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Der Eiskönig aus dem Bleniotal Roman von Cuneo, Anne (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.06.2019
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Der Eiskönig aus dem Bleniotal

Tessin, in den 1830er Jahren. Bittere Armut herrscht im Bleniotal. Der Straßenjunge Carlo Gatti flieht von dort, kommt auf Umwegen nach Paris. Er schlägt sich durch, verkauft Esskastanien, um zu überleben, atmet begierig das Flair der Hauptstadt. Er steigt auf durch harte Arbeit. Als energischer Selfmademan geht er nach London, ein kometenhafter Aufstieg beginnt. Er gründet Kaffeehäuser im französischen Stil, sein Erfolgsrezept: Schokolade und Speiseeis, auch für die einfache Bevölkerung. Im brodelnden London der Jahrhundertwende wird Carlo Gatti berühmt. Der Genuss von Speiseeis war lange den Wohlhabenden vorbehalten. Doch seine "Penny Licks" können sich auch einfache Leute leisten. Anne Cuneo erzählt die wundersame Geschichte eines Aufsteigers, der es vom Straßenkind im Tessin zum Eiskönig von London brachte. Ein ergreifendes Porträt eines Lebens im viktorianischen England wie bei Charles Dickens. Nach einer wahren Geschichte. Anne Cuneo, geboren 1936 in Paris, wuchs in Italien in Waisenhäusern auf. Sie verfasste Romane, Essays, Gedichte und Autobiografien und war als Regisseurin und Journalistin tätig. Sie starb 2015.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 326
    Erscheinungsdatum: 17.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458762454
    Verlag: Insel Verlag
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Der Eiskönig aus dem Bleniotal

I

"O Signur! Ma à l'è un bagaï!"

Er spricht nicht wie wir. Es ist schon fast fünfzig Jahre her, aber mir ist, als wäre es erst gestern gewesen. Ich sehe diese riesige Hand, die sich mir in meinem Loch entgegenstreckt. Hinter ihm regnet es in Strömen, die Räder machen jenes typische Geräusch, das man hört, wenn sie durch Schlamm fahren. Eine richtige Ratte flitzt zwischen seinen Schuhen voller Straßendreck hindurch, direkt auf der Höhe meiner Augen. Vom Mann ist nur diese Hand zu sehen und zwei Füße, die fest auf dem Boden stehen - an eine Flucht ist nicht zu denken.

Die Hand kommt näher, der Mann beugt sich noch etwas vor, um mehr Kraft zu haben, nicht etwa, weil ich dick oder schwer wäre, sondern weil ich mich festklammere. Wo ich doch endlich einen Unterschlupf gefunden habe ...

Als er mich aus dem Loch gezogen hat, sehe ich ihn besser, der Schein einer Laterne fällt auf ihn, er ist ein Riese. Ich bin augenblicklich patschnass.

"O Signur", murmelt der Riese wieder, "das ist ja ein Kind. Ich habe dich für eine Katze gehalten. Wie alt bist du?" Ich schaue ihn an, ohne ein Wort hervorzubringen, ich verstehe seine Frage nicht. Er spricht sonderbar. Dann fragt er mich auf Italienisch: "Wie heißt du?"

"B... Boy."

"Du heißt Boy?"

Ich nicke.

Einen Augenblick lang sieht er mich an, als ob er zögerte - er wird mich laufen lassen. Aber nein, er hebt mich auf, schlägt seinen weiten Umhang auf und hüllt mich ein.

Er drückt mich an sich und zum ersten Mal seit Langem bin ich an der Wärme. Dieser Mann kommt mir vor wie ein heißer Ofen.

Jetzt aus der Nähe sehe ich auch seinen schwarzen Bart und die dunklen Augen.

"Hast du Eltern, Boy?"

Geduldig wartet er auf meine Antwort.

"Meine Mutter ... überfahren ..."

"Wann?"

Ich mache eine hilflose Handbewegung. Ich habe sie über die Gasse laufen sehen und aus den Augen verloren, dann habe ich einen Schrei gehört und etwas Lebloses am Boden liegen sehen. Ich wollte zu ihr laufen, aber eine Kolonne schwer beladener Wagen stand mir im Weg. Als ich endlich hindurchschlüpfen konnte, war niemand mehr da. War das heute? Gestern? Ich weiß es nicht.

Er lässt es gut sein und macht sich auf den Weg.

Ich bin sicher, dieser Mann muss Kaminfeger sein, einer von denen, die kleine Jungen suchen, die für sie in enge Kamine kriechen.

Der Riese geht zügigen Schrittes, dann und wann murmelt er ein paar unverständliche Worte. Er hält mich immer noch im Arm, nach und nach wird mir wärmer.

Wir treten irgendwo ein, zuerst sehe ich nichts, dann schlägt er seinen Umhang auf und stellt mich auf den Boden. Ich befinde mich in einer Küche, so erschöpft, dass mich meine Beine im Stich lassen und ich zu Boden falle.

Wieder mache ich die Augen auf und sehe jetzt zwei über mich gebeugte Gesichter: einen jungen breitschulterigen Mann mit Bart und eine Frau neben ihm. Sie wirkt sehr klein und ist voller Runzeln wie ein Apfel, sie trägt ein Kopftuch und schaut mich mit stechendem Blick aus dunklen Augen an.

Sie sagen Wörter, die ich nicht verstehe.

Als sie sehen, dass meine Augen wieder offen sind, wedelt die Frau mit einem Finger unter meiner Nase herum und schreit etwas.

Der Mann stellt mich wieder auf die Beine und ich sehe, dass es der gleiche ist wie vorher.

"Geht's besser, Boy?"

Er redet Italienisch.

Ich schlucke leer, schüttle schwach den Kopf, bringe nichts heraus, alles dreht sich.

"Der Kleine ist am Verhungern", ruft der Mann plötzlich. Er setzt mich an den Tisch, an seiner Stimme erkenne ich, dass er Befehle erteilt. Die Alte stellt eine Schale vor mich hin. Der Duft lähmt mich. Ich habe schon so lange nichts mehr gegessen, dass sich mir der Magen umdreht. Der Mann schüttelt den Kopf, setzt sich mir gegenüber, greift nach einem Löffel, füllt ihn und streckt ihn mir entgegen.

"Hier, Zichinin, iss."

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