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Das Herz dieser Stadt Ein Roman aus Berlin von Murr, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.09.2014
  • Verlag: hockebooks
eBook (ePUB)
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Das Herz dieser Stadt

Berlin im Spätsommer 1920: Die Mächtigen und Berühmten der Weimarer Republik feiern auf Schloss Lessien ein rauschendes Fest. Noch stehen der Hausdiener Reinhard Kretzner und sein Sohn im Hintergrund, doch sie wissen die Zeichen der Zeit zu nutzen. Die Welt ist längst im Umbruch, die gesellschaftliche Elite der Intellektuellen, Gelehrten und Stars steht unwissentlich kurz vor dem Untergang. Eine spannende Familiensaga und bewegendes politisches und gesellschaftliches Portrait aus den Schicksalsjahren Deutschlands. "Stefan Murr - dieser Name ist wie ein Gütesiegel." (Frankfurter Allgemeine Zeitung) Stefan Murr gilt bis heute als einer der Pioniere des modernen deutschen Kriminalromans. Geboren 1919, verbrachte der Autor wegen seiner Tätigkeit im Widerstand einige Monate in Gestapo-Gefangenschaft, bis 1947 verblieb er zudem in russischer Kriegsgefangenschaft. Anschließend wurde er Jurist, ehe er 1960 begann, erfolgreiche Kriminalromane mit dem Fokus auf Gegenwart ebenso wie Zeitgeschichte zu schreiben, beispielsweise "Blutiger Ernst" oder "Das späte Geständnis". Als Enkel des berühmten Schriftstellers Ludwig Ganghofer überarbeitete Stefan Murr die Klassiker seines Großvaters, die 2003 bis 2005 mit breitem Anklang neu veröffentlicht wurden. Stefan Murr, der auch unter seinem Geburtsnamen Bernhard Horstmann publizierte, starb 2008 am Starnberger See. Zahlreiche seiner Kriminalromane dienten als Vorlagen für Verfilmungen, u.a. für den Tatort.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 450
    Erscheinungsdatum: 04.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783943824582
    Verlag: hockebooks
    Größe: 2074 kBytes
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Das Herz dieser Stadt

3
Ein gewagtes Komplott

Ihre letzte Ruhestätte fand Thilde Krentzner am 17. Januar 1931 nach einem freudlosen und vergrämten Dasein nur wenige Meter vom Rückgebäude jener Mietskaserne entfernt, in dem sie vor etwas weniger als sechzig Jahren zur Welt gekommen war, auf dem alten Friedhof von Neukölln, da, wo er mit seinem westlichen Rand an das weite Feld des Tempelhofer Flugplatzes stößt. Es war ein außerordentlich trauriges Begräbnis. Schon des Wetters wegen an diesem Wintertag, an dem es selbst um die Mittagszeit gar nicht hell werden wollte. Dünner Schnee lag auf den schadhaften Dächern der Häuser der Umgebung und auf den vernachlässigten Grabdenkmälern, zwischen denen eine fröstelnde Gemeinde von einem Fuß auf den anderen trat und auf das Ende einer nichtssagenden Predigt wartete, die ein teilnahmsloser evangelischer Geistlicher daher leierte. Bisweilen fielen ein paar verirrte Flocken Schnee aus einem bleifarbenen Himmel. Nein, wirklich nichts schien an diesem Tag dazu angetan, auch nur einen Funken Freude zu verbreiten. Zumal auch die Folgen des raschen Todes ihrer Mutter für die beiden Söhne einschneidend waren, dessen sich der vierzehnjährige Roderich allerdings noch kaum bewusst war. Er stand neben Iris Goldamer, die ihn mit der einen Hand an sich drückte, während sie in der anderen den aufgespannten Regenschirm hochhielt. Auch Albert Goldamer und seine Frau waren gekommen, Georg Wuttke und sein Prokurist, ein farbloser Vierziger mit schütterem Haar und spitzer tropfender Nase. Dann gab es noch ein paar alte Nachbarn aus der Braunschweiger Straße und zwei oder drei Leute von Roberts Partei, angeführt von Edgar Alfonsi, der einen Schlips von unbestimmbarer Farbe umgebunden hatte.

Als der Pfarrer seine Predigt beendigt, seinen Segen gesprochen und jeder sein Schäufelchen Erde auf Thilde Krentzners Fichtenholzsarg hatte rieseln lassen, wandte sich die kleine Trauergemeinde dem Ausgang zu. Wie es üblich war, hatte Robert Krentzner im Anschluss an das Begräbnis bei sich zu Hause zu einer bescheidenen Kaffeetafel gebeten. Es war ein anderes Auto, dieses Mal schon ein großer Sechssitzer einer deutschen Marke, in dem die Goldamers die beiden Krentznerbrüder mit zurück zur Brombeerallee nahmen. Während der Fahrt war es Ilsabe Goldamer, die sich nach rückwärts wandte und das Gespräch mit Robert begann, während Roderich, der zwischen seinem Bruder und Iris auf dem Rücksitz saß, mit großen traurigen Augen von einem zum anderen blickte.

"Wie soll es denn jetzt mit dem Jungen weitergehen, Herr Krentzner, nachdem es ja nun keine Frau mehr gibt, die sich um Haushalt und Familie kümmern kann?"

"Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie das so direkt aussprechen, Frau Goldamer", antwortete Robert. "Ich gebe ja zu, dass det meine größte Sorge war, seitdem ich wusste, dass es mit Muttern nicht mehr lange dauert. Für mich alleine hätte ich ja gar keine Sorgen. Mit ihr wollte ich nicht drüber sprechen. Aber ich weiß, dass det mit dem Jungen irgendwie auch Mutterns Kummer war. Aber nun hilft ja erst mal die Partei. Die haben so 'ne freiwillige Einrichtung. Rote Hilfe nennt sich det und ist sogar international. Die haben da so 'n Ehepaar aus ner Laubenkolonie mobil gemacht, wenn Sie wissen, was det ist, Frau Professor."

Albert Goldamer schaltete sich in das Gespräch ein. "Natürlich wissen wir, was das ist. Das sind Leute, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können, rausgeklagt werden und dann als letzte Zuflucht in ihren Lauben in die Schrebergärten ziehen."

"Da gibt es aber auch recht ordentliche dabei, Herr Professor, solche, die sogar im Winter bewohnt werden können

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