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Das Wunder des San Gennaro Roman von Márai, Sándor (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Das Wunder des San Gennaro

Anfang der Fünfzigerjahre: In dem kleinen italienischen Küstenstädtchen Posillipo verbreitet sich zu Frühlingsbeginn die Kunde, ein geheimnisvoller Fremder wolle die Welt erlösen. Und auf Erlösung und ein Wunder hoffen alle Bewohner der kargen Küstenlandschaft, der arbeitslose Erdnussverkäufer ebenso wie der Fischer und der Weinhändler ... Leidenschaftlich, herb und berührend zugleich ist Sándor Márais autobiografischer Roman über das "Wunder des San Gennaro".

Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 10.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492960076
    Verlag: Piper
    Größe: 2317 kBytes
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Das Wunder des San Gennaro

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Der alte Baron, der auf der strahlenförmigen Hauptstraße von Posillipo jeden Nachmittag unter den Platanen und den Eukalyptusbäumen spazierengeht, sagte: "Ich habe den Mann auch gesehen. Morgens geht er allein zum Aussichtspunkt hinauf. Doch gegen Abend geht er mit seiner Frau nach Marechiare. Dort sitzen sie dann auf der Terrasse des Finestrella, essen Pizza und trinken Wein dazu. Mir scheint, er hat nicht viel Geld. Es ist nicht wahr, daß jeder Engländer, jeder Amerikaner viel Geld hat. Der Mann trägt eine Brille, er trägt Sandalen. Ich glaube nicht, daß er die Welt erlösen kann. Er ist nur ein Fremder, der mit seiner Frau hergekommen ist, eine Zeitlang lebt er hier, mietet eine möblierte Wohnung und geht dann wieder fort. Mehrere Engländer haben schon so hier gelebt. Am Ende sind alle fortgegangen." Er hob seine mit Leberflecken besprenkelte alte Hand, an deren Ringfinger ein Wappenring prangte: "Ich weiß es, weil ich viele vornehme Menschen gekannt habe. Leider gibt es unter den Fremden selten wirklich vornehme Menschen."

"Cavaliere", sagte der Admiral, "aufgepaßt! Die Welt wird immer materialistischer. Ich habe Doktor Moscati persönlich gekannt und kann bezeugen, daß es Menschen gibt, die bereits zu Lebzeiten Heilige sind."

"Wie etwa Padre Pio in Foggia", sagte der Alte, der abends an der von Eukalyptusbäumen umgebenen Kreisfläche am Weg zur Bucht von Marechiare das Holzkugeln-Glücksspiel leitete. Man weiß nicht, welchen Beruf der Mann hat. Er kleidet sich elegant – sogar im Sommer trägt er einen dunklen Anzug und Schuhe mit Ledersohle –, und den ganzen Tag lang sitzt er nur auf der Bank an der Kreisfläche. Doch am Abend leitet er das Glücksspiel, das viele Teilnehmer anlockt. Jeder Spieler zahlt fünfzig Lire ein. Man schiebt die Holzkugel, groß wie ein Kinderkopf, vorsichtig an den Rand des Gehsteigs. Wer die Kugel gemäß den Spielregeln richtig stößt, gewinnt fünfhundert Lire.

"Padre Pio ist hier in San Giovanni", sagte nun der Alte. "Manchmal muß der Besucher vier Tage warten, ehe er vorgelassen wird. Der Padre trägt schwarze Handschuhe, denn Christi Wunden sind auf seiner Hand."

"Auch auf seinen Füßen", sagte ein anderer Alter mit tiefer Stimme. Er trägt eine Schildmütze und geht mit einer Krücke, weil ihm im Winter fünf schwärige Zehen abgeschnitten wurden.

"Das ist nicht sicher", sagte der Admiral.

"Ganz sicher", sagte der Alte, der das Glücksspiel leitet. "Auch mein Onkel ist bei Padre Pio gewesen. Wenn er die Beichte abnimmt, umweht ihn Blumenduft. Im Wirtshaus dort ist die Verköstigung billig."

Der Baron hob den Finger mit dem Wappenring: "Aufpassen", sagte er. "Über Padre Pio wird viel geredet. Aber die Kirche hat noch nicht gesprochen. Es gibt Menschen, die Gottesduft verbreiten, doch nach einer gewissen Zeit erfährt die Welt, daß der Gottesduft verflogen ist. Anders verhält es sich mit Doktor Moscati. Da hat die Kirche schon gesprochen ..."

Nun fuhr der Admiral mit pfeifender Stimme dazwischen:"Vorsichtig hat sie gesprochen. Ich habe Doktor Moscati gut gekannt. Er besuchte uns, als meine Tochter krank wurde, verschrieb ihr einen Sirup, und meine Tochter hörte auf zu husten. Allerdings beweist das noch nichts."

"Nein, es beweist nichts", sagte der Baron heiser und hastig. "Es beweist auch nichts, daß er die Markgräfin, die am Platz des heiligen Lodovico wohnt, von ihrem Ausschlag geheilt hat. Er gab ihr Hefe, und sie beteten zusammen. Ich besuchte s

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