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Das Holz von Brouwers, Jeroen (eBook)

  • Verlag: weissbooks
eBook (ePUB)

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Das Holz

Es ist 1953. Eldert Haman tritt eine Arbeitsstelle als Lehrer an in einem katholischen Internat. Bald schon überredet ihn Vater Benedictus, dem Kloster beizutreten und alles Weltliche aufzugeben. Eldert, ein Moralist und überzeugter Pädagoge, entscheidet sich für das Kloster - und gegen die attraktive Patricia, die ihn vor die Wahl zwischen mönchischem Leben und der Liebe stellt. Im Kloster wird er mehr und mehr zum Außenseiter, der mit ansehen muss, wie nicht nur ein Mönch psychische und sexuelle Gewalt gegen die Schüler ausübt. Gefangen in der Komplizenschaft mit einem diktatorischen System und in Angst um seine Zukunft, gerät Eldert in ein Dilemma, aus dem ihn nur Patricia retten kann. Jeroen Brouwers erzählt subtil und hautnah vom Internatsalltag mit all seinen unfassbaren Abgründen. Zwischen internen Machtkämpfen, pervertierten Weltansichten und Liebeseskapaden sucht Eldert nach einem Weg in eine bessere und für ihn 'richtige' Zukunft.

Jeroen Brouwers, geboren 1940 im indonesischen Batavia, gilt als einer der wichtigsten niederländischen Autoren. In Deutschland erschien zuletzt der Roman Geheime Zimmer bei der DVA. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, u.a. den Prijs der Nederlandse Letteren, den Multatuli Prize sowie 2015 den ECI Literatuurprijs. Brouwers lebt in Zutendaal, Belgien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 237
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863371319
    Verlag: weissbooks
    Größe: 1080 kBytes
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Das Holz

I

Die Kutte kratzt.

Das Lumpengewand des Franz von Assisi, der mit Wölfen sprach.

Die in seinen Orden eintreten, tragen ein Habit, das die Form eines Kreuzes hat. Mit einer Kapuze versehen, zieht es schwer an den Schultern, es reicht bis zu den Füßen und hüllt den ganzen Körper in ein fäkales Braun, der Stoff ist rau und scheuert. Man muss etwas darunter tragen, damit der Juckreiz, der die nackte Haut peinigt wie Termiten, einen nicht wahnsinnig macht.

Was trägt ein Klosterbruder unter der Kutte? Ein bis zur Hüfte reichendes Hemd, eine Trainingshose, eine Unterhose, beide mit verstellbarem Gummiband.

Über der Kutte trägt er das Skapulier, ein Tuch von gleicher Länge, gleichem Stoff und gleicher Farbe wie die Kutte, mit einer Öffnung für den Kopf. Man trägt es über Brust und Rücken, wie ein Zelebrant die Kasel. Alles einheitlich, ohne Schnitt, alles in der gleichen Übergröße, sodass es wirklich jedem passt.

Samstags muss alles in die Wäsche, das ist der Aufgabenbereich von Plechelm, der auch für frischen Ersatz sorgt. Wir Klosterbrüder verzichten nach dem Vorbild unseres Ordensgründers auf persönlichen Besitz, haben also auch keine eigenen Kleider. So tragen wir, wie der Zufall es will, die Strümpfe, die Unterhose, die Kutte, die ein Konfrater eine Woche zuvor am Leib getragen hat. Ich allerdings halte mich nicht streng an diese Regel: die Klosterunterhose habe ich noch nie angehabt.

Als Gürtel für den Lumpenrock des heiligen Franziskus dient ein weißer Strick mit drei Knoten, die uns an unsere Gelübde erinnern. Der erste Knoten: Armut. Der zweite: Gehorsam. Der dritte: Keuschheit. Tja, leichter gesagt als getan. Franziskus, der Poverello, hat darüber Gedichte verfasst, sie hängen eingerahmt im Refektorium.

Anfang April, Dienstag in der Karwoche. Weil vorgestern Palmsonntag war, stecken noch frische Buchsbaumzweige hinter jedem Kruzifix und Weihwasserbecken. Kaum Frühling und schon ist es so heiß, als würde Bruder Sonne vor Zorn kochen. Eine glühende Hitze wie siedende Kotze, die überall eindringt, sogar durch die Mauern der für gewöhnlich kühlen, ja frostigen Kapelle. Dort knallt die Sonne durch die bunten Fenster mit den Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus, deren Farben in dem wie Feuer lodernden Licht verblassen. So heiß wie bei den Küchenherden von Bruder Severin und seinem Juvenisten, der noch keinen Klosternamen hat. Wenn es schon in der Kapelle kaum auszuhalten ist, wie wird das erst in dem Zimmer unterm Dach sein, wo ich inmitten der lärmenden Jungen in ihren Kojen in meiner dicken Kutte Aufsicht über den Schlafsaal führe.

Der kleine für mich bestimmte Raum ist zwei mal vier Meter groß, Sperrholz-Wände, ohne Zimmerdecke. Wenn über meinem Tisch die Glühbirne brennt, die aus dem Lampenschirm gerutscht ist und bis auf die Tischplatte hinunterbaumelt, wirft sie einen rechteckigen Lichtfleck an die Decke des Schlafsaals über meiner Zelle. Eine schwache Glühbirne, nichts, verglichen mit der Sonnenglut und trotzdem scheint von ihr die Hitze auszugehen, die auch nachts nicht aus meiner Kutte weicht. Ich starre in den matten Schein, ich habe Durst, doch die Thermoskanne, die Severins Küchengehilfe mit Tee gefüllt hat, ist bis auf den letzten Tropfen leer. Im Gegensatz zu mir. Was ich von dem kalten, bitteren Tee in kleinen Schlucken getrunken habe, sickert mir jetzt in dicken Tropfen aus allen Poren meines Leibes, meines unwürdigen Leibes, ich bin von Kopf bis Fuß in Schweiß gebadet. Hemd und Hose habe ich abgelegt, das Skapulier auch, den Strick auch, die Kutte natürlich nicht. Auch vor meinem Verschlag hängt ein Vorhang, der aber nur bis einen halben Meter über dem Fußboden reicht. Wer das Bett verlässt, was nur in Ausnahmefällen gestattet ist, kann meine bloßen Füße in den Sandalen sehen, mehr Nacktheit kann ich mir als

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