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Das Blut ist blau von Radzeviciuté, Undiné (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2019
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Das Blut ist blau

Das Adelsgeschlecht von der Borch war nicht minder einflussreich und machtgierig als ihre italienischen Verwandten, die berühmten Borgia. An der Schwelle zwischen Mittelalter und früher Neuzeit kämpft Bernhard von der Borch, Landmeister des Deutschritterordens, in Livland um den Erhalt seiner Macht, er will einen neuen Kreuzzug ins Leben rufen - doch die Zeiten der Ritterlichkeit sind vorbei. Undiné Radzevi?i?t?, in deren Adern das blaue Blut der Borchs fließt, folgt ihrer eigenen Familiengeschichte und erzählt fesselnd und gewitzt vom Kampf der letzten Ordensritter um ihre Vormachtstellung. Wird es Bernhard von der Borch gelingen, sich mit Putsch und Intrige in einer Welt zu behaupten, die bereits in Auflösung ist? Undiné Radzevi?i?t?, geboren 1967 in Vilnius, studierte an der Kunstakademie Vilnius Kunstgeschichte, Kunsttheorie und -kritik. Sie arbeitete als Art director für Werbefirmen wie Saatchi & Saatchi. 2003 erschien ihr erster Roman 'Strekaza', 2011 und 2013 kamen ihre Werke auf die litauische Shortlist der besten Bücher des Jahres sowie auf nationale Bestenlisten. 2015 gelang ihr der Durchbruch mit dem Roman 'Fische und Drachen' (dt. 2017, Residenz Verlag), der mit dem EU-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschienen: 'Das Blut ist blau' (2019). Derzeit ist sie Stipendiatin der Villa Concordia in Bamberg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 12.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701746040
    Verlag: Residenz Verlag
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Das Blut ist blau

Meine Tante Liucina ruft meine Mutter an und sagt, dass Undiiine, das bin ich, auf alles pfeift.

Zu Hause nennt man mich so. Aus unbekannten Gründen dehnen alle dieses kurze i zu einem langen iii.

Die anderen sprechen meinen Namen anders aus, daher fällt es mir nicht schwer, meine Sippschaft von den Fremden zu unterscheiden.

Tante Liucina ruft also meine Mutter an und erklärt:

"Undiiine pfeift auf alles."

"Nicht auf alles", sagt meine Mutter.

Ich weiß nicht, warum sie das sagt.

Weil sie mich besser kennt?

Weil Mütter ihre Kinder verteidigen müssen, was auch immer geschieht?

"Auf alles!", ereifert sich Tante Liucina. "Sie schert sich überhaupt nicht um ihre Familie. Soll sie doch ihren ganzen Unsinn ..."

Danach sprechen sie zwei Monate nicht miteinander.

Obwohl das nicht gerade sehr vernünftig ist: Sie sind beide über siebzig, und jedes Gespräch kann das letzte sein.

Wenn Tante Liucina sagt, ich schere mich überhaupt nicht um die Familie, dann meint sie, dass ich keine Ahnenforschung betreibe.

In unserer Familie bedarf es nicht vieler Worte, um zu begreifen, wer was sagen will.

"Sie hat es doch am meisten nöt ...", versucht Tante Liucina zu argumentieren.

Nachdem sie gesagt hat, dass ich das alles doch am meisten nötig hätte, sprechen Mutter und Tante zwei weitere Monate nicht miteinander.

Wenn meine Mutter sehr böse auf mich ist, sagt sie, ich sei eine "richtige" Liucina!

Eine richtige!

In jeder Hinsicht.

Und jeder Tag sei ein neuer Beweis dafür.

Dass es nun einmal so ist.

Und ich verteidige mich, dass es nicht so ist, nicht in jeder Hinsicht, denn im Gegensatz zu Tante Liucina verschwende ich gerne Geld.

Ich spüre es ständig: Im Blut und in den Beziehungen unserer Familie sind Spuren eines eigenartigen Gifts, und es ist nicht so, dass uns jemand vergiftet hätte, sondern eher, dass wir das schon selbst tun.

Und dieses Gift ist vor langer Zeit in unser Blut gelangt. Vor so langer Zeit, dass es sogar zu einem Teil unserer Gene geworden ist.

Ich wundere mich ständig über zwei Sachen.

Die erste: In unserer Familie hat sich nie jemand wegen "Was werden die Leute sagen?" aufgeregt.

Das lag nicht daran, dass alle Familienmitglieder darauf aus gewesen wären, irgendwelche Grenzen zu überschreiten, sondern daran, dass wahrscheinlich der Ausgangspunkt ihrer Weltsicht ein anderer war.

Die zweite, traurigere Sache: Jeder in der Familie hatte seine ganz eigene Vorstellung vom Leben, jeder ging seinen eigenen Weg und wollte die Gefühle der übrigen Familienmitglieder überhaupt nicht verstehen.

Wenn ich zurückdenke, so scheint mir, als führte mein ganzes Leben zum Zusammentreffen mit meinen Vorfahren, und viele Details meines Lebens erscheinen mir jetzt als Vorzeichen dafür.

Ich weiß nicht, wann das alles begonnen hat: vielleicht, als die Großmutter ein altes Fotoalbum aufschlug und mir meine Mutter zeigte?

Damals war ich fünf.

Oder als ich träumte, ich sei ein alter Mann. Etwa vierzig Jahre alt. Ich liege auf einem Schlachtfeld in einer Rüstung und einem Panzerhemd.

Ich liege auf der linken Seite, sterbe und weine.

Damals war ich sechs.

Meine Familie ist aus Kurland nach Litauen gekommen. Aus Mitau. Im Jahr 1919.

Mitau war bis dahin die Hauptstadt von Kurland gewesen, eine Stadt, für die sich so berühmte europäische Abenteurer wie Casanova u

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