text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Der Dieb von Nakamura, Fuminori (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der Dieb

Er betreibt sein Metier in den belebten Straßen Tokios und den überfüllten Wagen der U-Bahn. Er stiehlt mit kunstvollen, fließenden Bewegungen. Der Diebstahl ist der Kick in seinem Leben, das Gefühl, seinem Schicksal zu entrinnen - für den Moment. Doch seine dunkle Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein grandioser Thriller und eine dunkle, abgründige Geschichte über Schicksal und Einsamkeit. Fuminori Nakamura, 1977 in Tokai geboren, lebt in Tokio. Er studierte Öffentliche Verwaltung und Staatsverwaltung an der Universität Fukushima. 2003 erschien sein Debüt Ju Die Maske

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257607086
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Suri
    Größe: 1521 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der Dieb

[14] 2

Mit diffusem Kopfschmerz überließ ich mich dem Schaukeln des Zuges.

Ich war auf dem Weg zum Flughafen Haneda, der Zug rappelvoll. Die Heizlüftung und Körperwärme der anderen Passagiere brachten mich zum Schwitzen. Während ich in die Landschaft hinausstarrte, bewegten sich in den Taschen meine Finger. Ärmliche Häusergruppen glitten in regelmäßigen Abständen vorüber. Ich dachte an die Bulgari-Brieftasche vom Vortag und blinzelte. Da erschien vor meinen Augen, mit dröhnendem Lärm, ein riesiger Stahlturm. Es war nur ein flüchtiger Moment, aber mein in der Menge eingezwängter Körper versteifte sich instinktiv. Der Turm war sehr hoch; es fühlte sich an, als hätte er mir beiläufig ein Zeichen gegeben.

Ich schaute mich im Wagen um und bemerkte einen Mann, der etwas im Sinn zu haben schien. Er wirkte weniger angespannt oder konzentriert als vielmehr entrückt, die Augen verengt wie in Trance. [15] Er begrapschte den Körper einer Frau. Männer wie er lassen sich in zwei Gruppen einteilen: die gewöhnlichen, die lediglich eine Neigung zu sexueller Perversion verspüren, und die anderen, die von ihren Perversionen verschlungen werden und, gefangen in ihrer Welt, die Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr erkennen können. Ich vermutete, dass der Typ zur zweiten Gruppe gehörte. Die sexuell Belästigte war, wie man auf einen Blick sehen konnte, eine Mittelschülerin. Ich wand mich durch die Lücken in der Menge und näherte mich den beiden. Außer mir, ihm und dem Mädchen bemerkte niemand etwas.

Von hinten packte ich das linke Handgelenk des Mannes. Alarmiert zuckte jeder Muskel seines Körpers zusammen. Die Kraft wich aus ihm, wie nach einem Schock. Während ich sein Handgelenk umklammerte, fixierte ich mit dem Zeigefinger seine Uhr, öffnete mit dem Daumen das Armband und ließ die Uhr in meinen Ärmel gleiten. Dann fasste ich das Portemonnaie in der rechten Innentasche seines Anzugs mit zwei Fingern meiner rechten Hand. Weil die Gefahr bestand, seinen Körper zu berühren, änderte ich mein Vorhaben, ließ das Portemonnaie im Zwischenraum von Hemd und Jackett fallen und fing es mit der Linken auf. Er war Ende dreißig, sah aus wie ein [16] Firmenangestellter, und aus dem Ring an seinem Finger schloss ich, dass er verheiratet war. Ich packte ihn erneut am Arm, diesmal mit meiner rechten Hand. Sein Gesicht war bleich geworden, das sah ich, als er im hin und her schwankenden Zug versuchte, über seine Schulter zu schauen. Die Mittelschülerin merkte, dass hinter ihr etwas geschah, und bewegte den Kopf, unschlüssig, ob sie sich umdrehen sollte oder nicht. Im Wagen herrschte Stille. Der Mann öffnete den Mund, als wollte er sich mir oder der Welt gegenüber rechtfertigen, als fühlte er, dass etwas Böswilliges ihn in schlechtem Licht erscheinen ließ. Seine Kehle bebte. Schweiß rann ihm von Stirn und Wangen, seine Augen waren weit geöffnet, aber wie ins Leere gerichtet. Würde man mich verhaften, sähe ich vielleicht auch so aus. Ich lockerte meinen Griff und bedeutete ihm mit einer stummen Geste: "Hau ab!" Der Gesichtsausdruck des Mannes veränderte sich nicht. Er hatte Mühe zu begreifen. Ich wies mit dem Kopf zur Tür. Sein Arm zitterte schwach. Er drehte sich wieder um, als hätte er gespürt, dass ich ihn nicht aus den Augen ließ. Da öffnete sich die Tür, und der Mann rannte los. Er warf sich ins Gewühl, stieß panisch die Leute zur Seite, um so schnell wie möglich wegzukommen.

Die Mittelschülerin im Zug starrte mich an. Ich drehte ihr den Rücken zu und versuchte, meinen [17] Missmut zu unterdrücken. Ich hatte eine Uhr und ein Portemonnaie, die mich nicht interessierten, und sowohl von dem Mann als auch von dem Mädchen musste ich mir vorwurfsvolle, fragende Blicke gefallen lassen. Wenigstens war ausgeschlossen, dass der Kerl den Vorfall melden würde.

Lustlos stieg ich

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen