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Das lange Lied eines Lebens Roman von Levy, Andrea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.03.2011
  • Verlag: DVA
eBook (ePUB)
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Das lange Lied eines Lebens

Vom Kampf einer Frau um Freiheit - mit Leichtigkeit und Leidenschaft erzählt Jamaika, Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war einst Haussklavin auf der Zuckerplantage Amity und hat bewegte Zeiten hinter sich. Nun, viele Jahre nachdem sich ihre Brüder und Schwestern die Freiheit mit Blut erkauften, drängt es die inzwischen betagte Miss July ihrem Sohn, einem angesehenen Verleger, die Geschichte ihres Lebens zu offenbaren - und ihm zu erklären, warum sie gezwungen war, ihn als Säugling auf den Stufen einer Pfarrei auszusetzen. So beginnt sie mit großer Lust am Fabulieren von jener Zeit zu erzählen, als sie die rechte Hand der Missus auf der Plantage war. Bis der junge Goodwin seine Arbeit als Aufseher aufnahm und für July ein Leben unter anderen Vorzeichen anfing. Die unvergessliche Geschichte einer Emanzipation und zugleich ein erschütternder Bericht über die letzten Tage der Sklaverei, dargeboten von einer Ich-Erzählerin, die uns aufschreien lässt gegen die Unmenschlichkeit, die uns aber immer auch mit ihrem Lachen versöhnt. Denn sie führt uns vor Augen, welche Kräfte der Glaube an Veränderung wecken kann, welche Kraft die Freiheit birgt. Andrea Levy wurde 1956 als Kind jamaikanischer Einwanderer in London geboren, wo sie heute noch lebt. Ihr Roman Eine englische Art von Glück (2004) wurde ein Millionenbestseller, mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet und von der BBC erfolgreich verfilmt. Ihr neuester Roman Das lange Lied eines Lebens stand wieder wochenlang auf der britischen Bestsellerliste und war nominiert für den Booker-Preis 2010, den bedeutendsten Preis für englischsprachige Literatur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 18.03.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641045524
    Verlag: DVA
    Originaltitel: The Long Song
    Größe: 394 kBytes
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Das lange Lied eines Lebens

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL (S. 212-213)

Irgendwo, geneigter Leser, gibt es ein Ölgemälde, ein Porträt auf einer rechteckigen Leinwand (etwa eine Armeslänge breit), das den Titel Mr und Mrs Goodwin trägt. Dieses Bildnis war von der frisch verheirateten Caroline Goodwin bei einem bekannten Künstler in Auftrag gegeben worden, der in der Stadt Falmouth wohnte. Der Maler – ein gewisser Mr Francis Bear – fertigte in seinem offensichtlich kurzen Leben zahlreiche Porträts von jamaikanischen Pflanzern und ihren Familien an; in der Tat war es früher einmal Mode gewesen, einen Bear im Herrenhaus zu haben.

Im Salon auf Amity saßen die Porträtierten dem Maler mehrere Wochen lang Modell, ohne sich zu rühren oder einen Mucks von sich zu geben, ganz wie er es verlangte. Dabei schwitzten sie ihre besten Kleider langsam, aber stetig um mehrere Farbschattierungen dunkler. Was aus dem Porträt geworden ist, weiß ich nicht. Es ging verloren oder wurde gestohlen, vielleicht sogar zu Fetzen zernagt von einigen der vielen gefräßigen Geschöpfe, die auf dieser karibischen Insel leben. Solltest du jedoch zufällig auf dieses Porträt stoßen, Mr und Mrs Goodwin, so lasse es dir bitte angelegen sein, es sorgfältig zu studieren – denn in diesem Kunstwerk liegt das nächste Kapitel meiner Erzählung verborgen.

Im Vordergrund dieses prächtigen Gemäldes siehst du in aufrechter Haltung Robert Goodwin stehen. Seine Pose ist lässig, ein Bein ist vors andere gekreuzt, während sein Ellenbogen auf der Lehne des Stuhles vor ihm ruht. Er trägt ein leichtes Leinenjackett und eine Weste aus cremefarbener Seide, die mit einem filigranen grünen Blumenmuster bestickt ist. Auf dem Kopf sitzt kein Hut, und mögen ihm auch sein lockiges Haar und sein gesträubter Backenbart das distinguierte Aussehen eines Gentlemans verleihen, so lassen sie ihn doch um einiges älter erscheinen, als er ist.

Er ist noch kein Jahr verheiratet, und sein Gesichtsausdruck ist heiter und gelassen. Doch sieh genauer hin, denn der Glanz seiner blauen Augen ist reine Erleichterung, die Stimmung hinter seinem milden Lächeln Genugtuung; denn endlich ist Robert von jenem Zustand erlöst, den er aus Ehrerbietung gegen seinen guten Vater unter großen Schmerzen bis zu seiner Hochzeitsnacht intakt gehalten hatte – den Zustand der Jungfräulichkeit! Allerdings war es nicht Caroline, die sie ihm genommen hatte.

Denn während Robert Goodwins frischgebackene Braut hingestreckt auf ihrem Bett gelegen hatte – die Bänder am Ausschnitt ihres Nachtgewands waren gelöst, das Kleidungsstück selbst so weit herabgestreift, dass sich die üppigen Hügel ihrer geschmückten und parfümierten Brüste zeigten, sie selbst wartete ungeduldig darauf, dass ihr nagelneuer Ehemann seine Angelegenheiten im Negerdorf abschloss –, hielt er sich in einem Kellerraum unter dem Haus auf und riss unserer July fieberhaft die Kleider vom Leib.

Im schwachen Licht einer Talgkerze wendete er July hin und her wie ein lange erwartetes Geburtstagsgeschenk, das endlich ausgewickelt ist. Und als wolle er sich versichern, dass tatsächlich jeder Zoll an ihr so entzückend war, wie das geistige Auge des Besessenen es sich ausgemalt hatte, untersuchte er sie gründlich. Er legte sie hin und streichelte ihren ganzen Körper. Und wo seine Hände hinwanderten, folgten ihnen bald Zunge und Lippen.

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