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Das indiskrete Leben der Alice Horn Roman von Marstrand-Jørgensen, Anne L. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2014
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Das indiskrete Leben der Alice Horn

Es ist das Jahr 1969. Getrimmte Hecken, akkurat gestutzte Vorgärten und penibel vorgezogene Gardinen bestimmen das Leben der Vororte. Doch die Verheißung einer neuen Zeit liegt in der Luft: Revolutionäre Ideen verbreiten sich wie Lauffeuer, Kommunen und Swingerclubs schießen aus dem Boden, und in der Sommerhitze lassen immer mehr Menschen ihre Hüllen fallen: Freie Entfaltung! Freie Liebe! Freie Sexualität! Während Eric sich den neuen Idealen mit Haut und Haar verschreibt, stürzt seine zurückhaltende Frau Alice in einen zermürbenden Konflikt: Kann sie eine offene Beziehung führen, mit anderen Männern schlafen? Was wird aus ihrer Ehe, ihrer Familie, ihren Töchtern? Zwischen sexueller Experimentierlust und Prüderie, Emanzipation und Selbstaufgabe verliert Alice zunehmend den Halt in ihrem Leben und sich selbst aus den Augen. Und steuert auf eine Katastrophe zu, die ihre ganze Familie zu verschlingen droht ... Mit emotionaler Kraft und psychologischem Feingefühl erzählt dieser Roman von einer Frau, die im Schatten der revolutionären 1970er dem Treibsand des Selbstverrats zu entgehen versucht, von Töchtern, die sich und ihre Weiblichkeit neu erfinden müssen, von einer Familie, deren Grundfeste sich auflösen. Und stellt die wichtigste aller Fragen: Wie frei ist der Mensch? Anne Lise Marstrand-Jørgensen wurde 1971 in Frederiksberg/Dänemark geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft veröffentlichte sie bislang vier Gedichtsammlungen und rezensiert Literatur für die Zeitung Berlingske Tidende . 2009 erschien ihr Roman Hildegard , für den sie den Literaturpreis der Zeitung Weekendavisen erhielt. 2013 wurde sie mit dem Otto-Gelsted-Preis (Otto Gelsted Mindefond) der Dänischen Akademie ausgezeichnet. Anne Lise Marstrand-Jørgensen lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 750
    Erscheinungsdatum: 06.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458739425
    Verlag: Insel Verlag
    Originaltitel: Hvad man ikke ved
    Größe: 1480 kBytes
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Das indiskrete Leben der Alice Horn

Kapitel 1

Der Sommer '69 war außergewöhnlich warm. Schon am Tag der Arbeit herrschten siebenunddreißig Grad, und die Liveübertragung aus dem Stadtpark in Farring zeigte die Linken, wie sie unter Sonnenhüten und roten Fahnen schwitzten. In den neuen Bungalows in Vase begnügte man sich damit, den Fernsehbericht zu sehen, der mehr vom Wetter handelte als vom Kampf der Arbeiter. Im Schmetterlingsquartier gab es keine Sozialisten, nur die brummende Stimme des Nachrichtensprechers, die durch die offenen Terrassentüren drang und sich mit dem Geräusch von kreischenden Kindern unter Rasensprengern und dem Geruch von Grillkohle und gebratenem Fleisch vermischte.

Im Juni wurde dann ein Bewässerungsverbot erteilt, die Explosionen von Bougainvilleen, Oleander und Wandelröschen verglühten und erloschen. Der Fluss floss träge dahin, goldfarben und übelriechend. Kurz vor der Schlucht, an der tiefsten Stelle nach den Steinstufen, betrug der Wasserstand im Juli statt der üblichen drei Meter nur noch einen halben, und obwohl die Klippen den Strom beständig auseinanderrissen, zischelte er gedämpft und unheilverkündend voran, um schließlich am Wasserfall einen Schwall aus Schaum und Blasen in die Luft zu stoßen.

Barbara André erzählte ihrer Freundin Alice Horn, dass sie der Hitze wegen keinen Slip unter dem Kleid trug und hin und wieder dem Bewässerungsverbot trotzte und sich nackt unter den Sprinkler im Garten stellte, sobald die Kinder im Bett waren. Alice lachte sie aus und fragte, ob sie nicht wie alle anderen mit einer kalten Dusche im Haus vorliebnehmen könne.

In den Vorgärten lagen Kinderfahrräder, Tretroller, Bälle und Springseile, achtlos hingeworfen und verlassen. Bei diesen Temperaturen hielten sich die Kinder lieber drinnen auf, die Sonntagsaktivitäten beschränkten sich auf abendliche Ausflüge in den Wald oder ins Freibad. Zwei Wochen lang war das Viertel so gut wie ausgestorben. Die meisten Bewohner fuhren ans Meer im Süden oder in die Berge im Norden. Die Daheimgebliebenen versanken in Trägheit; man brauchte einen guten Grund, um in diesem Sommer nicht die Flucht zu ergreifen. Es war reiner Zufall, dass die Familien André und Horn – aus den mittleren Häusern im Lindenschwärmerweg und im Glasflüglerweg – beide hiergeblieben waren.

Alice bekam fast jeden Vormittag Besuch von ihrer Freundin. Obwohl Barbara einst geschworen hätte, dass sie nicht mehr als ein Kind, höchstens zwei bekommen würde, erwartete sie in diesem Sommer ihr drittes, das sie zum Missfallen ihres Mannes nur "den Ausrutscher" nannte. Die letzte Geburt hatte sie fast das Leben gekostet, und so verreiste sie lieber nicht, zu Hause in Vase fühlte sie sich jetzt am sichersten. Die Gespräche mit Alice unter dem Sonnenschirm heiterten sie auf, und ihr Thomas war weniger quengelig, wenn er mit Alices Martin spielte. Als die Sommerferien begannen, brachte sie auch ihre Älteste mit. Eigentlich bevorzugte Patricia die Gesellschaft von Flora, der jüngeren von Alices Töchtern, aber die gehörte zu den wenigen Kindern, die der Hitze trotzten und auch vormittags im Wald spielten, und dafür fühlte Patricia sich zu alt. Also saß sie mit Marie-Louise im Mädchenzimmer im ersten Stock, und sie blätterten in Zeitschriften, tauschten Glanzbilder und redeten über die Schule oder über Filme, die sie gesehen hatten. Nachdem sie fünf Tage so zugebracht hatten, blieb Patricia lieber zu Hause. Barbara konnte sie gut verstehen.

"Die Leute haben schon recht, dass Marie-Louise ein reizendes Mädchen ist, aber in meinen Augen ist sie genauso nichtssagend wie eine graue Tapete", stimmte sie ihrer schmollenden Tochter zu. "Ic

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