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Der Beweis Roman von Kristof, Agota (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.08.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Der Beweis

Wo Agota Kristofs Roman "Das große Heft" endet, beginnt dieses Buch: Die Zwillinge, jetzt Claus und Lucas genannt, trennen sich- der eine verschwindet über die Grenze. Lucas bleibt im Haus der Großmutter, im stalinistischen Niemandsland, gefangen in der Erinnerung an seinen Zwillingsbruder. Seine Versuche, Liebe zu finden, scheitern in trostloser Einsamkeit. Agota Kristof, geboren 1935 in Csikvánd in Ungarn, verließ ihre Heimat während der Revolution 1956 und gelangte über Umwege nach Neuchâtel in die französischsprachige Schweiz. Als Arbeiterin in einer Uhrenfabrik tätig, erlernte sie die ihr bis dahin fremde Sprache und schrieb auf Französisch ihre erfolgreichen Bücher, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Sie wurde mit zahllosen Preisen geehrt wie 2001 mit dem angesehenen Gottfried-Keller-Preis, dem Österreichischen Staatspreis für Literatur sowiedemKossuth-Preis in ihrem Geburtsland Ungarn. Agota Kristof starb Ende Juli 2011 nach längerer Krankheit in Neuchâtel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 10.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492972406
    Verlag: Piper
    Größe: 453 kBytes
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Der Beweis

1

Wieder am Haus der Großmutter angekommen, legt Lucas sich dicht an den Gartenzaun, in den Schatten der Büsche. Er wartet. Ein Militärfahrzeug hält vor dem Grenzwächterhaus. Soldaten steigen aus und legen eine Leiche auf den Boden, die in eine Tarnplane gewickelt ist. Ein Feldwebel kommt aus dem Haus, und auf ein Zeichen schlagen die Soldaten die Plane zurück. Der Feldwebel pfeift durch die Zähne:

- Rauskriegen, wer das ist, das wird nicht leicht sein!

Man muß schon verrückt sein, über diese Scheißgrenze zu wollen, noch dazu am hellichten Tag!

Ein Soldat sagt:

- Die Leute müßten doch wissen, daß es nicht geht.

Ein anderer Soldat sagt:

- Die Leute von hier wissen das. Es sind die andern, die von anderswo herkommen, die's versuchen.

Der Feldwebel sagt:

- Gut, gehen wir mal rüber zu dem Idioten. Der weiß vielleicht was.

Lucas geht ins Haus. Er setzt sich auf die Eckbank in der Küche. Er schneidet Brot, stellt eine Flasche Wein auf den Tisch und dazu einen Ziegenkäse. Es klopft. Der Feldwebel und ein Soldat kommen herein.

Lucas sagt:

- Ich habe Sie erwartet. Setzen Sie sich. Da ist Wein und Käse. Greifen Sie zu.

Der Soldat sagt:

- Gerne.

Er nimmt Brot und Käse. Lucas schenkt Wein ein.

Der Feldwebel fragt:

- Sie haben uns erwartet? Warum?

- Ich habe die Explosion gehört. Nach Explosionen kommt immer einer und fragt, ob ich jemand gesehen habe.

- Und Sie haben niemand gesehen?

- Nein.

- Wie gewöhnlich.

- Ja, wie gewöhnlich. Niemand kommt her und kündet mir an, daß er über die Grenze will.

Der Feldwebel lacht. Auch er nimmt Wein und Käse:

- Könnte ja sein, daß jemand hier rumgestrolcht ist, hier oder im Wald.

- Ich habe niemand gesehen.

- Wenn doch, würden Sie es sagen?

- Wenn ich Ihnen sagte, daß ich es Ihnen sagen würde, würden Sie es nicht glauben.

Der Feldwebel lacht wieder:

- Ich frage mich manchmal, warum man Sie den Idioten nennt.

- Das frage ich mich auch. Ich habe nur eine Nervenkrankheit von einem psychischen Trauma her, in meiner Kindheit, im Krieg.

Der Soldat fragt:

- Was hat er? Was sagt er da?

Lucas erklärt:

- Mein Kopf ist etwas durcheinander wegen der Bombardierungen. Ich habe das gekriegt, als ich noch klein war.

Der Feldwebel sagt:

- Ihr Käse ist sehr gut. Vielen Dank. Kommen Sie mit. Lucas folgt ihnen. Der Feldwebel deutet auf die Leiche und fragt:

- Kennen Sie diesen Mann? Haben Sie ihn schon mal gesehen?

Lucas betrachtet den zerfetzten Körper seines Vaters:

- Er ist ganz entstellt.

Der Feldwebel sagt:

- Man kann jemand auch an den Kleidern erkennen oder an den Schuhen, sogar an den Händen oder an seinem Haar.

Lucas sagt:

- Ich sehe nur, daß er nicht aus unserer Stadt ist. Seine Kleidung ist nicht von hier. Kein Mensch in unserer Stadt trägt so elegante Sachen.

Der Feldwebel sagt:

- Vielen Dank. All das wußten wir schon. Wir sind auch keine Idioten. Ich frage Sie nur, ob Sie ihn irgendwo gesehen oder bemerkt haben?

- Nein. Nirgends. Aber ich sehe, daß man ihm die Nägel ausgerissen hat. Er war im Gefängnis.

Der Feldwebel sagt:

- In unseren Gefängnissen wird nicht gefoltert. Komisch ist nur, daß seine Taschen völlig leer sind. Nicht mal ein Photo oder ein Schlüssel oder eine Brieftasche.

Dabei brauchte er doch seinen Ausweis und sogar einen Passierschein, um überhaupt ins Grenzgebiet zu gelangen.

Lucas sagt:

- Er wird seine Papiere im Wald gelassen haben.

- Das glaube ich auch. Man soll nicht rauskriegen, wer er ist. Ich frage mich, wen er wohl dadurch schützen wollte. Wenn Sie zufällig beim Pilzesuchen noch etwas anderes finden sollten, dann bringen Sie's uns doch, nicht wahr, Lucas?

- Verlassen Sie sich drauf, Herr Feldwebel.

&

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