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Der Duft der weiten Welt Speicherstadt-Saga von Lüders, Fenja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.10.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Der Duft der weiten Welt

Hamburg, 1912: Mina Deharde liegt der Kaffeehandel im Blut. Kein Wunder, verbringt sie doch jede freie Minute im Kaffeekontor ihres Vaters, mitten in der Hamburger Speicherstadt. Doch beide wissen, dass sie als Frau das Geschäft nicht übernehmen kann, und einen männlichen Erben gibt es nicht. Während Mina davon träumt, mit ihrem Jugendfreund Edo nach New York auszuwandern, hat ihr Vater andere Pläne für sie. Mina muss sich entscheiden: zwischen Pflicht und Freiheit, Liebe und Familie ... Auftakt der großen Familiensaga vor der farbenprächtigen Kulisse der Hamburger Speicherstadt Fenja Lüders, Jahrgang 1961, ist eine waschechte Friesin. Als Jüngste von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof direkt an der Nordseeküste auf. Für ihr Studium der Geschichte und Politik zog sie nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Neben dem Schreiben ist klassische Musik ihre große Leidenschaft.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 318
    Erscheinungsdatum: 31.10.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732577804
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1538 kBytes
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Der Duft der weiten Welt

Eins

Hamburg, 1912

D as schrille Läuten der Klingel übertönte den einlullenden Vortrag von Fräulein Cornelius. Sofort begannen die ersten Schülerinnen miteinander zu tuscheln, was ihre Lehrerin veranlasste, ihnen über den Rand der runden Messingbrille hinweg einen strafenden Blick zuzuwerfen.

"Ein bisschen mehr Geduld, die Damen! Noch bin ich es, die zu bestimmen hat, wann der Unterricht zu Ende ist, nicht diese vermaledeite Klingel." Die hochgewachsene, hagere Lehrerin zog ihre kleine goldene Taschenuhr aus der Westentasche und seufzte vernehmlich. "Wie schnell doch die Zeit verfliegt, wenn man sich amüsiert. Wir sehen uns am Dienstag in gewohnter Frische und werden uns dann weiter der Geografie Ostpreußens widmen. Der ein oder anderen von Ihnen würde ich dringend empfehlen, sich am Sonntag einmal das Buch und einen Atlas zur Hand zu nehmen. In drei Wochen stehen die Prüfungen an, und ich könnte mir vorstellen, dass das Ostseegebiet Thema sein wird."

Mina, die sich auf ihrem Platz in der hintersten Bank wie immer hinter den Rücken ihrer Mitschülerin Gertrud geduckt hatte, schaute auf. Prompt traf sie der strafende Blick von Fräulein Cornelius.

Natürlich war sie gemeint, das war ihr völlig klar. Geografie war nicht gerade eines ihrer Glanzfächer. Im vorigen Jahr war das noch anders gewesen, aber seit Fräulein Cornelius ihre Klasse unterrichtete, zogen sich die Geografiestunden in die Länge wie warmer Kautschuk. Die Lehrerin leierte Daten und Fakten über Einwohnerzahlen, Bodenschätze, Flussläufe und Höhenzüge mit ihrer näselnden Stimme so eintönig herunter, dass Mina regelmäßig den Faden verlor und Mühe hatte, nicht einzunicken. Erschwerend kam hinzu, dass sie den Geografieunterricht für Zeitverschwendung hielt. Nichts von dem, was sie hier lernte, würde sie brauchen können, wenn sie erst einmal studierte. Wozu also damit Zeit verplempern? In anderen Fächern, wie Chemie oder Mathematik, hing sie wie gebannt an den Lippen der Lehrer, doch den Geografieunterricht verbrachte sie lieber damit, hinter Gertruds breitem Rücken geduckt zu lesen oder zu zeichnen.

Mina war sich noch nicht sicher, welches Fach sie studieren sollte, aber sie hatte ja auch noch ein bisschen Zeit bis zu der Entscheidung. Immer einen Schritt nach dem anderen. Zuerst einmal musste sie im nächsten Frühling ein möglichst gutes Abitur machen. Ihre Hauslehrerin Fräulein Brinkmann vertrat die Meinung, Mina sollte sich mit nichts Geringerem als Medizin zufriedengeben. Tatsächlich war sie die Einzige, die bislang überhaupt über ihr Vorhaben Bescheid wusste.

Immer wieder schlich sich die Sorge in Minas Gedanken, was ihre Familie wohl zu ihren hochfliegenden Plänen sagen würde. Vater würde bestimmt nicht begeistert sein, und sie würde all ihre Überzeugungskünste aufbringen müssen. Um seine Zustimmung zu erringen, seine Älteste in eine fremde Stadt ziehen zu lassen, würde sie all ihr diplomatisches Geschick und mindestens eine Stunde allein mit ihm brauchen. Schon seit Wochen wartete sie auf eine Gelegenheit, ihn allein abzupassen, aber das war nicht so einfach. Wenn sie ihn im Kontor in der Speicherstadt besuchte, war er in der Regel von Kontoristen oder Maklern umgeben. Und auch zu Hause, in der Villa an der Heilwigstraße, waren die Momente rar, in denen sie ihn allein sprechen konnte. Vater zog sich immer gleich nach dem Abendessen in sein Arbeitszimmer zurück, um in Ruhe seine Zigarre rauchen zu können, ohne dass Großmutter Hiltrud ihm mit ihrer ewigen Nörgelei auf die Nerven fiel.

Ein Lächeln überflog die bitteren Altjungfernzüge von Fräulein Cornelius und ließ sie weicher und fast jugendlich erscheinen. "Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende. Bis Dienstagfrüh, meine Damen."

"Endlich", murmelte Mina erleichtert, wischte ihre Zeichenfeder sorgfältig trocken und verstaute sie im Federkasten. Sie sprang auf, stopfte Federkasten und Heft in die lederne Schulta

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