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Düsterbusch City Lights Roman von Kühne, Alexander (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.02.2016
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Düsterbusch City Lights

"David Bowie spielt hier nicht, Anton." - "Doch, irgendwann schon." Düsterbusch ist kein Ort für Helden. Nicht Preußen, nicht Sachsen, ein Kaff am Rande des Spreewalds. Anton wohnt hinter dem Mähdrescherfriedhof und träumt vom großen Leben. Bis er eine glänzende Idee hat: Sein Dorf soll Metropole werden, mit U-Bahn-Anschluss und Leuchtreklamen. Mit einer Handvoll Freunden macht er sich daran, mitten in der DDR einen Szene-Club nach Londoner Vorbild aufzuziehen. Alexander Kühne erzählt die Geschichte von einem, der bleibt und kämpft - aber nicht politisch, sondern mit den Waffen der Popkultur. Er erzählt von den großen Träumen im Kleinen und vom Scheitern einer Utopie. Alexander Kühne wuchs in Lugau, heute Brandenburg, auf. Nach der Lehre in einer Schraubenfabrik arbeitete er auf einem Kohleplatz, bei der Staatlichen Versicherung und verkaufte Modelleisenbahnen. Gleichzeitig organisierte er mit Freunden in seinem Heimatdorf Konzerte mit Bands der DDR-Punk- und New-Wave-Szene. 1990 zog er nach Berlin und machte eine Ausbildung zum Fernsehjournalisten. Er schreibt für Film, Fernsehen und Zeitschriften.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 29.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641166458
    Verlag: Heyne
    Größe: 952 kBytes
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Düsterbusch City Lights

01 Küsse an den Rieselfeldern

Im Alter von zehn Tagen geriet ich das erste Mal auf die schiefe Bahn. Schuld war der hemmungslose Konsum von Alkohol. Mein Vater hatte aus Freude über die Ankunft seines Sohnes an einem Oktobertag des Jahres 1964 mit Onkel Werner stark getrunken. Der war kein richtiger Onkel, mehr ein Saufkumpan meines Vaters. Tatort war die Kneipe von Düsterbusch. Ein Korn jagte den anderen.

"Los, Dicker, wir müssen ...", lallte Onkel Werner irgendwann, doch mein Vater war nicht mehr wachzukriegen.

Ein paar Stunden später schwankte Onkel Werner zur Tür des Krankenhauses Frankenwalde herein. Statt Blumen für die Mutti hatte er einen Dreizehner-Maulschlüssel in den öligen Fingern. Der Keilriemen seines F9 war unterwegs abgesprungen. Ohne Gratulationskitsch verfrachtete er Mutter und Kind in sein Auto. Von Fehlzündungen unterbrochen und mit reichlich Promille auf dem Kessel, raste er aus der Kreisstadt über die Landstraße. Irgendwo im Wald passierte es: Der Keilriemen riss, sein F9 wurde aus der Kurve getragen. Das Auto überschlug sich und landete im Straßengraben. Diese rasanten Richtungswechsel stifteten erste Verwirrung in meinem zarten Gehirn. Äußerlich unverletzt wurden Mutter und Kind aus den Trümmern geborgen. Mit einem Krankentransport kam ich zurück in die Klinik. Ein Halswirbel hatte etwas abbekommen. Meine Mutter stieß Flüche auf meinen Vater gen Himmel, während mir eine Krause angelegt wurde. Dann kam ich endlich in mein Heimatdorf.

Düsterbusch lag in der Mitte zwischen Dresden und Berlin und trotzdem irgendwo am Rand. Nicht Preußen, nicht Sachsen. Nicht Spreewald, nicht Braunkohle. Auf den ersten Blick ein Dorf wie alle im Osten. Der Konsum, das LPG -Büro, der Sportplatz und die meisten der Gehöfte und Wohnhäuser säumten beidseitig die von Schlaglöchern verwundete Hauptstraße. Dazwischen das zugewachsene Kriegerdenkmal, ein riesiger Findling, auf dem der deutsche Adler thronte. Niemand kümmerte sich mehr um ihn. Dumpf sein Blick aus schimmligen Augen über die Dorfaue, die von der Bache durchzogen wurde, einem verkrauteten Seitenarm der Schwarzen Elster.

In der Dorfmitte, wo die Hauptstraße einen Knick machte, lagen die beiden Wahrzeichen des Ortes: eine große gotische Kirche mit zwei majestätischen Türmen, die von Weitem wie überdimensionale Schnapsflaschen aussahen. Gegenüber stand die Kneipe, in der mein Vater eingepennt war.

Die Kneipe war das kulturelle Zentrum von Düsterbusch. Angeblich hatte hier schon im Mittelalter der als Popstar geltende Walther von der Vogelweide seine Hits gespielt. Einst hieß sie Zur Linde, weil ein riesiger Baum den Vorplatz zierte. Später sägten die Kommunisten die Linde ab und tauften den Laden in Konsum-Gaststätte Düsterbusch um. Die Genossen hatten eben keinen Sinn für Romantik. Der Volksmund behielt jedoch den alten Namen bei. In der Linde wurden die Männerfastnacht, Hochzeiten und Erntedankfeste gefeiert. Vor allem sonntags stapelten sich zig Fahrräder am Eingang, wenn die Düsterbuscher beim Frühschoppen soffen, als ob es kein Morgen gäbe.

Meine Mutter war eher durch Zufall nach Düsterbusch geraten und sagte später immer: "Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war dieses elende Kaff."

Eigentlich kam Elisabeth Schmidt aus Berlin. Nach dem Krieg musste sie dort mit anderen ehemaligen BDM -Mädchen Munition wegräumen. Sie machte den Rücken krumm und malte sich mit Kohle das Gesicht schwarz, damit sie möglichst hässlich aussah, denn die Soldaten der Roten Armee wurden zudringlich.

Bald tauchten neue Marschierer auf, sie trugen jetzt blaue Hemden und versprachen, dass in ihrem Reich die Sonne niemals untergehe. Elisabeth ließ sich anstecken vom Programm der Freien Deutschen Jugend, vom Klang der Trommeln und S

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