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Das Esslinger Mädchen Historischer Roman von Walz, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.03.2015
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
eBook (ePUB)
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Das Esslinger Mädchen

September 1683. Wien steht kurz vor der Eroberung durch die Osmanen. Auch Esslingen hat Soldaten zur Verteidigung entsandt. Während der Unruhen tritt die junge Pfarrerstochter Anna Catharina Haug in Esslingen ihre Stelle als Dienstmagd im Goldenen Adler

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 473
    Erscheinungsdatum: 04.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783839245828
    Verlag: Gmeiner-Verlag
    Größe: 2446kBytes
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Das Esslinger Mädchen

Kapitel 1

Die Pfarrerstochter von Hochdorf

Etwas abseits vom letzten Gehöft , auf einer blühenden Wiese, hatten sich die Töchter des Dorfpfarrers niedergelassen. Anna Catharina hatte die Beine untergeschlagen. Die zweitälteste Tochter von Magister Haug war gerade 16 Jahre alt geworden. Ungeduldig sah sie zum Hängenloh hinauf, dort führte die Kirchheimer Landstraße von Notzingen herunter. Hin und wieder blickte sie bange zurück. Zum Glück war vom Pfarrhaus nur das rote Ziegeldach zu erkennen und so waren sie wenigstens für eine gewisse Zeit vor den wachsamen Blicken der Eltern und der Dörfler geschützt.

Am allerliebsten genoss Anna Catharina die Zweisamkeit mit Marietta, ihrer jüngsten Schwester, die gerade vier geworden war. Marietta war ein Naturell von ausgesprochener stiller Zufriedenheit. Auch hatte sie für diejenigen, die ihr freundlich begegneten, stets ein bezauberndes Lächeln übrig. Sie schien mit sich und der Welt, die sie umgab, im Reinen zu sein und flocht gedankenverloren an einem Blumenkranz.

Im Gegensatz zu ihr war Anna Catharina unruhig, sie fürchtete ständig, bei allem, was sie tat, beobachtet zu werden. Und so geisterte der innere Aufpasser durch ihre Gehirnwindungen. Eigentlich war es ja Vaters Stimme, die da zu ihr sprach. Was er wohl sagen würde, wenn er die Geschwister der Muße frönend antreffen würde? Anna Catharina konnte es sich denken. Wie der Teufel das Weihwasser, so scheute der Vater den Müßiggang, der seiner Auffassung nach die Tür in ein lasterhaftes Leben öffnete. Dabei war er nicht etwa ein unfairer Mensch. Nein, denn was er von seinen Kindern verlangte, das lebte er ihnen auch vor. "In der Muße wuchern die tollsten Gedanken", hatte er heute Morgen noch geschimpft. Wie so oft hatte Anna Catharina den Worten nicht den nötigen Ernst beigemessen, denn bei aller Strenge wusste sie doch, wie sie ihn mit einem Lächeln oder einem Blick beschwichtigen konnte. Anna Catharina war wie ein Schmetterling, der die Freiheit mehr liebte als alles andere. Sie bemitleidete die armen Bauern, die von den Jahreszeiten und der Stundenglocke getrieben wurden. Sie hingegen konnte die Süße des Lebens noch schmecken, so wie jetzt, wo ihr der laue Spätsommerwind Düfte von reifem Obst und gemähtem Gras um die Nase strich.

Pünktlich begann das Glockengeläut. Schon seit Anna Catharina denken konnte, schlug man um zwölf die Türkenglocke 1 an. Davon abgelenkt schnellten die Blicke der Mädchen zum Kirchturm hinauf. Nein, Anna Catharina verschwendete keinen einzigen Gedanken an die bedrängte Stadt am anderen Ende der Welt. Das Schicksal Wiens, ganz gleich, welches es auch war, konnte für das ferne Württemberg doch nicht von Bedeutung sein, daran glaubte sie fest. Ihre einzige Sorge galt dem Besucher aus Deizisau, der sich heute angekündigt hatte, und natürlich Mardochai, dem jüdischen Händler, der längst hätte hier sein müssen.

Die Zeit verrann, schon war es fünf nach zwölf und die Glocken verstummt. Noch war das Hundsgespann des Juden nicht in Sicht. Eigentlich war er pünktlich. Im Sommer kam er dienstags, einmal im Monat, lange vor dem Zwölf-Uhr-Läuten.

Nervös wühlte Anna Catharina in ihrer Schürzentasche. Sie fühlte den kleinen, silbernen Handspiegel, den sie immer bei sich trug. Der Spiegel war ein Geschenk von Mutter gewesen, die sich des Öfteren über den Spross, der etwas aus der Art geschlagen war, den Kopf zermarterte. Sie wusste genau, was Anna Catharina gefiel. Der Vater ahnte davon natürlich nichts. Nun nahm Anna Catharina das verbotene Utensil mit dem kunstvoll geschmiedeten Griff zur Hand und hielt es vors Gesicht. Wie gerne sie sich darin bewunderte! Es war ihr durchaus bewusst, dass der Schöpfer ihr eine Schönheit beschert hatte, die über das gewöhnliche Maß hinausreichte. Dabei war es ein Jammer, sie nicht zeigen zu dürfen und die blond gekräuselten Haare unter der strengen Ohrenhaube verbergen zu müssen. Sie

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