text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Das Trugbild Roman von Westö, Kjell (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2014
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
9,49 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Das Trugbild

Helsinki zur Zeit des Dritten Reiches: eine unmögliche Liebe und ein ungeheurer Verrat. Als Rechtsanwalt Claes Thune an diesem Morgen zur Arbeit erscheint, ist er zunächst verärgert. Er fragt sich, wo seine Sekretärin bleibt, die stets zuverlässige Matilda Wiik - sein Anker in schwierigen Zeiten, die Frau, die er lieben könnte, hätte er den Mumm, sich über Standesdünkel und Konventionen hinwegzusetzen. Er selbst sieht die Ereignisse rund um das Dritte Reich mit Besorgnis, doch damit vertritt er in der finnischen Gesellschaft zunehmend eine Minderheitenposition. Ein wenig Rückhalt findet er im sogenannten "Mittwochsclub", einer Gruppe von Männern, die sich regelmäßig zum Gedankenaustausch trifft. Dass einer davon ein dunkles Geheimnis hütet, kann Thune nicht wissen. Es ist Matilda Wiik, die davon betroffen ist und die Sache schließlich in die Hand nimmt ... Kjell Westö ist einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren, geboren 1961 in Helsinki, wo er heute noch lebt. Er ist vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Finnischen Literaturpreis für 'Wo wir einst gingen', seine Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 01.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641139636
    Verlag: btb
    Originaltitel: Hägring 38
    Größe: 561 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Das Trugbild

2

EINE HALBE STUNDE nach der Mittagspause hatte sie die ausgehende Korrespondenz ins Reine geschrieben, eingetütet und frankiert. Matilda blickte auf und schaute auf den Kaserntorget hinaus: Der Nebel war dichter geworden, das Rundfunkgebäude auf der anderen Seite des Platzes ließ sich nur noch schemenhaft erkennen.

Sie stand von ihrem Stuhl auf, wollte an die Tür des Anwalts klopfen und ihn fragen, ob sie schon um drei gehen dürfe. Thune hatte im Laufe des Vormittags Besuch von mehreren Klienten erhalten, sie hatte die Männer in sein Büro geschleust, ihn ansonsten aber kaum gesehen, er hatte ihr zwei Briefe diktiert, das war alles. Die Briefe waren im Ton knapp und distanziert, fast schon unfreundlich gewesen. Thune hatte sein Mittagessen im Büro zu sich genommen, ein paar belegte Brote mit Leberwurst und Essiggurken, nachlässig in Butterbrotpapier eingeschlagen, sie hatte gesehen, dass er sie schon am Morgen aus seiner Aktentasche geholt hatte. Die Brote hatten trocken und schrumpelig ausgesehen, und sie hatte sich insgeheim gefragt, was er wohl zu ihnen trank. Dünnbier vielleicht, denn in der Wand neben dem Fenster gab es einen Kühlschrank, in dem sie braune Flaschen gesehen hatte. Sie wusste, dass Thune seit Kurzem geschieden war: Er schien sich in seinem neuen Leben noch nicht ganz zurechtgefunden zu haben.

Die Tür glitt auf, und der länglich schmale, fast kahle Kopf des Anwalts tauchte in der Öffnung auf. Matilda setzte sich schnell wieder auf ihren Stuhl und wartete darauf, dass er sie ansprechen würde. Thune hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Komiker Stan Laurel, das war ihr schon bei ihrem Vorstellungsgespräch aufgefallen. Jetzt lehnte er sich mit der Schulter an den Türpfosten und hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, seine schlaksige Gestalt sah fast schlangenhaft aus. Dieses Schlangengleiche war eine optische Täuschung, dachte Matilda, ein Milja-Gedanke, ein Trugbild in ihrem Kopf. Thunes Anzug saß wie immer schlecht, an diesem Tag war er blau und hatte Knitterfalten.

Sie mochte Thune recht gern. Gelegentlich war er hochnäsig, ohne es selbst zu merken, außerdem kleidete er sich nachlässig und sagte manchmal seltsame Dinge. Andererseits war er auch freundlich und schien gerecht zu sein. Intelligent und nett, das war wahrlich keine selbstverständliche Kombination. Jedenfalls nicht bei den Klienten, die Thunes Kanzlei besuchten. Laut und von oberflächlicher Freundlichkeit, war Matildas Eindruck. Für manche war sie Luft, als existierte sie überhaupt nicht, andere warfen ihr dagegen unverschämte Blicke zu.

" Frau Leimu leidet an einer hartnäckigen Erkältung", ergriff Thune nun das Wort, und als er weitersprach, klang er gehetzt: "Sie hütet zu Hause das Bett. In ein paar Minuten habe ich einen Termin mit Grönroos, und heute Abend trifft sich der Mittwochsclub hier im Büro. Wäre es Frau Wiik eventuell möglich, zur Markthalle zu gehen und auf meine Kosten die letzten Dinge für das Treffen zu besorgen? "

Frau Leimu war seit der Scheidung Thunes Haushälterin und Mädchen für alles, ohne sie hätten ihn die Alltagsgeschäfte überrollt. Leopold Grönroos war ein Mitglied des Mittwochsclubs, vermutlich der vermögendste Mann der Runde. Vermieter, Rentier, Spekulant, Geizhals, Lebemann, all diese Bezeichnungen waren Matilda schon auf Grönroos gemünzt zu Ohren gekommen, obwohl sie erst seit anderthalb Monaten für Thune arbeitete.

Grönroos: Jede Woche pünktlich um dieselbe Uhrzeit, Mittwochnachmittag, halb drei. Wahrscheinlich würden er und Thune wieder im hinteren Zimmer zusammenhocken, dem sogenannten Kabinett, und lange und ausführlic

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen