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Das Flüstern des Meeres Roman von Atkins, Lucy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.09.2014
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Das Flüstern des Meeres

Kali hatte immer ein kühles Verhältnis zu ihrer Mutter. Nach deren Tod findet sie einen Stapel Postkarten - alle von einer Frau namens Susannah, alle mit demselben Text. Wer ist Susannah, und was weiß sie über Kalis Mutter? Mit ihrem kleinen Sohn Finn reist sie auf die abgelegene Insel vor der Küste Kanadas, auf der Susannah lebt. Doch die rätselhafte Frau weigert sich, von damals zu erzählen und als Kali selbst Nachforschungen anstellt, verhält sich Susannah immer befremdlicher. Am verstörendsten ist ihr großes Interesse an Finn ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 16.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838758398
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1273 kBytes
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Das Flüstern des Meeres

2

Erst als ich das Emily-Dickinson-Gedicht laut lese, bemerke ich, wie unpassend es ist.

Ich habe es ausgesucht, weil der Band unter dem Sofatisch lag und meine Mutter an der Stelle eine Karte hineingelegt hatte. Da war ich nicht ganz bei der Sache gewesen. Finn watschelte gerade umher und zog methodisch und konzentriert Bücher aus den Regalen. Ich las es nicht einmal richtig durch, sondern sah nur, dass es darin um Trauer ging. Ich dachte, sie müsse es gewollt haben, sonst hätte sie es nicht so draußen liegen lassen, als Zeichen - und wenn ich es vorläse, bräuchte ich nicht vor allen Leuten über sie zu sprechen.

Aber jetzt, zu spät, sehe ich, dass es um den Tod eines Geliebten geht. Das ist völlig daneben, und mein Gesicht wird beim Vorlesen immer heißer. Für meinen Vater ist das sicher demütigend, für Alice verwirrend. Als ich zu meinem Platz zurückgehe, kann ich sie beide nicht ansehen. Ich spüre, wie sich alle Gesichter, vertraute und fremde, zu mir drehen.

Alice gibt mir Finn zurück. Er streckt die Ärmchen nach mir aus, und ich fühle mich unsäglich erleichtert, als sein fester kleiner Körper mich wieder an die Bank fesselt. Ich drücke das Gesicht an seinen Nacken.

"Ba", sagt er. "Blah, ba, ba." Er tätschelt mir beruhigend den Kopf.

Ich küsse ihn über dem Ohr und rieche mit geschlossenen Augen an seinem Nacken, als könnte ich von seiner Unempfänglichkeit für diese schreckliche Veranstaltung etwas einsaugen. Bis auf das Geräusch von Finns Spielzeugkrankenwagen, der meinen Arm hinauf- und hinunterfährt, herrscht eine unheimliche Stille im Krematorium. Endlich steht Alice auf.

Die Trauer macht meine Schwester geisterhaft schön. Ihre Augen haben rote Ränder und sind heute noch grüner, weil sie so blass ist. Ihre Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hat den schlanken Körperbau unseres Vaters geerbt. Sie trägt lagenweise grauen Kaschmir, und ihre schmalen Füße stecken in Ballerinas. Sie ist ein paar Zentimeter größer als ich, und wir sind so sichtlich aus verschiedenem Holz geschnitzt, dass uns niemand für Geschwister halten würde. Es kam mir immer wie eine Ironie des Schicksals vor, dass gerade ich äußerlich nach unserer Mutter komme. Aber Alice hat die schönen grünen Augen geerbt.

Sie steht da und schildert bewegend und einfach, wie inspirierend unsere Mutter gewesen sei, Freundin, Vertraute und Beschützerin, und dass sie hofft, eines Tages als Mutter wenigstens halb so gut zu sein. Wäre ich aufgestanden und hätte so von Herzen gesprochen, statt ein sonderbares Gedicht vorzulesen, hätte es sich angehört, als wären wir jede von einer anderen Frau großgezogen worden: Alice' Mutter stabil, liebevoll, ausgeglichen; meine versunken in Traurigkeit, hitzig, emotional unzuverlässig, in einem Augenblick liebevoll, im nächsten abweisend.

Da Alice viel jünger ist als ich, hat sie gewisse Seiten unserer Mutter, an die ich mich klar erinnere, nicht kennengelernt. In dem Sommer ihrer Geburt, ich war damals sechs, lag unsere Mutter jeden Tag im Bett auf der Seite, einen Arm unter dem Kopf, und starrte die Wand an, während Alice an ihrer Brustwarze klebte. So ging es wochenlang. Wie lange genau, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur an ihren stumpfen Blick, daran, dass die Vorhänge immer zugezogen waren und sie mit heiserer Stimme sagte: "Geh spielen. Das Baby muss schlafen." Ich weiß auch noch, dass Alice unaufhörlich wimmerte und meine Mutter einen furchtbar ekligen Geruch absonderte, als ob sie verdorbene Milch ausschwitzte.

Sie stand nicht auf, um für mich zu kochen oder mit mir zum Strand

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