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Cyril Avery Roman von Boyne, John (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.05.2018
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Cyril Avery

Seit seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er nämlich keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn in die Familie auf, doch auch dort findet er nicht das Zuhause, nach dem er sich sehnt. In dem katholischen Jungeninternat, auf das sie ihn schicken, lernt er schließlich Julian Woodbead kennen und schließt innige Freundschaft mit ihm. Bis er mehr für den rebellischen Lebemann zu empfinden beginnt und auch dieser Halt für ihn verloren geht. Einsam und verzweifelt verlässt Cyril letztendlich das Land - ohne zu wissen, dass diese Reise über Amsterdam und New York ihn an den Ort führt, nach dem er immer gesucht hat: Heimat.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman 'Der Junge im gestreiften Pyjama', der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als 'ein kleines Wunder' (The Guardian) gefeiert wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 832
    Erscheinungsdatum: 02.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492990967
    Verlag: Piper Verlag
    Originaltitel: The Heart's Invisible Furies
    Größe: 798 kBytes
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Cyril Avery

1945
Der Kuckuck im Nest
Die guten Menschen von Goleen

Lange bevor wir herausfanden, dass er zwei Kinder mit zwei verschiedenen Frauen gezeugt hatte, einer in Drimoleague und einer in Clonakilty, stand Father James Monroe vor dem Altar der Kirche Unserer Lieben Frau, Stern des Meeres, der Gemeinde Goleen in West Cork und brandmarkte meine Mutter als Hure.

Die Familie saß in der zweiten Reihe, mein Großvater am Gang, wo er mit seinem Taschentuch die an die hölzerne Lehne vor ihm genagelte Bronzeplakette zum Gedenken an seine Eltern polierte. Er trug seinen Sonntagsanzug, den meine Großmutter am Abend zuvor erst aufgebügelt hatte. Sie ließ die Jaspisperlen ihres Rosenkranzes durch ihre verwachsenen Finger wandern und bewegte stumm ihre Lippen, bis er seine Hand auf ihre legte und ihr befahl aufzuhören. Meine sechs Onkel, das dunkle Haar feucht schimmernd von nach Rosenwasser duftender Pomade, saßen in nach Alter und Dummheit aufsteigender Ordnung neben ihr, jeweils zwei, drei Zentimeter kleiner als der nachfolgende ältere Bruder, was von hinten klar zu erkennen war. Die Jungs taten ihr Bestes, um wach zu bleiben, nachdem es am Vorabend in Skull einen Tanz gegeben hatte. Schwer angeschlagen waren sie nach Hause gekommen und hatten nur wenig schlafen können, bevor ihr Vater sie zum Kirchgang weckte.

Am Ende der Bank, unter der Schnitzerei der zehnten Station des Kreuzwegs, saß meine Mutter voll panischer Angst vor dem, was gleich kommen würde. Sie traute sich kaum, den Blick zu heben.

Die Messe begann wie immer, erzählte sie mir später, müde absolvierte der Priester die Eingangsrituale, und die Gemeinde sang gewohnt schief das Kyrie. William Finney, ein Nachbar meiner Mutter aus Ballydevlin, stieg aufgeblasen zur ersten und zweiten Lesung auf die Kanzel, räusperte sich direkt ins Mikrofon und betonte jedes Wort mit so dramatischer Eindrücklichkeit, als stände er auf der Bühne des Abbey Theatre. Father Monroe schwitzte sichtlich unter dem Gewicht seines Ornats und vor Wut, und nachdem die Gemeinde das Halleluja gesungen und er das Evangelium verkündet hatte, bedeutete er allen, sich zu setzen. Die drei rotbackigen Messdiener eilten zu ihrer Bank auf der Seite und tauschten aufgeregte Blicke. Vielleicht hatten sie in der Sakristei die priesterlichen Notizen gelesen oder gehört, wie Father Monroe seine Rede einübte, während er sich das Gewand über den Kopf zog. Vielleicht wussten sie auch nur, zu welcher Grausamkeit dieser Mann fähig war, und waren froh, dass sie sich an diesem Tag nicht gegen sie richten würde.

»Meine Familie lebt in Goleen, seit es Aufzeichnungen gibt«, fing Father Monroe an und sah auf einhundertfünfzig erhobene und einen gesenkten Kopf. »Einmal kam mir das fürchterliche Gerücht zu Ohren, dass mein Urgroßvater Verwandte in Bantry hätte, doch das hat sich zum Glück nicht bestätigt.« Ein dankbares Lachen der Gemeinde: Ein bisschen lokalpatriotische Bigotterie tat niemandem weh. »Meine Mutter«, fuhr er fort, »war eine gute Frau, sie liebte ihre Gemeinde. Sie ging ins Grab, ohne West Cork je verlassen zu haben, und sie hat es nie auch nur einen Moment bereut. 'Hier leben gute Menschen', hat sie mir immer gesagt. 'Gute, ehrbare, katholische Menschen.' Und nie, nie hatte ich Grund, daran zu zweifeln. Bis heute.«

Kurz wurde es unruhig in der Gemeinde.

»Bis heute«, wiederholte Father Monroe langsam und schüttelte traurig den Kopf. »Ist Catherine Goggin anwesend?« Er sah sich um, als hätte er keine Ahnung, wo sie sein könnte, obwohl sie seit sechzehn Jahren jeden Sonntagmorgen auf demselben Platz saß. Sofort drehten sich die Köpfe aller Männer, Frauen und Kinder in ihre Richtung, mit Ausnahme derer meines Großvaters und meiner sechs Onkel, die entschlossen nach vorn starrten, und meiner Großmutter, die ihren Blick in dem Augenblick senkte, als meine Mutter aufsah. Das Auf und Ab der Schande.

»Catherine Goggin, da bist du

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