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Der Dwarsläufer oder wie ich meine Mutter aus dem Fenster warf von Lorenz, Konrad (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.10.2013
  • Verlag: Edition Temmen
eBook (ePUB)
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Der Dwarsläufer

"Dwarsläufer" ist ein kleiner Krebs mit seitlich orientiertem Fluchtverhalten und abwehrend erhobenen Zangen. Oder ein Schiff, das gefährlich Zickzack fährt. Beides trifft auf Kalle Franke zu. Er hetzt zwischen zwei Frauen hin und her und weicht seinen wachsenden Problemen aus, bis es knallt. Immer wieder schlingert sein Lebenskurs - erst in seiner Seefahrtszeit auf einem Hochseeschlepper, dann als Hamburger Maschinenbaustudent und WG-Bewohner. Nach seinem Kiez-Bestseller "Rohrkrepierer" lässt Konrad Lorenz seinen Helden Kalle als jungen Mann die Seefahrt kennenlernen und die Aufbruchstimmung der 60er und 70er Jahre in den Wohngemeinschaften und Kneipen der Hamburger Studentenszene des Uni-Viertels erleben - und zeigt dabei, wie Liebe und Leidenschaft schonungslos ins böse Chaos führen können. Konrad Lorenz wurde 1942 auf St.Pauli am Hein-Köllisch-Platz (damals Paulsplatz) geboren. Dem Schulbesuch in der Taubenstraße und am Holstenwall folgte eine Lehre als Maschinenschlosser, dann Seefahrt und schließlich ein Studium zum Schiffsmaschinenbau-Ingenieur. Als solcher arbeitete er viele Jahre für den Öffentlichen Dienst auf Werften in der Instandsetzung. 1997 ging Lorenz in den Vorruhestand, um sich seiner eigentlichen Leidenschaft zu widmen, die er zuvor nur nebenbei ausüben konnte: dem Schreiben. Lorenz lebt in Hamburg. In den 1960er Jahren erschienen zahlreiche Kurzgeschichten ("Geschichten von'ne Küst"), 1991 sein fantastischer Roman "Das Nachtschattenspiel".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 456
    Erscheinungsdatum: 25.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783837880106
    Verlag: Edition Temmen
    Größe: 2191 kBytes
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Der Dwarsläufer

Feingefühl

"Heute ist der letzte Tag", sagt Teufelauch.

Als wenn ich das nicht selber wüsste! Seit zehn Tagen denke ich an nichts anderes. Und wenn sich tatsächlich mal die Spur von einem anderen Gedanken in meinen Kopf verirrt, so bringt mich dieser schwachsinnige Zettel, den ich in der Tasche habe, wieder drauf.

"Und wenn sie krank ist?", frage ich.

"Warum soll sie denn ausgerechnet heute krank sein?"

"Wegen dem Wetter natürlich!"

Es schneit seit zwei Tagen. Heute bleibt der Schnee sogar liegen.

Insgeheim hoffe ich, dass sie krank geworden ist, damit ich einen Aufschub bekomme. Krankheit ist so was wie höhere Gewalt. Und höhere Gewalt, das sagt der Name schon, ist einem Schwur ebenbürtig, kann ihn vielleicht sogar aufheben.

"Dann musst du eben zu ihr raufgehen", schlägt Teufelauch vor, "denk an deine Oma."

"Ich geh doch da nicht rauf! Die kennt mich doch gar nicht."

"Die kennt dich nicht?" Er lacht sein dreckiges Teufelauch-Lachen. "Die kennt dich so gut wie ihren eigenen Arsch!"

Er hat ja recht.

Wenn sie vor der Tür auftaucht, wird zweimal gepfiffen. Irgendeiner von meinen Konsorten hängt immer auf der Straße oder auf dem Bolzplatz rum. Es ist mir egal, dass alle Bescheid wissen.

"Kalle is verknaahallt! Kalle is verknaahallt!", rufen sie hinter mir her.

Ja und!? Ich lass alles stehen und liegen, donnere die Treppen runter und hefte mich an ihre Fersen.

Sie hat einen Gang wie das Indianermädchen aus dem Film "Der gebrochene Pfeil" und eine Prinz-Eisenherz-Frisur.

Sie heißt Elke, Elke Feininger, und ich nenne sie insgeheim "die Feine". So bekommt der Begriff "Feingefühl" einen ganz neuen Sinn. Feingefühl umhüllt mich wie ein Raumanzug, ja es lässt mich sogar streckenweise die Schwerkraft verlieren und hat gleichzeitig die Süße von feinem Puderzucker.

Ich hab Puderzucker erst kürzlich in der Speisekammer entdeckt. Bevor ich auf die Straße renne, befeuchte ich einen Finger mit der Zunge und stecke ihn in die Puderzuckertüte. Wenn ich dann unten ankomme und sie irgendwo entdecke, habe ich immer noch den Puderzuckergeschmack im Mund.

Manchmal überkommt mich dieses schwerelose Puderzuckergefühl sogar schon morgens, wenn ich aufwache, weil ich von ihr geträumt habe.

Sie wohnt gegenüber von uns, am Paulsplatz, erster Eingang links. Über ihrer Treppenhaustür hat die Holzmaserung dort, wo die Farbe abgeplatzt ist, die Form einer Girlande. Das kann nur ich sehen, ebenso wie ihren schnellen Indianerblick der Übereinkunft, wenn sie mich, ihren Schatten, aus den Augenwinkeln heraus entdeckt.

Hin und wieder muss sie was einkaufen, und ich warte vor Belitz, dem Milchmann, oder Holm, dem Feinkostgeschäft, auf sie. Und wenn sie wieder rauskommt, schenkt sie mir dieses aufblitzende Indianerlächeln.

Gelegentlich geht sie mit einer Freundin spazieren, ein blödes Ding, das sich immer wieder umdreht und die unsichtbare Verbindung, die zwischen uns besteht, kaputt kichert. Und dann und wann passt sie auf ihren kleinen Bruder auf. Wenn der auf dem Spielplatz in der Sandkiste buddelt, sitzt sie daneben auf einer Bank und liest.

Ich würde zu gerne wissen, was sie da liest. Sofort würde ich mir das Buch besorgen, um in ihre Augen, ihre Gedanken einzutauchen.

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