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Der geheime Faden von Fitzpatrick, Kylie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.05.2019
  • Verlag: Refinery
eBook (ePUB)
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Der geheime Faden

Der Historikerin Madeleine d'Eglise fällt ein fast tausend Jahre altes Tagebuch in die Hände: das faszinierende Dokument über Machtgier und Liebe aus der Hand jener Stickerin, die den berühmten Teppich von Bayeux schuf. Auf diesem wird die Eroberung des englischen Königsthrons durch William im Jahre 1066 geschildert. Es zeigt sich, dass in ihm auch ein Geheimnis verborgen ist, das Madeleines Weltbild ins Wanken bringt und bis in die Gegenwart, bis hinein in ihre Familie reicht. Kylie Fitzpatrick wurde in Kopenhagen geboren und wuchs in Australien auf. Sie arbeitete für Spiel- und Dokumentarfilmproduktionen in England und Los Angeles. Heute unterrichtet sie an der Bath Spa University und lebt mit ihrer Tochter in Somerset.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 06.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960482390
    Verlag: Refinery
    Originaltitel: Tapestry
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Der geheime Faden

1.KAPITEL

Madeleine schaute auf die Uhr. Es dauerte eine Weile, bis sie die römischen Zahlen des Zifferblatts erkennen konnte. Deutete der kleine Zeiger wirklich auf das "X"? Das durfte doch nicht wahr sein! Nach einem Moment der Verwirrung kam sie zu dem Schluss, dass es tatsächlich schon kurz nach zehn Uhr morgens war und sie geschlagene zwei Stunden damit verbracht hatte, einen mittelalterlichen Text aus dem Lateinischen zu übersetzen. Jetzt musste sie sich extrem beeilen. Sie schoss von ihrem Schreibtisch hoch und stieß in ihrer Hektik gegen einen Stapel mit unkorrigierten Klausuren, die sie an den wenig erfreulichen gestrigen Abend erinnerten. Gleich beim Aufwachen hatte sie es bitter bereut, dass sie drei Gläser von dem mittelmäßigen Syrah getrunken hatte, um sich über das miserable Niveau der Klausuren hinwegzutrösten. Und das, obwohl sie genau wusste, dass sie sich solche Eskapaden nicht leisten konnte, wenn sie am nächsten Morgen eine Vorlesung über die Aufteilung des Reiches Karls des Großen halten musste. Und diese Vorlesung begann in einer knappen halben Stunde.

Sie rannte ins Bad und bemühte sich, ihre Gedanken irgendwie wieder ins einundzwanzigste Jahrhundert zurückzuholen. Es ärgerte sie maßlos, wenn sie morgens hetzen musste. Keine zehn Minuten später hüpfte sie bereits auf einem Bein zurück in ihr Arbeitszimmer und zog den Reißverschluss an ihrem Stiefel hoch, während sie sich gleichzeitig umschaute, ob sie noch etwas mitnehmen sollte. Ein eher vergebliches Unterfangen - das Zimmer war chaotisch, weil sie hier alles unterbringen musste, was in ihrem kleinen Büro in der Universität, das sie mit einem anderen Dozenten teilte, keinen Platz fand. In letzter Zeit hatte sie sich angewöhnt, zu Hause zu arbeiten; Rosa fand, sie ziehe sich in einen "ungeselligen Kokon" zurück - aber Rosa machte öfter solche Bemerkungen, und Madeleine hatte längst gelernt, diese nicht allzu ernst zu nehmen.

Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, wo der säuberlich abgeschriebene lateinische Text lag, der heute Morgen mit der Post gekommen war. Irgendetwas an diesem Dokument hatte sie sofort in seinen Bann gezogen. Seinetwegen war ihr jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Der Begleitbrief ihrer Mutter lag noch ungelesen daneben. Madeleine steckte ihn schnell in ihre Handtasche, ehe sie fluchtartig die Wohnung verließ.

Auf dem Weg von ihrer Wohnung zur Universität kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem Grund ihrer Verspätung zurück. Das Dokument war nicht in angelsächsischem Latein verfasst, wie sie zuerst angenommen hatte, sondern in Kontinentallatein - der Sprache, die von den römischen und normannischen Priestern verwendet wurde, die um die Jahrtausendwende nach England gelangt waren. Aber die - mit Sicherheit - fiktive Erzählerin war verblüffenderweise eine Frau aus dem elften Jahrhundert, kein Mönch. Das war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wo hatte Lydia diesen Text abgeschrieben? Madeleines Mutter las so gut wie nie Romane, abgesehen von ihren gelegentlichen - und unerklärlichen - Ausflügen in die russische Literatur. Komisch war auch, dass Lydia den lateinischen Text von Hand abgeschrieben hatte, ehe sie ihn abschickte, statt ihn einfach zu fotokopieren. Bestimmt erklärte sie das alles in ihrem Brief. Madeleines Mutter war schon im Ruhestand und lebte jetzt in Canterbury, nachdem sie viele Jahre in London die Geschichte des Hauses Tudor im 15. und 16. Jahrhundert unterrichtet hatte. Vielleicht war sie dabei, ihr Interessengebiet auszuweiten?

Die kühle Luft der Normandie sorgte dafür, dass ihr Kopf wieder klar war, als sie das Gebäude der historischen Fakultät betrat, das am westlichen Ende des Universitätsgeländes lag. Den Gedanken an die Übersetzung konnte sie allerdings immer noch nicht ganz abschütteln. Dass es um eine Näherin ging, die lesen und schreiben konnte, irritierte sie. Damals waren selbst die meisten Männer Analphabeten gewesen. Der Verfasser des

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