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Der Überläufer von Lenz, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.02.2016
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Der Überläufer

Ein unveröffentlicher Roman von Siegfried Lenz erscheint mit 65 Jahren Verspätung. 1951 geschrieben, ist 'Der Überläufer' Siegfried Lenz' zweiter Roman. Obgleich vollendet und vom Autor mehrfach überarbeitet, blieb er bis heute unveröffentlicht. Es ist der letzte Kriegssommer, die Nachrichten von der Ostfront sind schlecht. Der junge Soldat Walter Proska aus dem masurischen Lyck wird einer kleinen Einheit zugeteilt, die eine Zuglinie sichern soll und sich in einer Waldfestung verschanzt hat und. Bei sengender Hitze und zermürbt durch stetige Angriffe von Mückenschwärmen und Partisanen, aufgegeben von den eigenen Truppen, werden die Befehle des kommandierenden Unteroffiziers zunehmend menschenverachtend und sinnlos. Die Soldaten versuchen sich abzukapseln: Einer führt einen aussichtslosen Kampf gegen einen riesigen Hecht, andere verlieren sich in Todessehnsucht und Wahnsinn. Und Proska stellen sich immer mehr dringliche Fragen: Was ist wichtiger, Pflicht oder Gewissen? Wer ist der wahre Feind? Kann man handeln, ohne schuldig zu werden? Und: Wo ist Wanda, das polnische Partisanenmädchen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht? Siegfried Lenz (1926 - 2014) zählt zu den bedeutenden und meistgelesenen Schriftstellern der deutschen Literatur. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 27.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455814026
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 1083 kBytes
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Der Überläufer

1. Kapitel

Niemand öffnete die Tür.

Proska klopfte ein zweites Mal, heftiger, entschlossener, mit angehaltenem Atem. Er wartete, beugte den Kopf und blickte auf den Brief in seiner Hand. In der Tür steckte ein Schlüssel; es mußte jemand im Hause sein. Aber niemand öffnete.

Der Mann ging langsam von der Tür weg und wagte einen Blick durch ein halbblindes Fenster. Die Sonne zielte dabei nicht schlecht auf seinen Hinterkopf, das machte ihm jedoch nichts aus. Plötzlich begannen Proskas Knie, die Knie eines fünfunddreißigjährigen, kräftigen Assistenten zu zittern. Er riß die Lippen auseinander, ein dünner Speichelfaden klemmte sich zwischen sie.

Vor ihm, zwei Meter hinter der Glasscheibe, saß ein alter Mann auf einem Stuhl, ein Greis, der seinen linken Arm, einen dürren, gelblichen, halb schon hingewelkten Ast des Körpers völlig entblößt hatte und mit unerträglicher Pedanterie eine Injektionsspritze füllte. Die leere, ausgediente Ampulle ließ er achtlos auf den Fußboden fallen. Proska glaubte, ein Geräusch unbedeutenden Zerbrechens zu vernehmen; er täuschte sich aber; die Fensterscheibe ließ den winzigen Laut nicht ins Freie.

Der Alte legte die Spritze vorsichtig auf ein niedriges Tischchen, zupfte mit fleischlosen Fingern aus einem Wattebausch ein kleines Stück heraus, drehte es zitternd zu einem Pfropfen und hielt diesen an einen Flaschenhals. Dann hob er langsam das Gefäß hoch und kehrte es um. Die Flüssigkeit tränkte den Wattepfropfen, der unersättlich schien und seine Farbe änderte.

Proska ließ sich keine Bewegung, keinen auch noch so geringen Vorgang entgehen. Er hatte den Alten erst vier- oder fünfmal in seinem Leben gesehen, hatte ihn erst vier- oder fünfmal in seinem Leben gegrüßt. Proska wußte nicht mehr über ihn, als daß er Apotheker war. Auf seinem Türschild stand 'Adomeit' - weiter nichts.

Der Alte rieb mit dem Wattepfropfen eine Stelle auf seinem Unterarm ab und wartete einen Augenblick. Während er wartete, schielte er über den metallenen Rand seiner Brille auf die Injektionsnadel, die harmlos in der Sonne blinkte.

'Was wird er tun? Wird er sich in den Arm stechen? In eine Ader? Warum tut der Alte das?'

Proskas Mundwinkel zuckten.

Adomeit griff nach der Spritze und führte sie dicht an seine Brillengläser. Er drückte flüchtig auf den Stengel: Aus der Nadel schoß in dünnem Strahl eine braune Flüssigkeit. Das Instrument war zuverlässig, es funktionierte gehorsam. Da stieß es der Alte so unvermittelt in seinen Arm, daß Proska wie gelähmt vor dem Fenster stand. Er konnte nicht schreien, nicht die Hand heben, nicht davonlaufen. Während er auf den Mann sah, der etwas an seinem Körper verübte, glaubte er selbst einen spitzen, tiefen Schmerz zu empfinden, einen Schmerz so spitz wie eine Haarwurzel und so tief wie der Brunnen eines menschlichen Auges. Der Zeigefinger des Greises drückte die Flüssigkeit in sein Blut, stetig, unnachgiebig.

Als der Alte die Nadel mit einem Ruck aus seinem Arm zog, fühlte sich Proska wieder der Bewegung fähig. Er lief zur Tür zurück, schlug gegen das Holz und wartete. Aber niemand öffnete ihm. Vorsichtig drückte er die Klinke hinunter; die Tür bewegte sich knarrend und widerwillig, sie ließ ihn vorbei.

"Guten Tag", sagte Proska. Seine Stimme klang heiser.

Der Alte antwortete nicht. Er hatte den Mann, der in sein Zimmer getreten war, offenbar noch nicht bemerkt.

"Ich wollte Sie fragen ...", sagte Proska laut. Er ließ den Satz unvollendet, als er entdeckte, daß Adomeit mit dem Wattepfropfen die Stelle auf seinem Arm abrieb, aus der er gerade die Injektionsnadel gezogen hatte. Danach erhob sich der Alte von seinem Stuhl und trat an das Fenster. Er tauchte den gelben Arm in das Sonnenlicht und murmelte: "Da, leck es ab, schnell, trockne es." Proska bemerkte über einer Ader einen kleinen, roten Punkt; den Biß der Nadel.

"Herr Adomeit!"

Der Alt

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