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Das Haus des Kolibris Roman von Lafaye, Vanessa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.07.2019
  • Verlag: Limes
eBook (ePUB)
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Das Haus des Kolibris

Eine Zeit voller Hass und Ungerechtigkeit. Eine Stadt, so wild wie wunderschön. Und eine Liebe, kompromisslos und herzzerreißend. Florida, 1919. Die zweiundzwanzigjährige Alicia Cortez hat ihre Heimat Kuba schweren Herzens hinter sich gelassen, um in Key West Anstellung im Teesalon ihrer Cousine zu finden. Doch das Etablissement entpuppt sich nicht als das, was sie erwartet hat. Trotz aller Widrigkeiten baut sich Alicia in Amerika ein neues Leben auf - nicht zuletzt mit der Hilfe von John Morales, einem Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg. Obwohl sie einander anfangs skeptisch gegenüberstehen, entwickelt sich zwischen den beiden rasch eine leidenschaftliche Beziehung. Als jedoch Rassendiskriminierung und Fremdenhass in Key West Einzug halten, wird bald schon nicht nur ihre Liebe auf eine harte Probe gestellt. Vanessa Lafaye wurde in Talahassee geboren und wuchs in Tampa, Florida, auf, wo kaum ein Jahr ohne Wirbelstürme vergeht. 1987 kam sie das erste Mal nach England, suchte das Abenteuer - und wurde fündig. Nach Zwischenstopps in Paris und Oxford zog sie mit ihrem Mann nach Marlborough, Wiltshire, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2018 lebte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 22.07.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641230531
    Verlag: Limes
    Originaltitel: At First Light
    Größe: 2619 kBytes
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Das Haus des Kolibris

Kapitel 1

Key West, im Juni 1919

Das Erste, was Alicia an ihrer neuen Heimat auffiel, war der Gestank. Beißender Kloakengeruch lag in der Luft, der noch penetranter wurde, als sich die Fähre aus Havanna dem Hafen näherte. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und hielt es sich vor die Nase.

"Dios mio" , sagte sie zu dem älteren Paar, das neben ihr an der Reling stand. "Wo kommt das bloß her?"

Die Frau deutete auf mehrere Reihen Holzfässer am Kai, über denen Schwärme von Fliegen schwirrten. "Es ist die mierda aus den Außenaborten. Sie wird später ins Meer gekippt." Einen Moment lang musterte sie Alicia mit unverhohlener Neugier, ehe sie den Blick wieder abwandte.

Alicia zog sich den Strohhut tief ins Gesicht. Ihre Hautfarbe erregte stets Aufmerksamkeit, wo sie auch hinkam. Sie hatte eine afrikanische Mutter und einen kubanischen Vater; selbst in Havanna wurde sie angestarrt.

Während sie zum Kai hinübersah, begannen ein paar Männer mit entblößtem Oberkörper, die tropfenden Fässer auf ein Boot zu verladen. Alicia bemühte sich, den Würgereiz zu unterdrücken, aber es gelang ihr nur halb. Hier hatten die Leute noch Plumpsklos? In ihrem Elternhaus, nun neunzig Meilen südlich gelegen, gab es alle modernen Annehmlichkeiten, fließend Wasser, elektrisches Licht, Messinglampen in jedem Zimmer. Mamacita kochte auf einem Gasherd. Gerade mal neunzig Meilen, aber genauso gut hätten es zweitausend sein können. Kuba lag weiter entfernt als ein Märchenland.

Längst vermisste sie den Geruch von Havanna, dieses einzigartige Potpourri aus Abgasen, Abwässern, Zigarettenrauch, kubanischer Küche und etwas undefinierbar Altem, das durch jede Straße, jedes Gebäude wehte: dem Staub der Jahrhunderte. Erst jetzt, da sie nie mehr zurückkehren konnte, fehlte ihr das alles.

Wieder fragte sie sich, zum tausendsten Mal seit jener schrecklichen Nacht: Was habe ich nur getan? Alles war so schnell passiert, ihre ganze Zukunft hatte sich in einer einzigen Sekunde der Verzweiflung in Rauch aufgelöst. Unmöglich, dass das gerade mal drei Tage her war. Selbst als sie an Bord der Fähre gegangen war, hatte sie noch geglaubt, dass es eine Lösung geben, ihr Vater schon irgendwie dafür sorgen würde, dass sie bleiben konnte. Sie hatte Mitleid von ihm erwartet, war felsenfest davon überzeugt gewesen, er würde verstehen, was sie erlitten, was sie zu diesem Ausbruch, diesem Akt der Gewalt getrieben hatte. Doch statt sie zu trösten, hatte er ihre Tränen mit Schweigen erwidert. Er hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet, sondern sich stattdessen in seinem Arbeitszimmer verbarrikadiert, als sie vom Taxi abgeholt worden war.

Mamacita, in Tränen aufgelöst, hatte sie begleitet und ihr ein Bündel zerknitterter Dollarnoten in die Hand gedrückt. "Du musst gehen, niña . Es ist zu deiner eigenen Sicherheit!" Und so hatte Alicia ihren Platz auf der Fähre eingenommen, inmitten von Touristen auf Vergnügungsreise, Geschäftsleuten und Familien, die Verwandte besuchen wollten. Sie hatte sich so hilflos gefühlt, als hätte man sie in Ketten auf das Schiff geführt. Ein letzter Blick auf die uralten Mauern des Castillo el Morro, und die Fähre hatte abgelegt, ein Stück weit begleitet von den Möwen, die wie zum Spott in ihrer Freiheit regelrecht zu schwelgen schienen.

Während der Überfahrt hatte sie genügend Zeit gehabt, über ihre Lage nachzudenken: Sie war aus ihrem Elternhaus verbannt worden, mit nichts als einem Koffer; auf sie wartete eine eilig arrangierte Stellung als Aushilfe in einem Teesalon, der von ihrer Cousine Beatriz betrieben wurde, die sie so gut wie überhaupt nicht kannte. Sie waren sich nur ein einziges Mal begegnet, als Kinder bei einer Familienhochzeit, und da sie zehn Jahre auseinander waren, hatten sie sich auch nichts zu sagen gehabt. Alicia erinnerte sich vage an ein dickliches, selbstbewusstes Mädchen mit wissendem Blick und den gl

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