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Das Mädchen, das nach den Sternen greift Roman von Bras, Pep (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.07.2015
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Das Mädchen, das nach den Sternen greift

Für die kleine Sión ist glücklich sein das Einfachste auf der Welt - das Mädchen ist auf Ilhabela zu Hause, einer paradiesischen Insel vor der Küste Brasiliens: Jeden Tag läuft sie durchs Dschungelgrün, jeden Tag hört sie die Melodie des Meeresrauschens, jeden Tag entdeckt sie neue, ungesehene Wunder. Doch 1915 reißt ein Schicksalsschlag ihre kleine Familie auseinander und verschlägt Sión mit ihrem Vater nach Paris. Unter der Obhut eines exzentrischen Hoteliers finden sie beide langsam in ein neues Leben. Aber als Sión in den Gassen von Montmartre der Kunst des Puppenspiels verfällt, ist ihr Glück sehr bald wieder in Gefahr ... Das Mädchen, das nach den Sternen greift erzählt in satten Farben von einer abenteuerlichen Lebensreise, einer Reise von den palmengesäumten Stränden einer fernen Heimat bis in die Pariser Varietés der zwanziger Jahre. Und am Ende steht die Geschichte eines vom Zauber der Welt getriebenen Menschen. Pep Bras, geboren 1962 in Barcelona, studierte Journalismus. Er schreibt Romane und Theaterstücke und ist in Spanien als Drehbuchautor für Film, Fernsehen und Radio bekannt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 301
    Erscheinungsdatum: 06.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458740148
    Verlag: Insel Verlag
    Originaltitel: La niña que hacía hablar a las muñecas
    Größe: 5180 kBytes
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Das Mädchen, das nach den Sternen greift

Prolog

Wann genau mein damals zweiundzwanzig Jahre alter Urgroßvater, Joan Bras, am Morgen des 14. August 1909 augenscheinlich tot den kleinsten Strand im Nordosten von Ilhabela erreichte, ist nicht überliefert. Vor hundert Jahren spielte Zeit nicht dieselbe Rolle wie heute, zumal für die Bewohner dieser Insel, an denen die Erfindung der Uhr einfach vorübergegangen war. Hier lebte man weiter nach dem Stand der Sonne und dem eigenen Empfinden: Hatte man Hunger, war es Zeit, etwas zu essen; fielen einem die Augen zu, legte man sich schlafen.

Es hatte die ganze Nacht geregnet. Angefangen hatte es, wie Gewitter in den Tropen für gewöhnlich anfangen, nicht mit einem warnenden Donnergrollen und mit dunklen Wolkenbergen, die sich Stück für Stück vor den Mond schieben, bis er verschwunden ist, sondern auf einen Schlag, quasi aus dem Hinterhalt. Eine ruhige Nacht, und im nächsten Moment klatschte ein Wasserschwall herab, als hätte ein Gott aus lauter Jux und Tollerei eine gigantische Wasserbombe auf seine Schöpfung geworfen.

Am Morgen danach herrschte drückende Schwüle. Dandhara lief eilig den schmalen Küstenpfad entlang, der ihr Dorf mit Guanxuma verband, wo ihr Avô Jairo und ihre Vovó Maísa wohnten. Sie trug keine Schuhe, und ihre kleinen Füße waren bis zu den Knöcheln braun vom Schlamm, was aussah, als steckten sie in dicken kakaofarbenen Socken. Beim Laufen sang sie leise, flüsternd, das Lied, das ihre Mutter ihr zwei Winter zuvor beigebracht hatte, als Dandhara damit begann, allein ihre Großeltern im Nachbardorf zu besuchen. Ihre Mutter hatte gesagt, es sei ein Zauberlied, um die Angst vor dem großen Jaguar der Insel zu verlieren. Es ging so:

Deine Augen sehn mich nicht,

was du siehst, das bin ich nicht,

Gápanamé.

Mein Geruch, der ist für dich

wie der Blatttau von den Bäumen.

Was du riechst, das bin ich nicht,

Gápanamé.

Mein Geräusch beim Atmen klingt

für deine Ohren wie der Wind.

Was du hörst, das bin ich nicht,

Gápanamé.

Und willst du mich fangen,

bin ich fort wie ein Hauch,

und du beißt dir bloß in den eigenen Schwanz,

dummer Gápanamé.

Versuch also gar nicht,

mich heute zu fressen,

ich fülle dir heute bestimmt nicht den Bauch,

Gápanamé.

Und morgen, ja morgen, ist auch noch ein Tag.

Dandhara hatte das Lied unablässig wiederholt, seit sie in Serraria aufgebrochen war, aber die Angst wollte nicht verschwinden. Ihr gingen die vielen Geschichten durch den Kopf, die ihr die Großen über Gápanamé erzählt hatten, etwa, wie die aus Tres Tombos es leid gewesen waren, ständig gerissenes Vieh zu finden, und ein Dutzend ihrer besten Jäger ausgeschickt hatten, mit Speeren und Fackeln.

Gápanamé hatte sich einen Spaß mit ihnen gemacht. Vier lange Monate spielte er Katz und Maus mit ihnen und verschlang sie einen nach dem anderen, bis nur ein letzter, der jüngste, noch übrig war. Der hieß Tárcio und war der erstgeborene Sohn des Dorfoberhaupts. Von klein auf hatte er das Kämpfen gelernt, und nun trotzte er allen Strapazen und kletterte in einer kalten, mondlosen Nacht hinauf zum höchsten Gipfel der Berge von São Sebastião. Dort entfachte er ein gewaltiges Feuer, dessen Widerschein Gápanamé von jedem Punkt der Insel aus sehen konnte. Den Speer in der Hand, hockte Tárcio sich hin und wartete. Es tagte bereits, als der Jaguar auftauchte, näher

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