text.skipToContent text.skipToNavigation

Der Chronist der Winde Roman von Mankell, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.07.2013
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der Chronist der Winde

Nelio, ein zehnjähriges Straßenkind, erzählt um sein Leben. Er liegt mit einer Schusswunde auf dem Dach eines afrikanischen Hauses und weiß, dass er sterben wird, sobald seine Geschichte zu Ende ist. Er erzählt, wie die Banditen sein Dorf überfielen, seine Schwester massakrierten und ihn zwingen wollten, seine Verwandten zu töten. Wie er floh, den Weg in die große Stadt fand und Anführer einer Bande von Straßenkindern wurde. Vor allem aber erzählt er vom Leben dieser schwarzen Kinder.
Mankells Liebeserklärung an die Straßenkinder seiner afrikanischen Wahlheimat weicht der Wirklichkeit nicht aus und ist dennoch voller Hoffnung: ein Pakt der kindlichen und der poetischen Phantasie.

Henning Mankell, geboren 1948 in Härjedalen, Schweden, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und in Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller, u.a. Die fünfte Frau (1998) und Mittsommermord (2000). Zuletzt erschienen bei Zsolnay die Romane Daisy Sisters (2009) und Erinnerung an einen schmutzigen Engel (2012), die Krimis Der Chinese (2008), Der Feind im Schatten (2010) und Mord im Herbst (2013) sowie das Porträt Mankell über Mankell der dänischen Journalistin Kirsten Jacobsen. In seinem letzten und sehr persönlichen Buch Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein setzt er sich mit seiner schweren Krebserkrankung auseinander, der er am 5. Oktober 2015 erlegen ist.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 05.07.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783552056800
    Verlag: Paul Zsolnay Verlag
    Originaltitel: Comedia infantil
    Größe: 1340kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der Chronist der Winde

José Antonio Maria Vaz

Auf einem Hausdach aus sonnengebranntem, rötlichem Lehm stehe ich, José Antonio Maria Vaz, in einer schwülen, feuchten Nacht und warte auf den Untergang der Erde. Ich bin schmutzig und fiebrig, meine Kleider hängen in Fetzen, als wären sie auf wilder Flucht vor meinem dürren Leib. In den Taschen habe ich Mehl, und das ist für mich kostbarer als Gold. Denn vor einem Jahr stellte ich noch etwas dar, ich war Bäcker, im Gegensatz zu heute, da ich nichts bin, ein Bettler, der tagsüber rastlos unter der sengenden Sonne umherstreift und die endlosen Nächte auf einem verlassenen Hausdach verbringt. Aber auch Bettler haben Zeichen, die ihnen eine Identität verleihen, sie von allen anderen unterscheiden, die ihre Hände an den Straßenecken feilbieten, als wollten sie sie weggeben oder ihre Finger verkaufen, einen um den andern. José Antonio Maria Vaz ist der zerlumpte Kerl, der bekannt wurde als Chronist der Winde. Tag und Nacht, ununterbrochen, bewegen sich meine Lippen, als würde ich eine Geschichte erzählen, die niemand je anzuhören bereit war. Es ist, als hätte ich schließlich akzeptiert, daß der Monsun, der vom Meer herantreibt, mein einziger Zuhörer ist, immer aufmerksam, geduldig wie ein alter Priester darauf wartend, daß das Bekenntnis schließlich zu einem Ende kommt.

In den Nächten nehme ich Zuflucht zu diesem verlassenen Dach, da ich meine, dort Überblick und Raum zu gewinnen. Die Sternbilder sind stumm, sie applaudieren mir nicht, aber ihre Augen funkeln, und ich habe das Gefühl, ich könnte direkt in das Ohr der Ewigkeit sprechen. Und wenn ich den Kopf neige, sehe ich, wie die Stadt sich ausbreitet, die Nachtstadt, wo unruhige Feuer flackern und tanzen, unsichtbare Hunde lachen, und ich staune über all die Menschen, die da schlafen, atmen und träumen und lieben, während ich auf meinem Dach stehe und von einem Menschen spreche, den es nicht mehr gibt.

Ich, José Antonio Maria Vaz, bin auch ein Teil dieser Stadt, die sich an den Steilhängen zur breiten Flußmündung hinab festklammert. Die Häuser klettern wie Affen an den Hängen empor, und mit jedem Tag scheinen sich die Menschen, die da wohnen, zu vermehren. Sie kommen aus dem unbekannten Inland, aus der Savanne und den fernen, abgestorbenen Wäldern zur Küste hinabgewandert, an der die Stadt liegt. Dort lassen sie sich nieder und bemerken scheinbar nicht all die feindseligen Blicke, die ihnen begegnen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wovon sie leben oder wo sie Unterschlupf finden. Sie werden von der Stadt verschluckt, werden ein Teil von ihr. Und jeden Tag kommen neue Fremde, alle mit ihren Bündeln und Körben, die hochgewachsenen schwarzen Frauen mit riesigen Stoffballen auf ihren majestätischen Köpfen, wie Reihen von kleinen schwarzen Punkten vor dem Horizont dahinwandernd. Mehr und mehr Kinder werden geboren, neue Häuser klettern die Hänge empor, um weggespült zu werden, wenn die Wolken schwarz sind und Orkane wie mörderische Banditen wüten. So geht es nun schon seit Menschengedenken, und viele Leute liegen nachts wach und grübeln, wie das wohl enden wird.

Wann wird die Stadt die Abhänge hinabstürzen und vom Meer verschlungen werden?

Wann wird das Gewicht all dieser Menschen zu schwer?

Wann wird die Erde untergehen?

Einst habe auch ich, José Antonio Maria Vaz, nachts grübelnd wach gelegen.

Aber jetzt nicht mehr. Nicht mehr, seit ich Nelio begegnet bin und ihn aufs Dach getragen habe und ihn sterben sah.

Die Unruhe, die mich früher manchmal überkam, ist jetzt vorbei. Besser gesagt, ich habe begriffen, daß es einen entscheidenden Unterschied macht, ob man Angst hat oder beunruhigt ist.

Auch das hat Nelio mir erklärt.

- Wenn man Angst hat, ist das, als würde man an einem unstillbaren Hunger leiden, sagte er. Ist man dagegen beunruhigt, leistet man der Unruhe Widerstand.

Ich erinnere mic

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    ALDI life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier finden Sie alle Ihre eBooks und viele praktische Lesefunktionen.