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Das bisschen Zeug zur Ewigkeit von Bartsch, Wilhelm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.10.2015
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

Eberswalde 1965 - der 14-jährige Franz Florschütz lebt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder "Keule"und seiner "Rabenmutti" in der beschaulichen Kleinstadt nahe Berlin. Der junge Franz sucht sein Glück bei Mädchen, steigt mit seinem Handlanger Erwin Hagedorn in den Handel mit Dreigroschenheften ein und hat zu allem Überfluss die Stasi am Hals.Im Juni 1969 verschwinden plötzlich Winne und Shattie, die Botenjungen der ehemaligen Schmökerhändler und ein unvorstellbares Drama braut sich zusammen. Der Autor Wilhelm Bartsch wuchs in seiner Jugend mit Erwin Hagedorn auf, der 1972 als mehrfacher Kindermörder hingerichtet wurde. AUTORENPORTRÄT Wilhelm Bartsch, geboren 1950 in Eberswalde, debütierte 1986 mit dem Band "Übungen im Joch", der ihn schlagartig in beiden Teilen Deutschlands als Dichter bekannt machte und ihm 1987 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau eintrug. Weitere Gedicht- und Prosabände folgten, aber auch viele Herausgaben, Theater-, Rundfunk-, Film- und andere künstlerische Arbeiten. Außerdem erhielt er den Walter-Bauer-Preis 2000, zuletzt 2007 den Wilhelm-Müller-Preis des Landes Sachsen-Anhalt für sein Lebenswerk. Bartsch ist Mitglied des P.E.N. und der Sächsischen Akademie der Künste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 243
    Erscheinungsdatum: 13.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711448472
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1229 kBytes
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Das bisschen Zeug zur Ewigkeit

Franz schaut hoch, da lacht der Bär

Go melt back into the night, babe.

Bob Dylan, It Ain't Me Babe

Bob Dylan sollte im Ostfernsehen in der Sendung "Da lacht der Bär" auftreten. Ich war gleich rot geworden, als ich das hörte, und ich erröte wirklich selten. Das konnte der doch nicht machen! Jörn Hundsalz, das alte Ferkel, hatte aber mit so was oft Recht.

"Wolf Thielmann", sagte ich zu Jörn Hundsalz, "du meinst den Bassisten Wolf Thielmann von den HO-Spatzen!" Jörn Hundsalz beeimerte sich über die errötete Mürze, die er vor sich sah, und das war ich.

Dennoch saßen wir am 16. Oktober 1965 alle, aber auch alle irgendwo vor der Glotze. Wir wollten auf gar keinen Fall den Nichtauftritt von Bob Dylan bei "Da lacht der Bär" verpassen.

Ich saß zum Beispiel bei Tante Hertha. Das hat an dem Abend dort ausgesehen wie auf einem Foto von Kongo-Müller. Wie so eine Kopfpyramide in Belgisch-Kongo und nicht wie ein Fernsehabend in der DDR. Man muss genau hingucken auf die beiden schlechten winzigen Fotos. Die sind natürlich nicht von Kongo-Müller, sondern von Tante Erna.

Am besten hatte Tante Erna mal ihre HO-Spatzen hingekriegt. Das war's aber auch schon mit ihrer Fotokunst! Den Abend jedenfalls, an dem Bob Dylan im Ostfernsehen auftreten sollte, hatte Erna auch fotomäßig eindeutig vermasselt. Man sieht da also einen kongolesischen Köpfebrei von ein paar Tanten, einem Kampftrinker, einem privaten Schlosser und von dieser Matrone, die die Mutti ist von der schönsten gefrosteten Brombeere auf Erden. Leider ist kaum was zu sehen von der Brombeere Marion. Rechts unten aus der Ecke grinst auch Erwin Hagedorn hervor - ja, genau der! -, und ganz links oben, zwischen Sandkisten-Evchen und Keule mit dem lächerlichen Hut, da glotzt einer mordsernst, und das bin ich, peinlich, peinlich. Wie ich meinen Hals einschnüre da mit diesem grünen Lederschlips, den ich mir extra umgehakt hatte an dem Abend! Dieses Ding mit Schlüpfergummi und Haken und Öse! Aber all das ist da kaum zu erkennen, wenn man es nicht weiß. Zu sehen sind auch nicht die beiden Einschusslöcher überm Bauchnabel in meinem Nyltesthemd. "Siehst du die Gräber dort im Tal? Das sind die Raucher von Real !" Von diesen Lullen fiel ja immer die Glut runter und brannte sich in das Nyltest.

Ein Glück, dass ich da kaum zu erkennen bin! Dass ich wenigstens nicht mehr diesen unmöglichen graugrünen Filzhut aufhabe! In dessen Hutband links steckte ja immer auch noch so ein lächerliches Sträußchen Wellensittichfedern. Mein kleiner Bruder hatte auch genau so einen Hut gewollt, und ehe gleich zwei Brüder mit so was herumgelaufen wären, hatte er dann den von mir gekriegt. So ein Hut landete übrigens viele Jahre später auf dem Kopf von Robert de Niro in "Es war einmal in Amerika". Doch nicht deshalb sehe ich so mordsernst aus auf dem Foto. Ich war nicht mordsernst. Ich war, als Tante Erna so schlecht abdrückte, bloß schockgefrostet durch Marion.

Die Glotze von Tante Hertha ist gar nicht zu sehen. Die geballte Ladung der Zuschauer vor der Glotze war der Knipserin Erna damals wohl wichtiger gewesen.

Wie hatten denn bloß so viele Figuren in Tante Herthas Wohndose reingepasst? Und auf Ernas kleines Schwarzweißfoto mit Haifischgebiss ringsum? Hinten auf dem Fotochen steht mit Ernas winziger spitziger Schrift noch geschrieben: "Andrang bei Trude Herr!"

Mit Trude Herr hatte gleich gar keiner von uns gerechnet, bloß Erna. Am 16. Oktober 1965 herrschte noch die gute alte Tante-Erna-Zeit.

Aber noch wegen was anderem sind Tante Ernas Fotochens so wichtig. An diesem Tag, also bevor ich mit dem Großvater und der Großmutter bei Tante Hertha eintraf, war auf einmal meine Kindheit zu Ende gegangen.

Ich war da schon im Gang zum Hof, stand vor der Fassade von Opas Haus im Dunkeln und leckte wieder mal den Putz ab. Opa hatte seinen nagelneuen Kirchenchoranzug an. Ich hörte ihn lange ans Wäschehaus pinkeln. Da ware

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