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Das Spiel der hundert Blätter Roman von Vosganian, Varujan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2016
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
eBook (ePUB)
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Das Spiel der hundert Blätter

Tili, Jenica, Maca, Luca: Sie haben gemeinsam studiert, gearbeitet, und einst, in Kindheitstagen, haben sie das Spiel der hundert Blätter gespielt - eine Allee entlang von einem Kastanienblatt zum nächsten hüpfen und dabei stets auf ein Blatt treten. Wer es am weitesten schaffte, der hatte gewonnen. Heute berät Tili einen Puppenmacher, Jenica betreibt eine Lottokollektur, Maca provoziert die Mitmenschen mit seinem Motorrad. Und Luca? Luca ist verschwunden, noch vor der Revolution. Als Tili Einsicht in die Securitate-Akten erhält, beginnt das Spiel der hundert Blätter aufs Neue. Wie weit und wohin führen sie jetzt? Ein Roman über Widerstandskraft und Humanität - und über das Trauma der politischen Wende in Rumänien.

Varujan Vosganian wurde 1958 in Craiova geboren und verbrachte seine Kindheit in Focsani. Von 2006 bis 2008 war er rumänischer Finanz- und Wirtschaftsminister, 2012 bis 2013 Minister für Handel und Industrie. Er ist Präsident der Vereinigung der Armenier in Rumänien. Bei Zsolnay erschienen die Romane Buch des Flüsterns (2013), Das Spiel der hundert Blätter (2016) und der Erzählband Als die Welt ganz war (2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 22.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783552058132
    Verlag: Paul Zsolnay Verlag
    Originaltitel: Jocul celor o suta de frunze si alte povestiri
    Größe: 1494 kBytes
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Das Spiel der hundert Blätter

" Wenn du ' s nur sehen könntest!", rief Jenica, ließ sich auf den Stuhl fallen und meinte, auf diese Weise alle Fragen beantwortet zu haben.

Er kauerte etwas niedergeschlagen da, die Jacke aufgeknöpft und den Schal lose um den Hals. Seine Mutter beugte ihn in die eine Richtung, dann in die andere, um ihm vorsichtig, und als hätte sie ein zerbrechliches Paket auszupacken, die Jacke auszuziehen. Er nistete sich in die diskreten Umarmungen ein, die das Auskleiden mit sich brachte. Seine Mutter hängte die Jacke auf den Bügel, pflückte zwei vermeintliche Flusen von den Schultern und strich glättend mit der Hand darüber. Und sie tat dies mit der gleichen Zärtlichkeit wie vorhin, als die Jacke die herabhängenden Schultern und den rundlichen Bauch ihres Sohnes umfangen hatte. Dann, die Hände in die Hüften gestemmt, schaute sie, wie er so kraft- und spannungslos dahockte.

" Was sollte ich sehen?", fragte sie und gab ihm zu verstehen, dass sie sich nach der Mühe des Auspackens nicht mit so wenig zufrieden gab.

" So weit das Auge reicht", antwortete Jenica und gab ihr zu verstehen, dass jede Antwort unzureichend sein und bleiben müsse.

" Du arbeitest zu viel", beschloss seine Mutter angesichts dieser verquälten Antwort. " Du müsstest dir ein paar Urlaubstage nehmen. Und was soll ' s, wenn jetzt Herbst ist?", kam sie einer unausgesprochenen Frage zuvor. "Auch jetzt gibt es schöne Dinge zu sehen; schau, beispielsweise in Slanic oder in Olanesti oder Sovata, wo ich mit deinem Vater früher hingefahren bin, Gott hab ihn selig. Alle Welt will immer nur ans Meer, um dort übermütig herumzutollen! Das ist keine Erholung, da kehrst du erschöpfter zurück, als du hingefahren bist."

" Heute habe ich echt gearbeitet", flüsterte Jenica mit niedergeschlagenem Blick, und er hatte dabei weder die ausgeleierten Galoschen des Alten noch die rundlichen Ferkelfinger der Frau vor Augen, wie sie die Falten ihres Rocks zusammenrafften. " Ich hab gearbeitet", wiederholte Jenica, " aber es war nicht umsonst."

" Die müssten dir eine Prämie zukommen lassen", und dabei strich ihm die Mutter ein paar Strähnen auf dem Kopf glatt, der allmählich kahl zu werden begann. " Die haben dich nicht verdient ..."

" Erklär denen das mal ...", sagte Jenica, aber ohne damit irgendeine Absicht zu verbinden. Und damit die Dinge möglichst verworren aussähen, fügte er hinzu: " Denen steht der Sinn nur nach Gewinn."

" Siehst du denn nicht, wie die Welt von heute aussieht?", stand ihm die Mutter bei. " Alle rennen dem Geld hinterher, wie der Esel nach dem Hafer. Früher war es besser, alle haben das Gleiche verdient, man konnte die Leute nur aufgrund ihrer Erziehung unterscheiden. Auch las man mal ein Buch, ging ins Kino." Dann, unvermittelt: " Sag bloß nicht, du hast schon gegessen, denn dann kannst du was erleben!"

" Ich hab einen solchen Hunger, dass ich kaum mehr aus den Augen schauen kann", sagte Jenica schnell, aber ohne große Überzeugungskraft.

Sie packte ihn am Kinn. Und Jenica sah sich genötigt, den Blick vom Boden abzuwenden und auf die erbarmungslosen Augen seiner Mutter zu richten.

" Du sollst nicht all das blöde Zeug aus den Konserven essen", sagte sie. " Sei bloß still", warnte sie ihn, obwohl Jenica keinerlei Versuch unternommen hatte, sich zu rechtfertigen. " Ich will nichts hören! Konserven sind für die Erbarmungswürdigen, die nicht mehr über eine auf sie wartende Frauen- oder Mutterseele verfügen. Früher war ein Mahl ein Mahl, es gab eine Ordnung. Jetzt essen alle, wo es sich eben trifft, und dann wischen sie noch mit einem Stück Brot in dem verrosteten Konservenblech rum, um sich zu vergewiss

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