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Das Alphabet des Rabbi Löw Roman von Stein, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2014
  • Verlag: Verbrecher Verlag
eBook (ePUB)
14,99 €
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Das Alphabet des Rabbi Löw

Ein junger Mann trifft in seinem Stammlokal in Berlin einen Unbekannten, der sich ihm als ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk für seine Frau aufdrängt: Jeden Dienstagabend wird er ihnen eine Geschichte in Fortsetzungen erzählen - Bezahlung: eine Flasche Wodka. Mit seinen wundersamen Geschichten entführt er die Zuhörer von Berlin nach Prag und Budapest und durch das gesamte 20. Jahrhundert. In ihnen geht es um himmlische Paläste und unterirdische Städte, um Engel und Propheten, es wird geliebt, gehasst, verflucht, gestorben und gemordet. Während die Männer noch nach Liebe oder Erkenntnis suchen, haben die Frauen bereits gewählt - und bleiben am Ende doch allein. Und im Hintergrund zieht der Hohe Rabbi Löw von Prag samt Golem die Strippen und führt Regie. Benjamin Stein verknüpft geschickt die einzelnen Stränge der Geschichte und führt in die Welt des Erzählens und der Buchstaben, auf denen die Welt beruht, ein - bis Wirklichkeit und Erzählung nicht mehr zu unterscheiden sind. Mit 'Das Alphabet des Rabbi Löw' liegt jetzt eine Komplettüberarbeitung des Debütromans von Benjamin Stein vor. Ein großartiges Leseerlebnis!

Benjamin Stein, geboren 1970 in Ostberlin, lebt heute in München. Seit 1982 veröffentlichte er Lyrik und Kurzprosa in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Er studierte Judaistik und Hebraistik in Berlin, seit 1998 arbeitet er als Berater im IT-Bereich. Von 2006 bis 2008 war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift spa_tien. Er betreibt das literarische Weblog Turmsegler. 'Das Alphabet des Juda Liva' war 1995 sein erster Roman, 2010 folgte 'Die Leinwand', 2012 'Replay'. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in zehn Sprachen übersetzt. Im Verbrecher Verlag hat Benjamin Stein 2010 'So nackt an dich gewendet' von Charlotte Grasnick herausgegeben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 290
    Erscheinungsdatum: 10.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783943167962
    Verlag: Verbrecher Verlag
    Größe: 285 kBytes
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Das Alphabet des Rabbi Löw

1

Rottenstein wird vorübergehend Vater eines Teufels, verspottet Rentner und verlässt hungrig das Haus.

Als Rottenstein eines Abends, von einigen Viertellitern etwas schwach auf den Beinen, das Apartmenthaus Na Pet?inach 392 betrat und der Pförtner ihm sagte, dass sein Sohn, ein schmucker Bursche mit Stirnband, bereits angekommen sei und ihn oben erwarte, hätte ihm auf der Stelle klar sein müssen, dass all seine früheren Verfehlungen nun in einem Strafgericht auf ihn zurückfallen würden. Doch er begriff nicht, was sich hier anbahnte.

Schon gut, nuschelte er, winkte müde ab und trottete weiter in Richtung Aufzug. Als der Pförtner ihm nachrief, dass der Fahrstuhl defekt sei und der Monteur erst am Morgen kommen würde, entschlüpfte ihm ein derber Fluch, denn er wusste nicht, wie er in seinem Zustand die sechs Treppen bis zu seiner Wohnung bewältigen sollte.

Mag sein, dass ihn das Treppensteigen ein wenig ernüchterte. In der zweiten Etage fragte er sich, was ein Kind von ihm wollen könnte und warum der Pförtner den Jungen für seinen Sohn hielt. Auf dem fünften Treppenabsatz fragte er sich, warum er so betont hatte, dass der Bengel ein Stirnband trug. Und als er schließlich im sechsten Stock vor seiner Wohnungstür stand, wusste er, dass hier etwas grundlegend nicht stimmen konnte und der fortgeschrittene Abend noch eine unangenehme Überraschung für ihn bereithielt.

Die Wohnungstür war nur angelehnt. Rottenstein öffnete sie und fand zunächst alles so, wie er es verlassen hatte. Er warf den Hut auf die Flurgarderobe, hängte mit größtmöglicher Sorgfalt seinen Mantel auf und warf einen Blick ins Schlafzimmer. Dann inspizierte er Küche und Bad und fand auch diese Räume nicht unordentlicher als gewöhnlich. Von dem angekündigten Besucher keine Spur.

Rottenstein öffnete langsam die Tür zum Wohnzimmer. Dann sah er den Jungen. Er hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und war eingenickt. Der Junge war höchstens zwölf, mit rotem Struwwelkopf und einem sommersprossigen Gesicht, das so unschuldig wirkte, dass es zum Küssen war. Das knallrote Stirnband, das schon dem Pförtner aufgefallen war, hatte durchaus Pfiff. Allerdings schien es ein wenig zu breit geraten. Obwohl es dem Jungen über die Augen gerutscht war, verdeckte es noch immer beinahe die halbe Stirn.

Der Bengel schmatzte. Ein Bild für die Götter, dachte Rottenstein und schmunzelte. Entschlossen ging er auf den Stirnbandwicht zu und weckte ihn.

Für den Stups, den er ihm verpasst hatte, erntete er ein quengeliges Grunzen. Der Junge setzte sich im Sessel auf und rieb sich die Augen.

Rottenstein war einen Schritt zurückgetreten und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

Du willst also mein Sohn sein? brummelte er und wartete auf ein Wort der Erklärung. Der Junge aber schwieg zunächst und musterte ihn abschätzend.

Bist du Rottenstein? fragte er schließlich.

Und als der antwortete, dass er schon glaube, er selbst zu sein, kratzte sich der Junge hinterm Ohr.

Mein Vater, stammelte er, hat gesagt, ich soll unbedingt warten, bis Sie kommen. Ich bin aber schon seit dem Nachmittag hier. Und draußen war es so kalt.

Dein Vater? unterbrach ihn Rottenstein.

Ji?í Procházka, erwiderte der Junge. Er nestelte an seinem Stirnband. Ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie unbedingt sprechen muss.

Ji?í Procházka? Rottenstein schüttelte den Kopf. Kenne ich nicht, wehrte er ab, obgleich

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