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Das rote Kleid Roman von Kretschmer, Guido Maria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Das rote Kleid

Anascha ist ein wunderschönes rotes Kleid aus Seide. Sie hängt an einem Filmset in der Garderobe und wartet gespannt auf ihren Auftritt. Aber Anascha ist noch ein junges Textil, und so ist sie froh, dass sie in guter Gesellschaft ist: Da gibt es Eric, den alten Mantel, der bald ihr engster Vertrauter wird, ein liebenswertes Nachthemdchen, das immer vom Bügel stürzt, oder Lulu, das charmante Revuekleid aus Las Vegas. Nur gut, dass sie alle zusammenhalten wie aus einem Garn genäht, denn bald müssen sie so manche Herausforderung meistern. Und vielleicht gelingt es Anascha am Ende sogar, ihren großen Traum zu erfüllen - ein richtiges Zuhause zu haben und einen Menschen, der sie wirklich liebt, für immer ...

Guido Maria Kretschmer gehört zu den renommiertesten deutschen Modedesignern. Seit 2012 begeistert er ein Millionenpublikum in diversen TV-Sendungen, allen voran dem Kultformat 'Shopping Queen'. Er wurde ausgezeichnet u.a. mit der "Goldenen Kamera", dem "Deutschen Fernsehpreis" und dem österreichischen Film- und Fernsehpreis "Romy". Aber auch als Autor war GMK höchst erfolgreich: Seine beiden Stilratgeber standen monatelang auf den obersten Rängen der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 12.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641225308
    Verlag: Goldmann
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Das rote Kleid

Erst jetzt bemerkte ich die vielen anderen Kleider, die auch da waren, und ihre bewundernden Blicke. Sie applaudierten und ließen mich hochleben. Es ist so wichtig, willkommen geheißen zu werden!

Veronika war ein Abendmantel. Ein bestickter Traum aus Samt und Seide. Als sie Samt sagte, spürte ich gleich, wie begeistert sie von sich war. Sie sagte: "Ya, prekrasno", was so etwas wie "ach, ich bin wunderbar" auf Russisch bedeutet. Und das war sie auch. Schwarz wie die Nacht, ein Seidensamt mit einem cremefarbenen Futter, über und über bestickt mit kleinen Glasperlen in Grau und zimtfarbenen Kristallen.

"Ich bin zur Reparatur hier", sagte sie, "ein Irrer ist mir auf die Schleppe getreten." Bevor ich die anderen im Raum richtig wahrnehmen und begrüßen konnte, erwartete sie meine ganze Aufmerksamkeit.

"Nicht dass du jetzt denkst, ich wäre nicht mehr modern, Kleines", flüsterte sie mir zu. "Weißt du", sagte sie, "Couture", und jetzt wurde ihre Stimme lauter, damit sie auch bis in den letzten Winkel des Ateliers verstanden werden konnte, "ist etwas Besonderes, ich bin etwas Besonderes."

Als ein aufgeregtes Raunen durch den Raum ging, wurde sie für einen kleinen Moment nachdenklich, und ihre Ärmel hingen für einen Wimpernschlag etwas müde an ihr herunter. "Ja", sagte sie dann mit großer Geste, "es ist nicht immer leicht, ein textiler Traum zu sein, mein liebes Kind."

Ich sagte so etwas wie: "Ach ja, und ist ja sicher auch nicht einfach mit defekter Schleppe", obwohl ich nicht einmal genau wusste, was eine Schleppe war.

Veronika konnte anscheinend zwischen meinen Fasern lesen und drückte wohlwollend ihr Gesticktes an meine Seite. "Kleines", sagte sie, "du musst noch so einiges lernen, ich kann nur hoffen, dass du in einem guten Kleiderschrank ein Zuhause findest."

Ein Zuhause, dachte ich, aber ist mein Zuhause denn nicht hier?

"Und glaube mir", sagte Veronika noch, "bei mir zu Hause ist kein Patz für dich. Ich bin eine schmale Größe 36", und dabei erhob sie ihre Stimme zu einem Krächzen. "Du bist locker eine 40! Hübsch, aber dick. Ja", sagte sie, "wie gut, dass du mich bei deiner Geburt an der Seite hattest, es hätte nicht jeder gleich die Wahrheit gesagt." Dann zuckte ihr ganzes Gewebe vor Glück, dass ihre Kristalle nur so klimperten.

Sie erzählte mir von all den Kleidern und Hosen, den Röcken und Abendkleidern, die sie bereits getroffen hatte, um dann unvermittelt etwas leiser zu werden. "Weißt du", sagte sie mit etwas Wehmut in der Stimme, "dass wir von der gleichen Hand geschaffen sind, ist etwas Besonderes, wir Russinnen sind immer etwas eleganter als der Rest. Wir lassen uns einfach besser tragen. Sage aber bloß den Parisern nichts, die sind doch so von sich eingenommen. Ich kenne ein Chanel-Kostüm, das sich so darüber geärgert hat, dass es nicht mehr getragen wurde, dass es anfing, selbst seine Fasern zu zerstören. Es ist böse mit ihm ausgegangen. Es wurde entsorgt und von Motten zerfressen", sagte sie mit pikierter Stimme. Und dann wieder etwas nachdenklicher: "Übrigens wird uns Russinnen auch immer der Hang zur Melancholie nachgesagt. Ich glaube nicht, dass wir trauriger und gedankenverlorener sind als der Rest der Welt. Vielleicht hat es mit dem Licht zu tun, das in unserem Land herrscht, oder mit der Weite oder dem Schnee oder einfach nur, weil es so ist, wie es nun mal ist."

Rechts neben mir hing ein Wollkostüm. Es hatte noch nicht ein Wort gesprochen, und ich erschrak, als es sich plötzlich leise bei mir vorstellte. "Mein Name ist Johanna", sagte es, "wir sind zwei, mein Rock und ich."

Erst da bemerkte ich den Rock, der sich unter dem Blazer zu verstecken versuchte.

"Er ist am Bund gerissen, und jetzt wird er von innen verstärkt, es ist ihm peinlich", sagte der Blazer mit einem Knopflochzwinkern. "Wir kommen aus Fulda. Wir sind eine gute alte Maßanfertigung."

Sie wohnten in einem Schrank bei einer Dame, die

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