text.skipToContent text.skipToNavigation

Der Allerhöchste von Blanchot, Maurice (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.03.2013
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
18,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der Allerhöchste

Die Vermessung des Wahnsinns. Blanchots großer Roman erstmals auf Deutsch Henri Sorge, gerade erst von einer Krankheit genesen, kehrt in seine Wohnung in einem Mietshaus zurück, das in eine Art Spital umgewandelt worden ist. Wahnvorstellungen bemächtigen sich seiner, die Beziehung zu seinen Mitmenschen wechselt zwischen Abscheu und Hörigkeit, Abhängigkeit und Abstoßung, Größenwahn und Minderwertigkeitsgefühlen. Unentwegt stellt sich Sorge Fragen über die eigene Existenz, gibt seiner Bewunderung der Welt und des sie regierenden Gesetzes Ausdruck. Ständig widerspricht er sich dabei selbst oder negiert das Gesagte. Le Très-Haut, 1948 erschienen, steht in einer literarischen Tradition mit Mallarmé, Kafka und Albert Camus' Roman Die Pest, der zeitgleich erschien. Mit der ersten deutschen Übersetzung kann nun ein großer, ein erstaunlicher, ein monströser Text der literarischen Moderne entdeckt werden, in dem das verschlungene Verhältnis von Krankheit und Gesundheit, Ausgrenzung und Wahnsinn beinahe empathisch vermessen wird.

Maurice Blanchot, der 2003 im Alter von 95 Jahren verstarb, ist einer der herausragenden französischen Schriftsteller und Denker der letzten 50 Jahre. Am engsten befreundet mit Georges Bataille und Emmanuel Levinas, hat er maßgeblichen Einfluß ausgeübt auf Autoren wie Foucault, Deleuze, Derrida, Nancy, aber auch auf Dichter und bildende Künstler.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 408
    Erscheinungsdatum: 03.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882219609
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: Le Trés-Haut
    Größe: 2155 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der Allerhöchste

I

Ich war nicht allein, ich war ein beliebiger Mensch. Wie sollte ich diese Formel vergessen?

Während meiner Krankschreibung ging ich in einem Viertel des Zentrums spazieren. Was für eine schöne Stadt, sagte ich mir. Als ich zur U-Bahn hinunter ging, stieß ich mit jemandem zusammen, der mich barsch anfuhr. "Sie machen mir keine Angst", schrie ich zurück. Mit beeindruckender Geschwindigkeit schnellte mir seine Faust entgegen, und ich sank zu Boden. Es bildete sich eine Menschentraube. Vergeblich versuchte der Mann, in der Menge unterzutauchen. Ich hörte, wie er wütend beteuerte: "Er hat mich angerempelt. Lassen Sie mich gefälligst in Frieden!" Mir tat nichts weh, aber mein Hut war in eine Pfütze gerollt, sicher war ich kreidebleich, ich zitterte. (Ich war rekonvaleszent. Keine Erschütterungen, hatte man mir gesagt.) Ein Polizeibeamter löste sich aus dem Gedränge und forderte uns ruhig auf, ihm zu folgen. Durch eine Handvoll Leute getrennt, stiegen wir die Treppen hinauf. Auch der andere war blass, aschfahl sogar. Im Kommissariat ließ er seiner Wut freien Lauf.

"Die Sache ist die", unterbrach ihn der Polizeibeamte, "er ist auf den Herrn hier losgegangen und hat ihm die Faust unters Kinn gepflanzt."

"Möchten Sie Anzeige erstatten?", fragte mich der Kommissar.

"Kann ich meinem ... dieser Person zwei, drei Fragen stellen?"

Ich kam näher und betrachtete ihn.

"Ich würde gern wissen, wer Sie sind."

"Was geht Sie das an?"

"Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Nein, ich möchte Sie etwas anderes fragen. Als Sie mich geschlagen haben, haben Sie gespürt, dass es sein musste, es war Ihre Pflicht: Ich hatte Sie provoziert. Doch nun tut es Ihnen leid, weil Sie wissen, dass ich ein Mensch bin wie Sie."

"'Wie Sie'? Dass ich nicht lache!"

"Wie Sie, oh doch, wie Sie. Sie können mich bestenfalls schlagen. Aber würden Sie mich auch töten, zermalmen?" Ich trat direkt vor ihn. "Wenn ich nicht so bin wie Sie, warum zermalmen Sie mich dann nicht unter Ihrem Absatz?"

Hastig wich er zurück. Ein Stimmengewirr erhob sich. Der Kommissar packte mich am Ärmel. "Was ist bloß in Sie gefahren?", schrie der andere. Der Polizist zerrte mich fort. Beim Hinausgehen blickte ich in lauter kalte, erstarrte Gesichter. Mein Angreifer sah mich hämisch an, wenngleich sein Gesicht aschfahl war.

Ich wusste wohl, was es hieß, eine Familie zu haben. Manchmal hatte ich keinen blassen Schimmer davon, ich arbeitete, war allen nützlich, wir standen uns nahe. Doch plötzlich ereignete sich etwas: Ich konnte zurückblicken. Im Gesellschaftsraum der Klinik warteten meine Mutter und meine Schwester auf mich. Was für ein erbärmlicher Raum! Sessel, Sofas, Teppiche, ein Klavier und kaltes Licht, ewiges Halbdunkel. Dabei war es ein modernes Krankenhaus. Aber es hing mit der Atmosphäre, dem Schweigen zusammen: Der Arzt hatte es mir erklärt. Es war beschämend. Schon seit mehreren Jahren hatte ich meine Mutter nicht gesehen. Ich spürte, dass sie mich beäugte. "Du siehst nicht gut aus."

Sie fragte mich, warum man sie erst so spät verständigt habe.

"Ich habe euch geschrieben, sobald ich wieder dazu in der Lage war. Ich hatte ungewöhnlich hohes Fieber, aber nur Fieber. Man hat zwar noch mit weiteren Symptomen gerechnet, aber es sind keine aufgetreten. Ich glaube, ich habe phantasiert. Schlecht habe ich mich eigentlich nicht gefühlt. Jetzt erst bin ich müde und niedergeschlagen."

"Du lebst in zu schlechten Verhältnissen. Deine Wohnung soll eine wahre Gruft sein. Warum kommst du nicht wieder nach Hause?"

"Meine Wohnung? Ja, meine Wohnung hat einiges damit zu tun. Habt ihr den Arzt gesehen?"

"Nein, er war schon fort, aber wir sind der Krankenschwester begegnet."

"Ich muss wieder an meinen Arbeitsplatz zurück. Ich kann nicht außerhalb der Gemeinschaft stehen. Zwar werde ich im Büro vertreten, aber die Arbeit fehlt mir."

Beide sahen mich a

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen