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Der Gattopardo Roman von Tomasi di Lampedusa, Giuseppe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2016
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Der Gattopardo

Voll wehmütiger Skepsis beobachtet Don Fabrizio, Fürst von Salina, den Beginn eines neuen Zeitalters - verkörpert durch seinen geliebten Neffen Tancredi und die verführerische Angelica, die ihre bürgerliche Herkunft für immer hinter sich lassen will. Das Meisterwerk des großen Erzählers um Tradition, Aufbruch und Leidenschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Jetzt liegt der um zwei Fragmente vervollständigte Text in einer kraftvollen neuen Übersetzung vor.

Giuseppe Tomasi, Herzog von Palma und Fürst von Lampedusa, wurde am 23. Dezember 1896 in Palermo geboren und starb am 23. Juli 1957 in Rom. Neben Erzählungen schrieb er innerhalb weniger Monate seinen einzigen Roman: 'Der Leopard'. Ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht, wurde er zum Welterfolg und machte Lampedusa zu einem der bedeutendsten italienischen Autoren der Moderne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 01.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492973809
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 4586
    Originaltitel: Il Gattopardo
    Größe: 595 kBytes
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Der Gattopardo

August 1860

»Die Bäume! Schaut, die Bäume!«

Der Ruf aus der ersten Kutsche durchlief von vorn nach hinten die Reihe der in einer weißen Staubwolke fast unsichtbaren anderen vier, und an jedem Fenster spiegelte sich erschöpfte Erleichterung in schweißüberströmten Gesichtern.

Die Bäume, offen gestanden, waren bloß drei, und es waren »Eukalypten«, die knorrigsten Söhne von Mutter Natur; doch es waren auch die ersten, die gesichtet wurden, seit die Familie um sechs Uhr morgens Bisacquino verlassen hatte. Jetzt war es elf, und in den fünf Stunden hatte man nichts als träge, in der Sonne gelb auflodernde Hügelkuppen gesehen. Das Traben auf den geraden Wegstrecken, der schleppende Gang in den Steigungen, der vorsichtige Schritt bei der Talfahrt hatten einander in kurzem Wechsel abgelöst; Schritt und Trab, jedoch gleichmäßig vom monotonen Fließen des Schellengeläuts überlagert, das man inzwischen nicht mehr wahrnahm, es sei denn als bimmelnder Ausdruck der glühenden Umgebung. Man hatte verschüchterte, zartblau getünchte Dörfer durchquert, auf bizarr-prächtigen Brücken vollständig ausgetrocknete Flußbetten überquert; man war trostlose Klüfte entlanggefahren, deren Schmerz weder Kaffernkorn noch Ginster zu mildern vermochten. Nirgends ein Baum, nirgends ein Tropfen Wasser: Sonne und aufgewirbelter Staub. Im Innern der eben wegen dieser Sonne und dieses aufwirbelnden Staubs geschlossenen Kutschen hatte die Hitze bestimmt fünfzig Grad erreicht. Jene verdurstenden Bäume, die sich gestikulierend am gebleichten Himmel abzeichneten, verkündeten Verschiedenerlei: daß man kaum noch zwei Stunden vom Reiseziel entfernt war; daß man die Ländereien des Hauses Salina betrat; daß man das zweite Frühstück einnehmen und vielleicht auch das Gesicht mit dem fauligen Wasser eines Brunnens würde waschen können.

Noch zehn Minuten, und man war beim Fronhof von Rampinzèri angelangt: einem riesigen Gebäude, in dem bloß einen Monat im Jahr Tagelöhner untergebracht wurden, Maultiere und sonstiges Vieh, die sich hier für die Ernte einfanden. Auf der massiven, aber eingetretenen Tür tanzte eine steinerne Pardelkatze, obwohl ein Steinwurf ihr ausgerechnet die Beine zertrümmert hatte; neben dem Gebäude bot, von den drei Eukalypten bewacht, ein tiefer Brunnen stumm seine mannigfachen Dienste an: er diente als Weiher, als Tränke, als Verlies, als Friedhof. Er stillte den Durst, verbreitete das Fleckfieber, bewachte entführte Ehrenmänner, verbarg tierische und menschliche Kadaver, bis sie sich in polierte namenlose Skelette verwandelt hatten.

Die Familie Salina stieg vollzählig aus den Kutschen. Der Fürst, heiter gestimmt von der Aussicht, bald in seinem geliebten Donnafugata anzukommen, die Fürstin ermattet und übel gelaunt, der nun aber die Heiterkeit des Gatten Aufmunterung brachte; die Töchter müde; die jüngeren Söhne trotz der Hitze ausgelassen und aufgeregt von all dem Ungewohnten; Mademoiselle Dombreuil, die französische Gouvernante, vollständig aufgelöst und - sich an die in Algerien bei der Familie von Marschall Bugeaud verbrachten Jahre erinnernd - immerfort »Mon Dieu, mon Dieu, c'est pire qu'en Afrique!« klagend und sich ein ums andere Mal das Stupsnäschen abtupfend; Pater Pirrone, dem die angefangene Lektüre des Breviers ein Nickerchen gewährt hatte, was ihm die Reise hatte kürzer erscheinen lassen, war daher der Munterste von allen; eine Zofe und zwei Diener, vom ungewohnten Bild der Landschaft mißgelaunte Stadtmenschen; und Bendicò, der aus dem letzten Wagen gestürmt war und wütend die todesdüsteren Einflüsterungen der tief im Licht kreisenden Krähen anbellte.

Alle waren bis zu den Wimpern, bis zu den Lippen, bis zu den Schweifen weiß vor Staub; weißliche Wölkchen stiegen von den nacheinander aussteigenden Reisenden auf, die sich gegenseitig den Staub von den Kleidern klopften.

Um so mehr strahlte inmitten des Schmutzes Tancredis elegante Zuvorkommenheit

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