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Daniel Jesus Neu bearbeitete Ausgabe von Leppin, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.06.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Daniel Jesus

Die Erzählung "Daniel Jesus" von Paul Leppin, erstmals erschienen im Jahr 1905, nahmen viele zeitgenössische Leser als pornografisch wahr. Tatsächlich greift der Roman, der starke Parallelen zu Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"aufweist, allerdings eher Friedrich Nietzsches Gedanken zum Christentum und dessen Ablehnung der Sexualität auf. Die stark erotisch aufgeladene Geschichte stellt ein aufregendes Beispiel für das Schaffen der damaligen Prager Künstlerszene dar, eine Perle der Literatur, die völlig zu Unrecht heute fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Wie bei allen Werken der ofd edition wurde die ursprüngliche Druckfassung nicht automatisiert kopiert, sondern sorgfältig neu editiert und dabei der heute geltenden Rechtschreibung angepasst - die bessere Lesbarkeit verhilft so zu einem ungetrübten Lesegenuss. Paul Leppin (1878 - 1945) lebte in Prag und schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke. Er pflegte enge Kontakte zur tschechischen Künstlerszene und verfasste für die Münchner Zeitschrift "Die Gesellschaft" Beiträge über tschechische Literatur und Kunst. Leppins Werk galt in zeitgenössischen konservativen Kreisen als dekadent und teilweise pornografisch. Mit der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939 kam seine literarische Karriere weitgehend zum Erliegen. Erst in jüngster Zeit ist Leppins Werk wieder etwas stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 83
    Erscheinungsdatum: 10.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783837082609
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 1518 kBytes
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Daniel Jesus

Daniel Jesus

Es war eine lange und ziellose Straße, in der Daniel Jesus hinter einem hässlichen Abend ging. Der war immer vor ihm, und er konnte ihn nicht erreichen mit seinen dünnen, schmerzhaften Beinen, die einen hastigen und flackernden Schatten auf die nassen Steine des Pflasters streuten, der ihn ärgerte und verdrießlich stimmte. Der Abend lief vor ihm her wie ein tolles und boshaftes Tier, und er konnte ihn mit seinen mageren Fingern nicht greifen und konnte ihn nicht bei den wirren Haaren fassen und ihm in die zuchtlosen Augen starren, lange und nahe, so dass sein heißer Atem über seine zuckenden Wimpern fahren müsste. Das war sein lieber Gedanke und seine sehnsüchtigste Sehnsucht seit Jahren.

Wer so den Abend erwürgen könnte! Denn der Abend war böse. Natürlich müsste man vorsichtig sein. Sich nicht belauern lassen und mit einfachen und gütigen Worten sich ihm nähern und lächeln und ihn liebkosen wie ein Weib. Oh, er würde schon klug sein! Der Hass würde wie eine Inspiration in ihm leuchten, dass er die richtige Weise fände, den Abend zu bändigen und zu töten. Er gäbe sich ihm hin wie ein Knabe, der gestern ins Leben kam, und wäre sanft und leidenschaftlich und wollüstig. Er würde mit verlangenden Händen den glatten Leib dieser Metze betasten und sie schläfrig und gierig machen. Bis er unter seinen Fingern die schwarzen Adern an ihrem Halse klopfen fühlte, in denen ihr Herzblut brannte. Da würde er zudrücken, plötzlich und krampfhaft und ohne Erbarmen. Dann bekäme sie jenes furchtbare Antlitz, von dem er jede Nacht träumte. Oh Gott, dass er immer daran denken musste! Aber er konnte diesem Bilde nicht entrinnen! In jedem Spiegel war es, in den er hineinsah, und hinter jedem Fenster, an dem er vorbeiging, hing es wie eine Larve.

Es war ein bleiches und angstvolles Gesicht, das eine arge Krankheit mit Eiter und Aussatz grausam gezeichnet hatte. Und unter seinen drosselnden Gelenken war ein hilfloser Schrecken in dieses Gesicht gekommen, der seine Augen aus den Höhlen trieb. Und aus dem keuchenden Halse kroch die verfaulte Zunge wie ein Eingeweide heraus und wollte kein Ende nehmen und wurde länger und länger und wuchs und stieß die Glasscheiben der Fenster ein, an denen er vorüber musste. Die Straße war ziellos und lang, und die giftige Zunge leckte nach ihm und haschte sein Kleid, und sie kam näher und nahe. Du großer Gott! Jetzt war sie da, nur vorwärts, und sich nicht umschauen um Gotteswillen!

Daniel Jesus lief. Er lief in kurzen, zappelnden Sprüngen, und der Schweiß rann ihm in blassen Tropfen in seinen schütteren Bart. Er lief, bis ihm seine kranke Lunge den Dienst versagte und er röchelnd stehen blieb. Da lehnte er sich an einen Laternenstock und ruhte aus. Gott sei Dank! Die Angst war vorüber, und er fürchtete sich nicht mehr. Er musste wirklich zum Arzt gehen in den nächsten Tagen, denn er hatte Visionen. Der Abend war ja nicht tot, der ging vor ihm her und tanzte einen Polkaschritt um jede elektrische Lampe und hüpfte spöttisch von einer Seite der Straße auf die andere hinüber und schielte in die Parterre-Wohnungen hinein, und er hatte ihn noch nicht erwürgt, und darum brauchte er dieses Gesicht nicht so zu scheuen! Trotzdem! Und wenn es ihn zu Tode quälen sollte. Denn er hasste den Abend. Weil er sich lustig über seinen Buckel machte und ihn hundertmal nachäffte an den Häuserwänden, verzerrt und grotesk, komisch und gemein.

Jedes Mal, wenn eine Laterne kam, sah er seinen spitzigen, schiefen Buckel an der Wand und auf der Erde, zwei-, dreimal, in vielen Schattierungen und Längen. Die Sonne war ehrlich und zeigte ihm sein Gebrechen, aber der Abend verhöhnte es. Er ließ sich nicht verhöhnen, er, der reiche Daniel Jesus, dem die Leute die Hand küssten, wenn er wollte.

Verbittert und ächzend ging er weiter. Es war doch eine Miserabilität dieses Lebens, das er führte. Es hatte k

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