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Das Licht der letzten Tage Roman von Mandel, Emily St. John (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Das Licht der letzten Tage

Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter. Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war. Sie vermissen all das, was einst so wundervoll und selbstverständlich war, und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Auf ihrem Weg werden sie von Hoffnung geleitet - und Zuversicht. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer. Emily St. John Mandel, geboren 1979, wuchs an der Westküste von British Columbia in Kanada auf. Sie studierte zeitgenössischen Tanz an der "School of Toronto Dance Theatre" und lebte danach kurze Zeit in Montreal, bevor sie nach New York umzog und anfing, für das literarische Online-Magazin "The Millions" zu schreiben. Sie lebt dort mit ihrem Ehemann. "Das Licht der letzten Tage" war auf der Shortlist des National Book Award, eines der renommiertesten Literaturpreise der USA, und stand monatelang auf der New-York-Times-Bestsellerliste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492971478
    Verlag: Piper
    Größe: 2362 kBytes
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Das Licht der letzten Tage

1

Der König stand schwankend in einer Lache aus blauem Licht. Es war der 4. Akt von König Lear, an einem Winterabend im Elgin Theatre in Toronto. Zuvor, während das Publikum in den Saal kam und seine Plätze einnahm, hatten drei Mädchen auf der Bühne ein Klatsch-Spiel gespielt, kindliche Versionen von Lears Töchtern, und jetzt kehrten sie in der Wahnsinnsszene als Halluzinationen zurück. Der König stolperte umher und versuchte sie festzuhalten, während sie in den Schatten hierhin und dorthin huschten. Er hieß Arthur Leander. Er war einundfünfzig und trug Blumen im Haar.

"Kennst du mich wohl?", fragte der Schauspieler, der den Gloucester spielte.

"Ich erinnere mich deiner Augen recht gut", sagte Arthur, abgelenkt von der kindlichen Version der Cordelia, und genau in diesem Moment geschah es. Auf einmal veränderte sich sein Gesichtsausdruck, er stolperte, er wollte Halt an einer Säule suchen, verschätzte sich aber im Abstand und schlug sich schmerzhaft die Hand an.

"Vom Gürtel nieder sind's Centauren", sagte er. Ganz abgesehen davon, dass es die falsche Zeile war, brachte er sie auch noch seltsam gepresst vor, mit kaum hörbarer Stimme. Er drückte sich die Hand an die Brust wie einen verletzten Vogel. Der Schauspieler, der den Edgar spielte, beobachtete ihn scharf. In diesem Moment bestand immer die Möglichkeit, dass Arthur schauspielerte, aber in der ersten Reihe hinter dem Orchester stand gerade ein Mann auf, der eine Sanitäterausbildung hatte. Seine Freundin zog ihn am Ärmel und zischte: "Jeevan! Was machst du denn?" Jeevan wusste es selbst nicht so recht, und aus den Reihen hinter ihm raunte man ihm zu, er möge sich doch wieder hinsetzen. Ein Platzanweiser steuerte auf ihn zu. Auf der Bühne begann Schnee zu fallen.

"Der Zeisig tut's", flüsterte Arthur, und Jeevan, der das Stück sehr gut kannte, wusste, dass der Schauspieler gerade zwölf Zeilen im Text zurückgerutscht war. "Der Zeisig ..."

"Sir", sagte der Platzanweiser, "würden Sie bitte ..."

Doch Arthur Leanders Zeit lief ab. Er schwankte, sein Blick war ins Unbestimmte gerichtet, und Jeevan war klar, dass der Schauspieler jetzt nicht mehr König Lear war. Er schob den Platzanweiser beiseite und rannte zu den Stufen, die auf die Bühne führten, aber da kam schon ein zweiter Platzanweiser den Gang entlanggerannt, sodass Jeevan sich gezwungen sah, sich ohne die Hilfe einer Treppe einfach auf die Bühne zu hangeln. Sie war höher, als er gedacht hatte, und er musste den ersten Platzanweiser, der ihn am Ärmel gepackt hatte, mit dem Fuß wegstoßen. Der Schnee war aus Plastik, wie Jeevan unbewusst zur Kenntnis nahm, zahllose kleine Stückchen aus durchscheinendem Plastik, die an seiner Jacke hängen blieben und auf seiner Haut scheuerten. Edgar und Gloucester wurden einen Augenblick von dem Getöse abgelenkt. Keiner schaute zu Arthur, der sich mittlerweile mit leerem Blick gegen die Sperrholzsäule lehnte.

Man hörte Rufe aus dem Backstagebereich, zwei Schatten kamen herangeeilt, doch Jeevan hatte Arthur jetzt erreicht, fing den Schauspieler auf, als er ohnmächtig wurde, und ließ ihn behutsam auf den Boden gleiten. Rundherum segelten die Schneeflocken jetzt immer dichter herab, sie schimmerten im bläulich weißen Licht. Arthur atmete nicht mehr. Die zwei Schatten - Security-Mitarbeiter - waren in ein paar Schritt Abstand stehen geblieben und kapierten wohl langsam, dass Jeevan kein geistesgestörter Zuschauer war. Im Publikum wildes Stimmengewirr, blitzende Handykameras, unverständliche Ausrufe im Dunkel.

"Lieber Gott", sagte Edgar. "Du lieber Gott." Er hatte den britischen Akzent, dessen er sich vorher bedient hatte, völlig fallen gelassen und klang jetzt so, als käme er aus dem tiefsten Alabama. Was ja auch der Wahrheit entsprach. Gloucester hatte die Mullbinde weggezogen, die sein halbes Gesicht verbarg - zu diesem Zeitpunkt hatte man seiner Figur bereits die Augen

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