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Das grüne Rollo Roman von Steinfest, Heinrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.03.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Das grüne Rollo

Theo ist gerade aufs Gymnasium gekommen, als es eines Nachts, um 23:02, mit einem Ratsch plötzlich da ist. Vor seinem Fenster bläht sich im Mondlicht ein grünes Rollo. Tagsüber verschwindet es, aber von nun an entrollt es sich jede Nacht um exakt dieselbe Zeit. Das ist unheimlich genug, und nicht nur, weil es in Theos Zuhause noch nie Rollos oder auch nur Vorhänge gab. Viel unheimlicher ist aber, dass es, wenn man genau hinschaut, Augen zu haben scheint ... Nein, keine Augen, Ferngläser. Aus dem Rollo blicken kleine Männer durch Feldstecher streng zu Theo herüber. Theo ist sich sicher, dass dort, auf der anderen Seite des Rollos, eine eigene Welt existiert. Eine grünliche Welt. Nach schlaflosen Nächten fasst er sich ein Herz und beschließt, in jene andere Sphäre hinüberzusteigen ... Vierzig Jahre später hat Theo das alles als eine Kindheitsfantasterei abgetan. Bis es plötzlich wieder da ist - das grüne Rollo.

Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit "Ein dickes Fell"; 2014 stand er mit "Der Allesforscher" auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für "Das Leben und Sterben der Flugzeuge".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 09.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492970280
    Verlag: Piper
    Größe: 3162 kBytes
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Das grüne Rollo

1

Dort, wo das Fenster war, war nie ein Rollo gewesen. Kein Rollo, kein Vorhang, kein Fensterladen, nichts dergleichen. Die Eltern wollten das nicht. Sie waren modern, und sie waren Vorhanghasser. Sie sagten gerne, sie hätten nichts zu verbergen und außerdem sei man ja nicht im Krieg. Dabei lächelten sie sich an.

Gott, dieses Lächeln!

Vierzig Jahre ist das her. Damals, als das neue Jahrhundert und damit auch das neue Jahrtausend soeben zehn geworden waren. Und ich ebenfalls. Ich würde immer genauso alt sein wie das Jahrhundert, in dem ich lebte. Mir gefiel die Vorstellung, daß ich, zumindest theoretisch, nicht nur immer im gleichen Alter wie dieses Jahrhundert bliebe, sondern es auch überleben könnte. Das Jahrhundert schon, das Jahrtausend freilich nicht, außer, sie würden in den nächsten neunzig Jahren etwas Ähnliches erfinden, was irgend so ein phantastischer Riesenschwamm im Polarmeer und natürlich einige Bäume bereits besaßen: extreme Langlebigkeit.

Eine andere Frage war, ob ich in der Zeit, die mir zur Verfügung stände, jemand kennenlernen würde, mit dem ich das gleiche innige Lächeln austauschen könnte, wie mein Vater und meine Mutter es praktisch tagtäglich taten.

Für uns Geschwister war das oft merkwürdig, diese absolute Vertrautheit zwischen den beiden, dieses Einverständnis in allen Dingen und daß sie niemals stritten, niemals böse aufeinander waren, sich aber auch niemals miteinander zu langweilen schienen. Ihre Harmonie war vollkommen. Wir Kinder blieben davon allerdings ausgeschlossen, was nicht hieß, daß wir nicht geliebt wurden. Vater wie Mutter waren zärtlich und aufmerksam, nahmen sich viel Zeit und waren geduldig, der Vater noch mehr als die Mutter, die hin und wieder Nerven zeigte, kleine Nerven, wie die braunen Streifen auf der Innenseite von Unterhosen. Streifen, die man nie wieder ganz wegbekam, und dennoch sagen konnte, man trage saubere Unterhosen. Vaters "Unterhosen" hingegen waren wohl das, was die Werbung früher mit weißer als weiß bezeichnet hatte. Seine Gelassenheit war mega.

Es bestand eine Art von unsichtbarer Hülle, in der die beiden Elternteile steckten und in die niemand anders eindringen konnte, bei aller Liebe zu den Kindern eben auch diese nicht. Von anderen Familien kannten wir ganz anderes, entweder Streit oder eisiges Schweigen oder eine superschnelle Routine, in der selbst der Streit zu kurz kam, mitunter eine inszenierte Fröhlichkeit an Grillnachmittagen, die ohne Alkohol kaum möglich gewesen wäre. Nicht, daß meine Eltern dem Alkohol entsagt hätten, aber sie genossen ihn immer gemeinsam, unter ihrer unzerbrechlichen Glocke, ausschließlich Wein, Weißwein, auch im Winter. Wenn ich an sie denke, sehe ich sie oft mit diesen langstieligen Gläsern und wie sie anstoßen und es klingen lassen, aber es hört sich meistens sehr gedämpft an, wohl der Hülle wegen. Und dabei blicken sie sich an, als wäre es ihr erstes Rendezvous.

Und diese Eltern also lehnten es strikt ab, die Fenster zu "verbarrikadieren", wie sie das nannten, auch am Abend und in der Nacht nicht.

Glücklicherweise wohnten wir im obersten Stockwerk eines Hauses, das höher war als die umliegenden. Keiner von uns brauchte zu fürchten, von den Nachbarn gesehen zu werden, wenn man nackt im Bad stand oder beim Essen war oder beim Spielen oder Schlafen. Oder wenn ich, der Kleinste und Jüngste in der Familie, auf einem Seil durch mein Zimmer schwang.

Da waren noch mein Bruder und meine Schwester, aber jeder von uns hatte sein eigenes Zimmer. Schien der Mond, war es manchmal so hell, daß ich mir vorkam wie auf einem Gletscher. Ich war noch nie auf einem gewesen, stellte ihn mir aber genau so vor, wenn in wolkenlosen Nächten die Fläche des ewigen Eises leuchtet. Mein Bett war dann quasi ein Gletschergrab. - Das war meine Vorstellung, sich beim Schlafen auf das Totsein vorzubereiten. Übungshalber tot sein, so, wie man sich im Möbelhaus angezog

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