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Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn von Schönthaler, Philipp (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.08.2013
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn

Die Protagonisten des Debutromans von Philipp Schönthaler stellen sich den Herausforderungen, den Ansprüchen und Zumutungen unserer alltäglichen Arbeits- und Lebenswelten. Jeder Tag ist ein Kampf um optimiertes Aussehen, optimierte Arbeitsziele, optimierte Arbeitsplätze, optimierte Berufseinstellungen. Soll man nun daran scheitern oder darüber lachen? Schönthaler entscheidet sich in diesem außergewöhnlichen Roman für den feinen, leise ironischen Blick, den sanften und liebevollen Spott, geleitet von Neugier und Faszination, von Zuneigung und Verständnis. Offen bleibt nach der Lektüre, ob wir auf die Menschen in den Verhältnissen um uns oder ob wir bloß in einen Spiegel geschaut haben. 'Antiromantisches Erzählen auf der Höhe der Zeit.' - aus der Begründung für den Clemens-Brentano-Preis 2013

Philipp Schönthaler, geboren 1976 in Stuttgart, begann ein Theologiestudium in San Antonio, Texas, wechselte dann nach Vancouver, um Anglistik und Kunst zu studieren. 2010 Promotion an der Universität Konstanz über 'Negationen des Erzählers'. 2010 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des LCB. Schönthaler lebt in Essen. Für Sein Debüt 'Nach oben ist das Leben offen' erhielt er den Clemens-Brentano-Preis 2013.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 334
    Erscheinungsdatum: 19.08.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882211672
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 1595 kBytes
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Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn

SMAART LÄSST IHREN auf dem Kissen lagernden Kopf - erschrocken über die dumpfe Finsternis trotz ihres weit geöffneten Auges - in sämtliche Richtungen kreisen, zwinkert, bevor sie verdrossen aufstöhnt, die Augenmaske von ihrem Kopf streift. Sie trägt gewöhnlich keine Schlafbrille und kann sich nicht daran erinnern, sie gestern Abend angelegt zu haben. Sie hebt ihren Kopf, ihr Auge scannt für einige Momente die fremde Umgebung, bleibt rätselnd an Decke und Wänden kleben, helle Sonnenstrahlen zwängen sich durch zwei geschmackvolle Gardinen. Überhaupt ist das Zimmer äußerst gemütlich eingerichtet, sinniert Smaart, lässt ihren Kopf zurück auf das Kissen sinken, schließt erneut die Augen -

Nach der Irritation, die die Augenmaske ausgelöst hat, muss sie unwillkürlich an die Bilder eines wiederkehrenden Alptraums denken, der sie seit ihrer Kindheit verfolgt. Sie erwacht morgens, öffnet die Augen - und alles bleibt schwarz. Sie ist plötzlich blind. Auch ihr zweites Auge ist ihr aufgrund eines Missgeschicks, das sie zu rekonstruieren sucht, abhanden gekommen. Von einer panischen Angst ergriffen begibt sie sich auf die Suche, die sie an verschiedene Orte führt, die Träume enden stets im Unglück. Mal irrt sie durch große, baufällige Gebäudekomplexe mit windigen Korridoren und zerborstenen Glasscheiben, im Rohbau befindliche Schlaf- und Badezimmer, wo sie Zeugin wird, wie ihr Augenball in dem Moment, als sie von einer bestimmten Ahnung getrieben an eine Kloschüssel herantritt, von einer selbsttätigen Spülung in die Tiefe gerissen wird. Sie stürzt auf die Knie, ihre Fingerspitzen berühren den Augapfel, aber anstatt ihn zu fassen, stößt sie das Organ endgültig in die Tiefe. Ein anderes Mal sitzt sie an einer großen Tafel, blind, und doch hat sie plötzlich die Gewissheit, dass ihr Sehapparat in die dampfende Kasserolle gefallen ist, aus der sie soeben inmitten einer weitgehend fremden, irgendwie feierlichen Gesellschaft speist. Genau in diesem Moment spürt sie - als sei sie noch immer auf mysteriöse Weise mit ihrem Organ verbunden -, dass einer der Männer neben ihr das Auge auf seinem Suppenlöffel vorsichtig zum Mund führt. Bevor sie reagieren kann, schließt sich die dichte Reihe tabakbrauner Herrenzähne knackend um die gallertartige Masse, beißt zu. Der Mann flucht, spuckt den Bissen postwendend aus. Smaart zuckt zusammen, wagt jedoch nicht, sich zu erkennen zu geben.

Smaart streift sich die Haare aus der Stirn, in letzter Zeit erlebt sie es öfter, dass sie morgens in einem Hotel erwacht und in den ersten Sekunden nicht sagen kann, wo sie ist, nur diese primitive Form eines Seinsgefühls, das ein Tier im Inneren verspüren mag: Erst mit der Erinnerung stellt sich die Orientierung ein. Eigentlich will Smaart ihre Außeneinsätze schon seit Längerem auf ein erträgliches Maß reduzieren, im Grunde hat sie es mittlerweile als Partnerin bei Rickert & Grünwald selbst in der Hand. Aber aus unerfindlichen Gründen schafft sie es nicht, ihren Rhythmus zu drosseln, meist ist sie nach wie vor vier Tage in der Woche unterwegs, arbeitet 14 bis 16 Stunden - als ihr Blick plötzlich auf die unscheinbare Wanduhr fällt und sie jäh aus ihren Gedanken reißt, sie schlagartig ihre Beherrschung verlieren lässt.

Smaart springt fluchend auf, ein Schwarm farbiger Elektroden, zuvor auf Kopfhaut, Kinn und auf die Unterschenkel geklebt, wirbelt mit flaumigen Härchen gesäumt durch die Luft, ihr nach vorne schnellender Zeigefinger, der in einer verkabelten Plastikklemme steckt, lässt ein (dem dumpfen Aufprall nach zu urteilen gewichtiges) Gerät in ihrem Rücken zu Boden gehen. Ihr Bein verfängt sich im Laken, zwingt sie, kaum steht sie, wieder frontalgesichtig auf die Matratze, was sie im zweiten Anlauf nur noch energischer in die Höhe schnellen lässt. Diesmal befreit sie sich mit einem heftigen Armschwung von ihrer Fingerklemme, von zwei um ihren Oberkörper geschlungenen Gürtelbändern, ihre Brust b

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