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Das letzte Land Roman von Leiber, Svenja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Das letzte Land

Anfang des 20. Jahrhunderts in Norddeutschland. Ruven Preuk, jüngster Sohn des Stellmachers, verfügt schon als Kind über eine außerordentliche musikalische Begabung: Er sieht Töne, und auf seiner Geige spielt er sonderbare Melodien. Das bringt ihm auf dem Dorf nicht nur Bewunderung ein. Schließlich erkennt auch der alte Preuk, dass mit seinem Sohn nichts anzufangen ist. Verzweifelt versucht er, ihm die Töne aus dem Leib zu prügeln. Dann lässt er ihn ziehen. In der Stadt lernt Ruven beim Juden Goldbaum, in dessen Enkelin Rahel er sich ebenso verliebt wie in den Glauben an eine strahlende Karriere. Kunst bedeutet Freiheit und Anerkennung, aber die Nazis legen schon die Gewehre an. Als sein Durchbruch unmittelbar bevorsteht, reißt der Zweite Weltkrieg Deutschland in den Abgrund. Und Ruven muss erneut seinen Weg finden, am Ende aller Melodien. Mit Das letzte Land legt Svenja Leiber einen kapitalen Bildungsroman vor: Während um ihn herum ein ganzes Land in sich zusammenfällt, folgt ein außergewöhnlicher Musiker gegen alle Widerstände seiner Begabung. Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. 2005 debütierte sie mit dem Erzählungsband Büchsenlicht , 2010 folgte der Roman Schipino . Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land und 2018 Staub .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 10.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518736692
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 5000 kBytes
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Das letzte Land

I
1911-1917

DIE FRAUEN ERNTEN PFLAUMEN. Schon wieder ein Sommer, Sonne wie Öl auf Leinwand, Wäsche auf der Bleiche. Die Frauen pflücken und sammeln. Sie reden über Ruven, den jüngeren Sohn des Stellmachers Preuk. Der Junge steht seit dem Morgen zwischen Feld und Allee und rührt sich nicht. "Weiß Gott", sagen sie, "was soll man mit so einem?"

Ruven Preuk steht an einem Augusttag 1911 abseits vom Dorf und horcht. Er zählt den Takt, den das Licht und die Pappeln ihm schlagen, hell, dunkel, hell. Rundherum brüten die Äcker, deutsch, protestantisch und stumm vor Hitze. Die Pause im reifen Hafer ? und mitten in diese Stille hinein ein Lala und Lalei, das da nicht hingehört, erst fern, dann immer näher. Ruven legt den Kopf zur Seite und schließt die Augen. Dann zuckt er mit den Fingern, die Rechte folgt dem Takt, dem Spiel von Licht und Schatten, die Linke dem Gesang, Lala, Lalei . Jetzt hebt er sogar die Arme, er dirigiert. Die Frauen wenden sich ab und wischen sich Schweiß vom Gesicht. Nur mit Rumstehen und Gefuchtel wird man nichts, denken sie, so wird der Korb nicht voll.

Da kommen zwei hölzerne Wohnwagen mit müden Zugtieren die Allee herauf. Den ersten kutscht, mit einer Hand, ein Mann. Wie schlafend lehnt er gegen den Wagenkasten. Den zweiten lenkt eine Frau in Rock und roter Jacke, sie ist es, die singt. Dahinter marschiert, eins, zwei, eins, zwei, eine Meute Halbstarker aus dem Dorf, die auch schon seit dem Morgen gelauert hatte, angeführt von Fritz Dordel, mit seinem Fischottergesicht und in zu kurzen Hosen. Das zieht laut an Ruven vorbei, wie Parade, der Weg wird ganz dunkel vor Gestalten; dazu die spöttischen Lieder der Frau, Wut und Triumph, sie bleckt die Zähne und haut mit der Peitsche zur Seite und nach dem Fritz, der schon halb auf ihrem Wagen ist. Kaum Bart im Gesicht, fingert der einfach an ihrem Rocksaum herum. Sie tritt ihm mit dem nackten Fuß vor den Bug, dass er rückwärts im Hafer landet. Wütend rafft er sich auf und folgt den Wagen ins Dorf.

Ruven sieht ihnen nach. Da sind sie endlich. Er hat gehofft, dass sie kommen. Fritz hat ihn wie immer bei der Lauer dabeihaben wollen, aber er selbst hat diesmal nicht gewollt. Es ist ein besonderer Tag, so einen gibt's nur einmal im Jahr, und er will grad hinterher, da kommt an der Furt, gleich seitlich zwischen den Büschen, sein Vater herauf, der erwischt ihn besser nicht in der Nähe des Otters. Ruven tut einen Schritt hinter den Stamm der nächsten Pappel. Der alte Preuk sieht ihn also nicht und treibt seinen Braunen weiter durch den weichen Sand. Die Leinen reiben dem Pferd den Schaum aus dem Fell. Die Wagenladung klappert, weil der Wagen die Böschung hinauf muss. Nils Preuk steigt ab und schiebt von hinten, oben fährt er wieder mit und merkt nicht, dass ihm sein Junge aufspringt. Er dreht sich nur um, weil das Geklapper nicht mehr so laut ist, und denkt noch, das Zeug hat sich abgeladen, aber da sitzt ja sein Sohn, so blond auf dem Kopf wie Blumenkohl, und sagt: "Sie sind wieder da", und schon ist er neben Nils auf dem Bock.

"Wer?"

"Der Spieler mit der Sofie."

"Voriges Jahr waren die früher", sagt Nils und schweigt ein Stück. "Diese Sofie, immer von Hof zu Hof. Hat allen mit ihrem Singsang den Kopf verdreht. Sogar dem Röver. Und diese Augen! Zweimal Gift", sagt er und sieht so vor sich hin.

Dem Bauer Röver war bei den Liedern der Sofie die Hand in die Brunnenkurbel geraten. Vier seiner Finger hat man nachher zum Pastor gebracht. Aber der wusste auch nicht, wohin damit, und hat sie eingesteckt und dann vergessen. Am Nachmittag f

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