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Das Mädchen aus Piräus Die unfassbare Geschichte einer Migrantin von Oswald, Ueli (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2015
  • Verlag: Wörterseh Verlag
eBook (ePUB)
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Das Mädchen aus Piräus

Helena, ein Mädchen aus Piräus, aufgewachsen in zerrütteten Verhältnissen und im Waisenhaus, nimmt ihr Leben mit knapp achtzehn Jahren selbst in die Hand und entflieht der Aussichtslosigkeit in ihrer Heimat Griechenland. Vor allem aber entkommt sie ihren Peinigern. Sie lässt alles hinter sich und macht sich - mit weniger als nichts - auf den Weg ins vermeintliche Paradies, die Schweiz. Dort lockt ein Jobangebot und somit ein Neuanfang. Die Reise nach Scuol im Engadin ist ebenso abenteuerlich wie gefährlich. Endlich dort angekommen, beginnt ein neues Leben. Die Arbeit als Küchenmädchen aber ist hart: Helena wird massiv ausgenutzt und findet sich, vorerst sprachlos, im neuen Kulturkreis nur schlecht zurecht, ist Fremdarbeiterin, nicht Gastarbeiterin. Im Jahr 1963, in jenem kalten Winter, in dem der Zürichsee zum letzten Mal zugefroren ist, macht sich die junge Frau auf nach Zürich, wo sie sich Hals über Kopf verliebt. Jetzt endlich scheint sie das Glück gefunden zu haben. Doch das Paradies behält seine düsteren Seiten, und Helenas Schicksal steht auch jetzt unter keinem guten Stern. Trotzdem gibt sie nie auf, und das ist es, was ihre Geschichte so erzählenswert macht. Ueli Oswald, geb. 1952, bildete sich in London und Hamburg zum Fotografen aus und studierte danach in Zürich Ethnologie und Publizistik. Nach einer Dekade als Journalist wirkte er als Verlagsleiter von 'NZZ Folio'. Sein Buchdebüt 'Ausgang' (Edition Epoca), eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seinem Vater, der sich im hohen Alter für einen selbstbestimmten Tod entschied, war ein viel beachteter Erfolg. 2014 erschien sein zweites Buch, 'Ja, ich will! - Wenn Liebe ewig währt', im Wörterseh Verlag. 'Das Mädchen aus Piräus' schrieb Ueli Oswald dank einer Zufallsbekanntschaft mit einer älteren Dame, die ihm ihr Leben vor die Füße legte und ihm erlaubte, es öffentlich zu machen. Ueli Oswald lebt in Zürich und ist als freier Publizist tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 01.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783037635735
    Verlag: Wörterseh Verlag
    Größe: 1820 kBytes
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Das Mädchen aus Piräus

2

Helena behielt recht, tags darauf zeigte sich das Wetter wieder von seiner besten Seite; die Sonne wärmte Natur und Parkgänger. Als ich zu unserer Bank unter dem alten Ahorn kam, saß Helena bereits dort, blinzelte in die Sonne und ließ ihre Beine baumeln.

"Aha, der Herr Ueli, hab ich ihn also doch nicht so erschreckt, dass er nicht wiederkommt", sagte sie grinsend und fügte sehr ernst hinzu: "Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen. Ich finde, ich habe meiner Mutter unrecht getan. Wie hätte sie anders handeln können, in ihrer Lage ... Aber komm, setz dich, heute habe ich Pistazien mitgebracht, die kennst du ja wohl."

Helena hatte sich entschieden, einen weiten Bogen zu schlagen, bei ihren Großeltern anzufangen, um mir begreiflich zu machen, warum ihre Mutter so gehandelt hatte und wie das Schicksal zu den Menschen, noch mehr aber die Menschen untereinander grausam sein können.

Mein Vater Achilleus wurde 1912 in Kleinasien, also auf türkischem Boden, geboren. Seine Eltern waren reiche Griechen. Mein Vater, sein Bruder Nikolaos und die zwei Schwestern Pipina und Elektra wuchsen in guten Verhältnissen auf. Doch der Türkisch-Griechische Krieg zwang die Familie, aus der Türkei zu fliehen. Die Türken erwischten sie auf der Flucht. Sie schlugen den Eltern vor den Augen der Kinder den Kopf ab und zwangen meinen Vater, vom Blut seiner Eltern zu trinken. Mein Vater, er war der Jüngste, und seine Geschwister kamen als Waisen nach Griechenland. Mit achtzehn hatte er eine Hirnhautentzündung, das schränkte seine Gesundheit, vielleicht auch sein Denken stark ein. Aber davon erzähle ich später.

Von den Großeltern mütterlicherseits weiß ich mehr. Überhaupt, was ich von meinen Vorfahren weiß, erfuhr ich alles von meiner Mutter. Ihr Vater war ein griechischer Reeder wie davor auch schon sein Vater. Meine Großmutter stammte von der Insel Spetses. Sie war dreizehn, als sie meinen Großvater kennen lernte.

Er war damals mit ihrer besten Freundin verlobt, aber meine Großmutter schnappte ihn ihr weg. Nach der Heirat zogen sie nach Piräus und bekamen neun Kinder. Mein Großvater Anargiros liebte seine Penthesilea abgöttisch. Am Anfang nahm er sie immer mit auf seine Schiffsreisen, später blieb sie bei den Kindern. Penthesilea hatte ein Leben wie eine Königin mit Dienstpersonal und Gouvernanten für die Kinder.

Siehst du, in meiner Familie gab es schon auch noble Leute, aber das ist alles Schnee von gestern ...

Als Anargiros auf einer seiner Reisen war, wandte das Glück sich von den beiden ab. Penthesilea war wieder schwanger, und die Hebamme gab ihr eine Spritze. Aber etwas lief schief, und meine Großmutter wurde krank und starb. Leda, meine Mutter, war damals fünf Jahre alt. Am Tag, als Großmutter starb, saß sie auf dem Gehsteig und weinte. Nachbarskinder spielten um sie herum, und eines warf einen Stein, der Leda am Fuß verletzte. Der Fuß wurde geschwollen und entzündete sich. Mein Großvater, der inzwischen von seiner Reise zurückgekommen war, schickte die Kinder mit der Gouvernante auf die Insel Spetses, wo die Familie Häuser besaß. Leda schärfte er ein, wegen der Infektionsgefahr nicht im Meer zu schwimmen. Sie ging trotzdem baden, und die Infektion wurde schlimmer, so schlimm, dass man ihr schließlich den Unterschenkel amputieren musste.

Das Schicksal verteilt Gaben und Gräuel nicht gerecht, der eine kriegt ein Füllhorn voll von Gutem, der andere droht in einem Meer von Schlechtem zu ertrinken. Mein Großvater war ein gebrochener Mann, jeden Tag saß er am Grab seiner Frau. Neun Monate später starb auch er. Von den neun Kindern waren vier bereits im Kindesalter gestorben. Evgenia, die älteste Schwester meiner Mutter, war damals vierzehn Jahre alt, das war, als in Europa der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Damit

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