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Das blaue Kleid von Dörrie, Doris (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Das blaue Kleid

Florian hat seinen Geliebten durch den Tod verloren, Babette ihren Mann. Die Suche nach dem blauen Kleid bringt die beiden zusammen: Geteiltes Leid ist halbes Leid? Wenn es nur so einfach wäre ... Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Männer Grüße aus Fukushima

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257603835
    Verlag: Diogenes
    Größe: 1884 kBytes
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Das blaue Kleid

An ihrem ersten Morgen auf Bali erwachte Babette von einem schlurfenden Geräusch, das im Rhythmus immer gleichblieb und sich nur langsam näherte. Mit unglaublicher Präzision fegte da jemand die Wege. Immer im gleichen Takt. Swusch, swusch, swusch. Ein Vogel gab einen Laut von sich wie ein klingelndes Handy. Mit der einen Hand schob sie den schweren Vorhang zur Seite. Das Licht traf ihre Netzhaut wie ein Messer. Erschrocken fuhr sie zurück, blinzelte in den Tropentag. Blutrote Hibiskusblüten [85] wiegten sich vor tiefgrünen Blättern. Ein Schmetterling so groß wie eine Untertasse segelte vorbei. Überwältigt schloß Babette wieder die Augen. Einen grauen Regenmorgen konnte sie in der Früh verkraften, aber nicht diese aufdringliche tropische Pracht. Sie hörte Fritz aus dem Klo kommen, sie roch seinen pelzigen Schlafgeruch, als er näher kam und vor ihrem Bett stand.

Verblüfft blickte er auf sie herab. Nackt und großartig wie die Maja von Goya lag seine Frau da. Die Luft des Deckenventilators spielte mit einer Haarsträhne an ihrer Schläfe. Ihre Haut glänzte prall im hellen Licht. Vielleicht könnte er sie zu ein wenig Liebe überreden. Nicht jetzt, am Morgen, da war sie meistens schlecht gelaunt, aber nachmittags, in der größten Hitze, da sollten sie sich sowieso zurückziehen, und am besten noch heute, bevor sie den unvermeidlichen Sonnenbrand bekäme und er sie mehrere Tage lang nicht anfassen konnte, ohne daß sie aufheulte.

Er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Sie erschien ihm in diesem Licht so fremd und deshalb erstaunlich attraktiv. Ihm war klar, daß sie auf dem besten Wege war, sich von ihm abzuwenden. Insgeheim hatte er sich vorgenommen, ihr zuvorzukommen. Das würde den Schmerz mindern. Er streckte die Hand nach seiner Frau aus. Sie spürte den Lufthauch auf der Haut.

Bitte nicht anfassen, dachte sie. Ich will nicht, daß du mich anfaßt. Ich will es nicht!

Er überlegte kurz, wohin er seine Hand legen sollte, am liebsten hätte er sie auf ihre großen, schneeweißen Brüste gepreßt, aber damit hätte er ein besonders unwirsches Erwachen ihrerseits riskiert, also ließ er sie auf ihren weichen [86] Oberarm sinken. Seine Hand fühlte sich klebrig an wie die Patschpfote eines Kindes.

Babette, flüsterte er. Sie ließ ihn warten.

Babette, sagte er eine Spur lauter, es ist das wunderschönste Wetter da draußen.

Trottel, dachte sie, wir sind schließlich in den Tropen.

Er schüttelte sie sanft. Langsam klappte sie die Augen auf.

Ja? sagte sie künstlich verwirrt. Sind wir schon da?

Wie zu erwarten, lachte er.

Babette hatte in langen Ehejahren gelernt, ihren manchmal überraschend aufwallenden Widerwillen durch ein wenig Schauspielerei in Ersatzliebe zu verwandeln. Dazu brauchte sie nur das verwirrte Mädchen zu spielen, und wenn sie Glück hatte, war Fritz davon so angetan, so überströmend zärtlich, daß sie sich davon wiederum rühren ließ.

Prompt beugte er sich über sie und kitzelte ihr mit seinen schon ein ganz klein wenig schütter werdenden Haaren den Bauch.

Denk mal nach, sagte er. Liegst du etwa splitterfasernackt im Flugzeug?

Sie kicherte zur Probe. Ermutigt ließ er sich auf sie fallen.

Fritz, stöhnte sie und streckte sich unter ihm. Um ihn nicht zu enttäuschen, kicherte sie abermals, bevor sie sagte: Laß mich.

Ernüchtert richtete er sich auf. Es ist fast acht, sagte er. Ich bin schon seit sechs Uhr auf. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön ...

Bitte nicht erzählen, fiel sie ihm ins Wort, untersteh dich!

Dann nicht.

Ich will es selbst sehen, okay?

[87] Es wird bald sehr heiß werden.

Wir sind ja schließlich in den Tropen.

Dir wird sehr heiß werden.

Mir wird sehr heiß werden, wiederholte sie träge. Sie sahen beide aus dem Mückenfenster in den Garten. Guck mal, sagte er, da! Ein riesiger Schmetterling!

Ja.

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