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Das Gewicht des Lichts von Struhar, Stanislav (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.12.2014
  • Verlag: Wieser Verlag
eBook (ePUB)
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Das Gewicht des Lichts

Das Abendlicht war sanft, manche Häuser lagen schon in Schatten, doch die Straßen im Zentrum pulsierten vom Leben, sie waren bunt und laut, eine Vielfalt von Sprachen und Stimmen. Auf der Piazza Navona traten Straßenkünstler auf, und auf dem Campo de' Fiori waren alle Tische besetzt. Immer wieder übertönte Gelächter die Melodien der Musiker, durch die Gassen wehte der Geruch nach Essen. Von allen Seiten stachen die Lichter aus Fenstern und Laternen in den Abend, Kinder spielten vor ihren Haustüren. Es war der bislang wärmste Tag in diesem Jahr, und die Stimmung ließ erahnen, dass die Nacht lang würde. 'Nach dem Tod der Mutter begleitete Fabian seinen Onkel auf eine Reise von Wien aus nach Rom. Dort lernte er Lucilla kennen und lieben, und Rom wurde zu seiner neuen Heimat. Doch erschüttert wieder ein Unglück sein Leben, und er zieht nach Ligurien, um Ferienwohnungen seines Onkels zu betreuen. Von Einheimischen und Einwanderern umgeben, versucht er noch einmal, ein neues Leben aufzubauen.' Mit seinen Erzählungen erweist sich Stanislav Struhar als Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung, der auch in Liebesdingen genau um die Bedeutung des Wartens auf den richtigen Augenblick weiß.

Stanislav Struhar: 1964 in Gottwaldov (heute Zlín) geboren, versagte sich dem Anpassungsdruck des tschechoslowakischen Regimes in den 1980er Jahren. Nach wiederholten Selbstmordversuchen wurde er zweimal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. 1988 floh er schließlich mit seiner Frau nach Österreich, doch die Zusammenführung mit dem in der Tschechoslowakei gebliebenen Kind gelang erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Seit jungen Jahren schreibt Struhar Gedichte und Prosa, zuerst noch in tschechischer Sprache, bald aber in deutscher Sprache. Sein bisheriges literarisches Schaffen wurde durch Stipendien unterstützt und erhielt zahlreiche Anerkennungen. Stanislav Struhar lebt heute in Wien. In deutscher Sprache erschienen: Der alte Garten (Gedichttrilogie, 2001), Das Manuskript (Roman, 2002), Eine Suche nach Glück (Roman, 2005), Fremde Frauen (zwei Erzählungen, 2013, erschien soeben auch auf Tschechisch).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 12.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990470145
    Verlag: Wieser Verlag
    Größe: 1085 kBytes
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Das Gewicht des Lichts

1

Aus seinen Gedanken riss Fabian das Deutsch der Frau, die neben ihm Platz nahm. Verstohlen sah er sie an. Sein Blick glitt über ihr blondes Haar und verharrte auf dem jungen Gesicht des bei ihr stehenden Mannes, zu dem sie sprach. Langsam drehte er sich zurück zum Fenster, sah wieder hinaus. Er hörte oft die deutsche Sprache, mitunter sogar das vertraute Wienerisch, doch auf eine Unterhaltung ließ er sich selten ein.

Als der Zug in die nächste U-Bahn-Station einfuhr, machte er sich zum Aussteigen bereit. Die Frau sah ihn an und lächelte, nahm die Hand des Mannes und stand auf. Der sei kein Italiener, sagte sie mit gedämpfter Stimme, bevor sie dem Mann zur Tür folgte.

Das Abendlicht war sanft, manche Häuser lagen schon im Schatten, doch die Straßen im Zentrum pulsierten vom Leben, sie waren bunt und laut, eine Vielfalt von Sprachen und Stimmen. Auf der Piazza Navona traten Straßenkünstler auf, und auf dem Campo de' Fiori waren alle Tische besetzt. Immer wieder übertönte Gelächter die Melodien der Musiker, durch die Gassen wehte der Geruch nach Essen. Von allen Seiten stachen die Lichter aus Fenstern und Laternen in den Abend, Kinder spielten vor ihren Haustüren. Es war der bislang wärmste Tag in diesem Jahr, und die Stimmung ließ erahnen, dass die Nacht lang werden würde.

Es dämmerte, als er über den Tiber schlenderte. Die Uferwege waren menschenleer, unter den dicht belaubten Bäumen kaum erkennbar. Seltsam bedrückend wirkte hier der Abend, so nahe schien der Himmel zu sein, verlassen und trüb die Stadt. Doch schon die erste Straße nach der Brücke, zwischen Häuserreihen gebettet, strahlte in Lichtern; als hätte der Tag gerade erst begonnen, herrschte ein reges Treiben in Trastevere.

Auch diesmal hockten die beiden Obdachlosen an der Ecke der Straße, und wieder lagen vor ihren Füßen zwei große Hunde mit zwei Welpen. Niemand beachtete sie; einander zugewandt lächelten die Männer und murmelten, eine Flasche Wein stand griffbereit zwischen ihren Schlafsäcken. Laut war die Straße, und wie immer hatten sich in dem Gastgarten auf dem nächsten Platz die Jugendlichen getroffen, ihre Stimmen klangen aufgeregt, auf dem Boden glänzten Tropfen von Getränken und Eis. Schon vor dem Platz verdoppelte Fabian seine Schritte, er bog in die Seitengasse ein, öffnete die Haustür und sah noch einmal zu dem Gastgarten. Silvio und Chiara lächelten einander in die Augen, im Gespräch vertieft, ihre Gläser standen leer.

Erst in der Küche machte er Licht, denn das Küchenfenster öffnete sich auf einen kleinen Hinterhof. Später ließ er nur die Tischlampe im Schlafzimmer an. Eine Weile lag er still, schließlich griff er nach dem Buch auf dem Nachtkästchen. Dann wanderte sein Blick zum Nachtkästchen auf der anderen Bettseite. Eine feine Staubschicht überzog das Buch, das darauf lag. Er drehte den Kopf zum Fenster, und in die Dunkelheit des Hofes starrend legte er das Buch auf seine Brust. Seine Hand glitt auf die leere Hälfte des Bettes, und er schloss die Augen.

Das Zimmer lag im klaren Tageslicht. Er öffnete das Fenster und ging auf den Balkon. Er hatte diese lauwarmen und lichtvollen Morgen von Anfang an geliebt, nun aber wusste er, er würde sie nicht mehr länger ertragen. Er kehrte zurück ins Wohnzimmer, setzte sich und nahm sein Handy.

"Endlich!", sagte sein Onkel. "Ich kann dich nicht erreichen."

"Ich weiß", murmelte er, den Blick auf den großen Schrank gerichtet, der im Vorzimmer, gegenüber der Wohnzimmertür, stand.

"Warst du schon bei den Rinaldis?"

"Ich war gestern bei ihnen."

"Möchten sie das Internetcafé wirklich nicht verkaufen?"

"Nein, Mattia hat es übernommen", antwortete er, und die Erinnerung daran kam ihm, wie er zum ersten Mal dieses Zimmer betreten hatte; wie Luci

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