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Das Jagdhaus Roman von Marschner, Rosemarie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.11.2014
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Das Jagdhaus

Das private Leben in Zeiten, wo alle Privatheit von außen bedroht ist.

Linz im Jahre 1939. Antonia hat ihrem Mann, dem Rechtsanwalt, zum zweiten Mal eine Tochter geschenkt, Elisabeth soll sie heißen. Die Taufe soll eine freudige Familienfeier werden, doch dann gibt Antonias Vater einen Entschluss bekannt, der ihm nicht leicht gefallen sein dürfte. Als Hochschullehrer in Wien fühlt er sich von den neuen Machthabern bedroht. Er will sich mit seiner Frau nach Italien zurückziehen. Antonia ist entsetzt. Die Zukunft wird sie allein meistern müssen, mit zwei Kindern und einem Mann, der als Rechtsanwalt den Nazis kaum ausweichen kann.
Wie sich die Frauen durch das Festhalten an der Familie gegen die Vereinnahmung durch die Nazis gewehrt haben, ist nicht immer heroisch, aber allemal spannend zu lesen.

Rosemarie Marschner , geboren in Wels (Oberösterreich), lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin in Düsseldorf. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht, darunter "Das Bücherzimmer", das von Lesern und Kritikern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 464
    Erscheinungsdatum: 21.11.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423401623
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 1973 kBytes
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Das Jagdhaus

DIE TAUFE

1

Wenn Antonia Bellago in späteren Jahren auf ihr Leben zurückblickte, kam es ihr vor, als habe es, ohne daß sie es damals bemerkt hätte, in ihrem neunundzwanzigsten Lebensjahr eine Zäsur gegeben. Die Schatten von draußen rückten näher und verdunkelten allmählich die Tage, die bisher so licht und sorglos gewesen waren.

"Dieses Kind ist so alt wie der Krieg", hatte der Pfarrer bei der Taufe gesagt, aus deren Anlaß sich Antonias Familie versammelt hatte. Gerade so viele waren sie, daß jeder von ihnen am Rande des sechseckigen Marmorbeckens Platz fand, in das der Mesner kurz vorher erwärmtes Taufwasser gegossen hatte. Antonia, die junge Mutter, stand neben dem Pfarrer. Sie hielt das Taufkind in den Armen, das in wenigen Augenblicken den Namen Elisabeth erhalten sollte, seit seiner Geburt aber bereits von allen Lilli genannt wurde.

Zur allgemeinen Erleichterung schlummerte Lilli sanft. Nur von Zeit zu Zeit öffnete sie kurz die Augen, seufzte leise und schlief dann sofort wieder ein. Ein Teil der Anwesenden erinnerte sich bei ihrem friedlichen Anblick daran, daß die Taufe von Lillis älterer Schwester sieben Jahre zuvor wesentlich turbulenter verlaufen war. Die kleine Enrica, die damals das gleiche spitzenbesetzte Taufkleid trug wie heute Lilli, hatte während der ganzen Zeremonie ohne Unterbrechung durchdringend gebrüllt. Erst als alles vorbei war, verstummte sie und war von da an den ganzen Tag der liebenswürdigste Säugling, den man sich nur vorstellen konnte. Ihr lautstarker Auftritt diente seither in Pfarrkreisen dazu, besorgte Eltern zu beruhigen, wenn sie fürchteten, ihr Kind könnte durch sein Geschrei das Taufritual stören. "Da gab es einmal eine Enrica", erklärte man ihnen dann mit einer Stimme, als spräche man von der mittelalterlichen Pest. "Die hätten Sie hören sollen!" Heute allerdings stand Enrica im weißen Kleidchen zwischen ihren Eltern, seltsam gerührt, als wäre sie selbst eine kleine Mutter. Alle Anwesenden hatten gehört, was sie mit leuchtenden Augen geflüstert hatte, als der weißgewandete Geistliche im Gegenlicht die Kirche betrat: "Da kommt ja der liebe Gott!"

Auch der Pfarrer hatte es vernommen und daraufhin selbstgefällig gelächelt. Sein Familienname war "Herrn", und jedesmal, wenn die Gläubigen das Lied 'Lobet den Herrn' anstimmten, lächelte er so wie eben, als würde ihm eine Ehrenbezeigung erbracht, auf die er ein Anrecht hatte. Die Gemeinde schmunzelte darüber, wenn auch zunehmend verdrossen, da es kaum noch eine Messe des Pfarrers gab, bei der er das Lied nicht singen ließ.

Neben Antonia stand ihr Mann Ferdinand Bellago, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet war. Daß das zweite Kind wieder ein Mädchen war, spielte weder für Ferdinand noch für die übrige Familie eine Rolle, obwohl die gegenwärtige öffentliche Meinung Söhne eindeutig favorisierte. Auf diesbezügliche Bemerkungen antwortete Ferdinand: "Hauptsache gesund!", was zwar die meisten Väter in einem solchen Fall sinngemäß zu sagen pflegten, doch Ferdinand Bellago verspürte tatsächlich keinerlei Bedauern. Während er nun am Taufbecken stand und den Arm um die Schultern seiner Frau legte, dachte er daran, daß sie elf Jahre jünger war als er, doch beide hatten den Altersunterschied nie wirklich wahrgenommen. Und auch in ihrem Bekanntenkreis bildete er kein Thema. Ferdinand und Antonia Bellago galten einfach nur als schönes, angenehmes Paar, das man gern bei sich zu Hause empfing - besonders Antonia, denn sie war lebhaft und nahm regen Anteil an den Tischgesprächen.

Als der Pfarrer nun mit einem Kopfnicken ans Taufbecken trat, übergab Antonia den Täufling an den Paten Thomas Harlander - Juniorpartner in Ferdinand Bellagos Anwaltsbüro. Die Bellagos hatten ihm die Patenschaft angetragen, um ihn noch enger an die Familie und die Kanzlei zu binden. Er nahm es mit Humor und bemerkte nur ganz nebenbei, daß er sich für eine derartige Würde eigentlich noch nicht gesetzt

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