text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Das wilde Leben East Side Stories

  • Erscheinungsdatum: 23.01.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Das wilde Leben

Ein Leben Wand an Wand mit dem Absurden bringt wunderbare Erzählkunst hervor. Mit Phantasie und sprachlust schreiben osteuropäische Autoren über die Schrecken der Liebe, die Alpträume der Kindheit, das Glück des Verlorengehens und die Aufbrüche in eine höchst zweifelhafte/ungewisse Zukunft.
Osteuropa - das ist der wilde Westen nebenan. Rauher, härter, aber auch aufregender geht es dort zu, die Geschichten liegen auf der Straße. Doch um zu erzählen, was für ein Leben sich hinter den exotischen Kulissen des Schrillen, Tristen und Morbiden wirklich abspielt, vor allem aber: um zu zeigen, was es uns angeht, braucht es den unerschrockenen Blick und eine reiche, unabgenutzte Sprache. In einem Sanatorium auf der Krim lebt eine postsowjetische Generalswitwe ihre erotischen Wünsche aus; in Transsilvanien wohnt ein Mann in einer zerstörten Radarstation, umgeben von Geistern; auf dem Balkan kommt einem Soldaten die Fähigkeit zum Schlaf abhanden, und in irgendeiner Kleinstadt unserer Welt kann eine Witwe das Grab ihres Mannes nicht wiederfinden. Die Autoren der "East Side Stories" spüren den Geheimnissen von Menschen und dem Rätsel ihrer Lebenswege nach.
Mit Texten von Mircea Cartarescu, László Darvasi, György Dragomán, Marius Iva kevicius, Wojciech Kuczok, Jáchym Topol, Swetlana Wassilenko und Serhij Zhadan.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 196
    Erscheinungsdatum: 23.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518783009
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1376 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Das wilde Leben

Mircea C?rt?rescu

Ada-Kaleh, Ada-Kaleh

N och heute erinnere ich mich an den Geruch des Bildes von der Insel Ada-Kaleh. Wenn ich auf dem Bett herumhüpfte, hüpfte auch jene grüne Insel mit ihrem blaßgelben Minarett auf und ab, während die Türkin im Vordergrund mal im etwas grellen Blaßgrün der Donau schwebte und mal in der blauen Schmiere des Himmels. In den ersten Tagen hatte der Geruch nach Leinöl mein kleines Zimmer bis unter die Decke angefüllt, und wenn ich das Fenster öffnete, konnte ich buchstäblich sehen, wie er hinausfloß und sich wie ein Wasserfall über die fünf Etagen aus grobkörnigen vorgefertigten Platten hinabstürzte. Er war eklig und trotzdem angenehm, wie viele andere Gerüche, der des Benzins, des Ebonits, der Nußbaumblätter und des Naturkautschuks, ja selbst der Geruch der toten Katzen auf dem Hof hinter dem Wohnblock. Die Farbe war noch nicht trocken: ich hatte mehrfach den Fingernagel hineingesteckt, er drang ein wie in Butter, bis Vater mich erwischte und das übliche Riemen-aus-den-Hosenschlaufen-Ziehen folgte. Schließlich hatte das Bild 25 Lei gekostet, sehr viel Geld für eine Arbeiterfamilie, die umgezogen war in die Chaussee ?tefan cel Mare und damit begonnen hatte, so, wie sie es eben verstand, sich das kleine Apartment zu verschönern. Der Wohnblock war noch nicht ganz fertig, morastige Gräben, in denen die Abwasserrohre verlegt werden sollten, umzogen ihn, auch der Fahrstuhl war noch nicht in seinen bedrohlichen Schacht einmontiert, aber die Meinen hatten ihre Dinge in Angriff genommen. Erst einmal tapezierten sie mit der Gummiwalze, für jeden Raum ein anderes Muster – hier kaffeebraune Zweige, dort rötliche Eicheln, in meinem Zimmer melancholische Palmen, und alles mit glitzerndem Tröpfchenglimmer bespritzt –, dann schleppten sie ein paar Möbelstücke an, die sie bei der Verwandtschaft eingesammelt hatten, und kauften sogar ein massives Radio mit einem großen Auge, das grün-phosphoreszierend aufleuchtete, wenn man auf die Einschalttaste drückte. Mir hatte man strikt verboten, am Radio herumzuspielen, aber in den langen Stunden, die ich nachmittags schlafen mußte, klimperte ich endlos auf seinen Tasten herum, drückte gleichzeitig zwei oder drei davon hinunter, drehte an den etwas plump geratenen Knöpfen, die aus dem gleichen, harten und beinahe transparenten Kunststoff gefertigt waren, bis der Zeiger auf dem leinenen Bildschirm von Berlin nach Warschau und weiter nach Moskau glitt. Am liebsten aber schaute ich tief in das grüne Auge, das immer kräftiger strahlte, wie ein Edelstein, je mehr sich der Apparat aufwärmte. Eines Tages, als ich wie im Rausch einem Hörspiel folgte, die Ohren gespitzt, um auch die geringsten Geräusche aus dem Speisezimmer noch aufzufangen (Vater mit seinem Damenstrumpf auf dem Kopf, damit die Haare nach hinten gepreßt würden, konnte jeden Augenblick auftauchen, um nachzusehen, ob ich schlafe), klingelte jemand an der Tür. Ich hörte Stimmen, darunter die einer unbekannten Frau, etwas, das in der kleinen Nachbarschaftswelt unseres Wohnblocks äußerst selten vorkam. Manchmal kamen Frauen von den Zeugen Jehovas mit ihren Broschüren, auf denen immer das gleiche stand – "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" –, an unsere Tür, Zigeunerinnen, die Töpfe oder Teller gegen alte Kleider tauschen wollten und endlos feilschten, und kurz vor Neujahr der Pope mit dem Weihwasser, dem die Meinen niemals öffneten, sondern durch die Tür mitteilten: "Wir empfangen nicht! Wir haben andere Überzeugungen!" Sonst hatte da niemand etwas zu suchen, au

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen