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Coin Locker Babys von Murakami, Ryu (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.06.2015
  • Verlag: Septime Verlag
eBook (ePUB)
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Coin Locker Babys

Hashi und Kiku wurden nach ihrer Geburt in Münzschließfächern zurückgelassen. Die beiden Jungs verbringen ihre Jugend zunächst im Waisenhaus und später bei Pflegeeltern auf einer verlassenen Insel, bevor sie schließlich in die Stadt ziehen, um die Frauen, die sie wegegeben hatten, zu finden und zu vernichten. Gemeinsam oder getrennt ist ihre Reise vom Münzschließfach zu einem atemberaubenden, wilden Höhepunkt eine Achterbahnfahrt durch die unheimliche Landschaft eines Japan im späten zwanzigsten Jahrhundert. Nachdem sie ihre Zieheltern verlassen hatten zieht es beide ins Giftghetto, eine von Freaks und Strichern belebte Gegend. Während sich Hashi zu einem bisexuellen Rocksänger entwickelt, Star in dieser exotischen Halbwelt, sucht Kiku, seine Rache in Gesellschaft seiner Freundin, einem Modell, die ihre Wohnung in einen tropischen Sumpf für ihr Krokodil umgewandelt hat. Doch die Rachepläne die Kiku verolgt gehen weiter als blos seine Mutter zu finden ... "Coin Locker Babys" nennt man in öffentliche Schließfächer abgelegte Neugeborene. Diese Praxis findet man häufig in Japan oder China vor. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass ein Baby dies überlebt. Coin Locker Babys ist eine surreale Coming-of-Age-Geschichte in einem Japan der nahen Zukunft, die Ryu Murakami als einen der einfallsreichsten Autoren der Welt etablierte.

Ryu Murakami, Jahrgang 1952, ist neben seiner Tätigkeit als Filmemacher einer der interessantesten japanischen Schriftsteller der Gegenwart. Mit dem Akutagawa-Preis ist er Inhaber des wichtigsten Japanischen Literaturpreis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 560
    Erscheinungsdatum: 19.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061156
    Verlag: Septime Verlag
    Originaltitel: Coin Locker Babies
    Größe: 658 kBytes
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Coin Locker Babys

1

Die Frau drückte dem Säugling auf den Bauch und sog sein kleines Glied in ihren Mund. Es war so dünn wie die amerikanischen Mentholzigaretten, die sie gern rauchte, und schmeckte nach rohem Fisch. Sie wartete, ob das Kind anfangen würde zu weinen, aber da es sich nicht rührte, zog sie ihm die dünne Plastikfolie vom Gesicht. Sie legte einen Pappkarton mit zwei Handtüchern aus und bettete es hinein. Anschließend versiegelte sie den Karton mit Klebeband und wickelte eine Schnur darum. Auf den Deckel und die Seiten schrieb sie in großer Schrift einen falschen Namen und eine erfundene Adresse. Sie frischte ihr Make-up auf, doch als sie in ihr gepunktetes Kleid schlüpfen wollte, spannten ihre prallen Brüste so schmerzhaft, dass sie sie mit der rechten Hand massierte und etwas weißliche Flüssigkeit auf den Teppich tropfte. Ohne sie zu entfernen, zog sie ihre Sandalen an, griff nach dem Karton mit dem Kind und verließ die Wohnung. Während sie ein Taxi heranwinkte, dachte sie an das Spitzendeckchen, an dem sie häkelte. Wenn sie es fertig hatte, würde sie einen Topf mit Geranien daraufstellen. Es war ein außerordentlich heißer Tag und ihr war etwas schwindlig. Das Radio im Taxi meldete, dass die Temperaturen Rekordhöhe erreicht und unter Alten und Kranken bereits sechs Todesopfer gefordert hatten. Am Bahnhof angekommen, schob die Frau den Karton in eines der Münzschließfächer und wickelte den Schlüssel in eine Damenbinde. Um der staubigen Hitze zu entfliehen, ging sie in ein Kaufhaus, warf den Schlüssel dort in eine Toilette und rauchte eine Zigarette. Als sie sich etwas abgekühlt hatte, kaufte sie eine Strumpfhose, Chlorbleiche und Nagellack, dann trank sie einen Orangensaft. So durstig war sie gewesen! Wieder suchte sie die Toilette auf, stellte sich ans Waschbecken und begann, mit größter Sorgfalt den eben gekauften Nagellack aufzutragen.

Als sie ihren linken Daumennagel lackiert hatte, brach dem halb toten Baby in seinem dunklen Gefängnis der Schweiß aus. Er strömte aus allen Poren seines Körpers und kühlte ihn. Die Finger des Kindes zuckten, sein Mund öffnete sich und es begann zu schreien. Es war einfach zu heiß in dem feuchten, stickigen, zweifach versiegelten Karton. Die Hitze hatte den Blutkreislauf des Kindes beschleunigt und es damit geweckt. Sechsunddreißig Stunden nachdem der kleine Junge zum ersten Mal mit Luft in Berührung gekommen war, erlebte er in dem engen, dunklen Kistchen eine Art Wiedergeburt. Er schrie so lange, bis jemand ihn fand.

Man brachte ihn auf die Säuglingsstation in einem Polizeikrankenhaus. Einen Monat später erhielt er den Namen Kikuyuki Sekiguchi. Sekiguchi war der Name, den die Frau auf den Karton geschrieben hatte. Kikuyuki war die Nummer 18 auf der Namensliste für Findelkinder der Sozialstation von Nord-Yokohama. Als Geburtsdatum trug man den 18. Juli 1972 ein, den Tag, an dem man ihn gefunden hatte.

Kikuyuki kam in das Waisenhaus Unsere Liebe Frau von den Kirschblüten . Das Kirschblütenheim, wie es im Volksmund hieß, war von einem hohen Eisenzaun umgeben und grenzte an einen Friedhof. Zierkirschen säumten die Zufahrtsstraße. Kikuyuki, den die anderen Kinder Kiku nannten, wuchs unter der Obhut der Nonnen heran, die ihm ihre Gebete beibrachten.

"Du hast einen Vater im Himmel, der dich beschützt", erklärten sie ihm außerdem, "und du musst an ihn glauben." In der Kapelle hing ein Bild von diesem Vater. Er hatte einen Bart und stand auf einer Klippe am Meer, wo er andächtig ein neugeborenes Lamm gen Himmel hielt. Kiku stellte den Schwestern immer wieder die gleichen Fragen: Wo war er auf dem Bild und warum war der Vater ein Ausländer? Und sie erklärten ihm, dass das Bild vor seiner Geburt gemalt worden sei und der Vater außer ihm noch viele andere Kinder habe. Augen- und Haarfarbe würden für ihn keine Rolle spielen.

Die Kinder im Kirschblütenheim wurden nach ihr

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