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Das Kleid meiner Mutter von Hahn, Anna Katharina (eBook)

  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Das Kleid meiner Mutter

Madrid im Sommer 2012: Krass zeigen sich in der Hauptstadt die Auswirkungen der jüngsten Wirtschaftskrise. Die junge Anita gehört zur "verlorenen Generation", der jede Möglichkeit einer selbstbestimmten Existenz genommen wurde: Aus Not ist sie in ihr altes Kinderzimmer zurückgezogen. Halt geben ihr neben der Familie nur ihre Freunde, die das Schicksal der Dauerarbeitslosigkeit mit ihr teilen. Doch alles Schlimme lässt sich noch steigern: Eines Tages liegen Anitas Eltern tot in der gemeinsamen Wohnung. Unversehens rutscht sie in das Leben der Mutter hinein. Anita muss nur eines ihrer Kleider überstreifen, schon halten sie alle für Blanca. Und deren Alltag ist viel aufregender, als Anita sich hätte träumen lassen. Am Ende scheinen fast alle Fäden bei einem geheimnisumwitterten Schriftsteller zusammenzulaufen, dem man nachsagt, über Leichen zu gehen. Doch vielleicht ist auch das eine Täuschung ... Anna Katharina Hahn, geboren 1970, gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation. 2009 erschien ihr Longseller Kürzere Tage , der auch ins Englische und Finnische übersetzt wurde. Ihr Roman Am Schwarzen Berg stand 2012 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse und auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. 2016 erschien Das Kleid meiner Mutter . Die Recherchen für Aus und davon führten sie in die USA und nach Mainz, wo sie 2018 die renommierte Stelle als Stadtschreiberin innehatte. Zugleich zeigt sie in ihrem neuen Roman ein unbekanntes Stuttgart, fern aller Klischees von der satten Schwabenmetropole.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 212
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518744505
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 5145 kBytes
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Das Kleid meiner Mutter

Sonntag

Sonntag Ich erwachte bei Sonnenaufgang, klitschnass geschwitzt, mit zusammengebissenen Zähnen. Einschlafen konnte ich nicht mehr. In Unterhose und BH setzte ich mich ans Küchenfenster und zündete mir eine Zigarette an, blies Rauch in den Hof hinunter. Alle Fenster waren dunkel, es roch nach gebratenem Fisch vom Vorabend und Weichspüler von den Wäscheleinen der Nachbarinnen, die auf jedem Stockwerk von Ecke zu Ecke gespannt waren. Mein Qualm zog zwischen baumelnden Büstenhaltern und Handtüchern hindurch. Der Innenhof ist ein tiefer Schacht, auf den nur die milchigen Scheiben der Küchen- und Treppenhausfenster hinauszeigen. Sein Grund starrte schwarz zu mir hoch. Obwohl ich als kleines Mädchen dort unten endlos Gummitwist und Rayuela gespielt hatte, überlief mich ein Schauder, so stark war sein Sog, so heftig der Zwang, sich weiter und weiter nach vorne zu beugen. Schließlich musste ich mich zwingen, den Blick abzuwenden.

Unsere Küche am Sonntagmorgen ist eigentlich ein freundlicher Ort - Kaffeeduft, Radiomusik, Gespräche. Meine Eltern sind immer vor mir wach, sie unterhalten sich, streiten manchmal. Ich komme erst gegen Mittag aus dem Bett, schnappe mir das letzte Schokobrötchen, und Mama legt mir ein Holzbrett, ein Messer, dazu ein paar Tomaten oder Zwiebeln hin, weil ich als Frau helfen muss, das Mittagessen zuzubereiten, während Papa im Wohnzimmer liest.

An diesem Morgen war es fürchterlich still. Natürlich brummte der Kühlschrank, die übliche Schwalbenschar jagte mit schrillen Schreien über die Dächer, der Verkehr rauschte, der in dieser Stadt niemals ruht. Irgendwo sang eine Männerstimme 'La Ramona'. Ich fühlte mich allein, merkte, wie mein Mund sich zum Weinen in ein kindisches Quadrat verzerrte und überlegte, ob ich nicht doch mit Paloma telefonieren sollte, mit La Plaga, deren Nachrichten sicher zu Dutzenden aufgelaufen waren, vielleicht sogar mit Ángel, der sofort das nächste Flugzeug nach Spanien genommen hätte. Aber etwas in mir hielt mich davon ab: eine Mischung aus Trotz, Angst und der Hoffnung, dass der ganze gestrige Tag einfach nicht geschehen wäre. Vielleicht war alles nicht wahr. Dann würde ich mich nur blamieren. Anita Nanita. Stoff zum Foppen für die nächsten Jahrzehnte. Ich träume nicht oft, aber wenn, dann ziemlich intensiv. So hatte ich an diesem Morgen den Wunsch, in einen sehr unheimlichen, viel zu langen Traum verstrickt zu sein, aus dem ich irgendwann aufschrecken würde.

Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal im Zwielicht der ersten Frühe in der Küche gesessen hatte. Vielleicht an jenem Morgen, am dem Ángel nach Deutschland ging. Er war beleidigt, weil mein Vater ihm bis zum letzten Moment Vorwürfe machte, und sprach kein Wort, während er hastig seinen Milchkaffee trank, mit einer zornigen Handbewegung Mama verscheuchte, die ihm einen Teller mit Tostadas unter die Nase hielt.

Mein Bruder Ángel ist vor ein paar Monaten nach Deutschland gegangen. Seinen Doktor phil. hat er mit Auszeichnung an der Complutense gemacht. Danach wollte er noch ein Diplom als literarischer Übersetzer an der Uni von Aranjuez draufsetzen, weil er keinen Job fand. Das hat er aber recht schnell abgebrochen. "Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende", sagte er danach. Ángel behauptet, er könne Deutsch besser lesen als sprechen oder verstehen, und er sei darin alles andere als perfekt. Ich kann das nicht beurteilen. Die Sprache hat mich nie interessiert. Ich finde, sie klingt nicht besonders schön. Aber Ángel war seit diesen Ferien in Dénia total scharf auf alles Deutsche: Musik, Bücher, Essen, besonders Brot, pan aleman, das er manchmal bei einem Bäcker in Salamanca kauft. Und natürlich die Mädchen. Er besitzt eine Liste aller deutschen Frauen, mit denen er geschlafen hat. Sie ist ein Namensalphabet und beginnt mit Andrea, Barbara, Christa, Dora ...Dabei klagt er über Doppelungen, weil

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