Werk.' 'Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens' ist eines der Hauptwerke Jakob Wassermanns (1873-1934): eine groß angelegte psychologisch realistische Roman-Biographie, deren Niederschrift jahrelanges Studium der einschlägigen Akten und Literaturen vorausging und die alle zur Zeit der Entstehung (1908) bekannten historischen Details berücksichtigt. Sie gilt noch heute als der wichtigste, gültig gebliebene Beitrag zum Thema Caspar Hauser im Gewand eines historischen Romans. Jakob Wassermann (eigentlich: Karl Jakob Wassermann) wurde am 10. März 1873 im fränkischen Fürth geboren. Zeit seines Lebens prägte ihn das Spannungsfeld, Deutscher und Jude zugleich zu sein. Die religiöse Identität als Jude war für ihn weder in seiner Jugend noch im Verlauf seines weiteren Lebens von großer Bedeutung oder doch nur insofern, als er sich in seinem christlichen Umfeld als Außenseiter empfand. Das Gefühl der Fremdheit und des Andersseins als die anderen begleitete ihn durch sein ganzes Leben. Doch erst in seiner Militärzeit wurde er mit der vollen Härte des Antisemitismus konfrontiert. Wie ein roter Faden zieht sich durch seine Romane die Anklage gegen 'die Trägheit des Herzens', gegen menschliche Gleichgültigkeit und Inhumanität, die er selbst als Deutscher jüdischer Abstammung schmerzhaft am eigenen Leibe gespürt hatte. Wassermann sah das Schreiben in gewisser Weise als eine Art 'Handwerk', das durch Übung erlernt und vervollkommnet werden kann. Er verfügt über eine bemerkenswerte Sprachgewalt, die er in den Dienst seines Anliegens stellt, die Menschen zur Menschlichkeit aufzurufen. Seine Romane sind meisterhaft konzipiert und spannend aufgebaut. Heute so lesenswert wie am ersten Tag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 392
    Erscheinungsdatum: 03.05.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783784481449
    Verlag: LangenMüller
    Größe: 430 kBytes
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Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens

Der fremde Jüngling

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.

Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.

Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halb verdunkelte Kammer zu treten, wo der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten ihre dichtgedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen, das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte, das es zufällig bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm, gerührt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt hatte. Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu können; er hatte offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Körpers, und wenn er seine Hände zum Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften Widerstand entgegensetzte.

"Welch ein armseliges Ding", sagten die Leute. Viele waren der Ansicht, daß man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Höhlenmensch etwa, und unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, daß der Knabe jede andere Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies.

Nach und nach wurden die einzelnen Umstände, unter denen der Fremdling aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fünfte Nachmittagsstunde hatte er plötzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom Neuen Tor, gestanden, eine Weile verstört um sich geschaut und war dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt. Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig vor, und da nun einige andere Personen hinzukamen, schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des Rittmeisters. Dort fiel er erschöpft auf die Stufen, und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut.

Der Rittmeister kam erst um die Dämmerstunde heim, und seine Frau erzählte ihm, daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im Stall schlafe; zugleich übergab sie ihm den Brief, den der Rittmeister, nachdem er das Siegel erbrochen, mit größter Verwunderung einige Male durchlas. Es war ein Schriftstück, ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit. Der Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken, was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die militärisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich kurzerhand, den Zuläufer auf die Polizeiwachstube bringen zu lassen.

Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft, denn der Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg; wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden, und die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an der Sache. "Was gibt's denn?" fragten die, welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne beobachteten. "Ei, sie führen einen betrunkenen Bauern", lautete de

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