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Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn Roman von Kubiczek, André (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.03.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn

"Ich weiß es noch genau. Es war an einem Freitag, als mein Bruder starb, und ich kann mich nur deshalb so gut erinnern, weil immer freitags der große Wochenputz stattfand." 1987, die letzten Monate der DDR brechen an, und die Rekruten nehmen ihren Dienst mit Galgenhumor. Der tragische und auf seltsame Weise auch erlösende Tod seines Bruders ist für den jungen Ich-Erzähler der Moment, sich an seine exotische Familie zu erinnern. Und ihr Leben in einem Land, das alles andere als exotisch sein wollte. Denn sein Vater aus der ostdeutschen Provinz hatte in Moskau eine laotische Prinzessin kennengelernt. "Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn" erzählt mehr als eine außergewöhnliche Familiengeschichte: es erzählt die Geschichte Ostdeutschlands, wie es keiner kennt.

André Kubiczek, 1969 als Sohn deutsch-laotischer Eltern in Potsdam geboren, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. 2002 erschien sein hoch gelobter Roman "Junge Talente", 2003 "Die Guten und die Bösen", über den die Süddeutsche Zeitung schrieb: "Kubiczeks zweiter Roman übertrifft den ersten noch an Witz und Einfallsreichtum: grell, spannend, böse." Es folgte "Oben leuchten die Sterne". 2007 wurde André Kubiczek mit dem Candide-Preis ausgezeichnet. Bei Piper liegt von ihm "Kopf unter Wasser" vor.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 612
    Erscheinungsdatum: 12.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492955201
    Verlag: Piper
    Größe: 1596 kBytes
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Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn

N ! Deus does not exist. But if he does, he lives above me, In the fattest largest cloud up there. He is whiter than white and cleaner than clean. The Sugarcubes Life's Too Good I Neue Erde 6. April, Vientiane Das Erste, was mir auffiel, als ich an der lächelnden Stewardess vorbei auf die Gangway hinaustrat, war die feuchte Hitze. Der späten Stunde wegen hatte ich derartige Temperaturen nicht mehr erwartet. Noch bevor ich die wenigen Stufen heruntergestiegen war, um meinen Fuß auf den Beton des Flugfeldes von Wattay zu setzen, brach mir der Schweiß aus. In meiner Notebooktasche, die ich über der Schulter trug, versuchte ich eines der Erfrischungstücher der Thai Airways zu finden und vergaß darüber, in jenem Moment meiner Mutter zu gedenken, in dem mein Fuß erstmalig den Boden ihrer Heimat berührte. So wie ich es mir während der Reise, seit ich in Tegel die Sicherheitsschranke passiert hatte, in Varianten immer wieder ausgemalt hatte. Erst als ich in einer Reihe mit den anderen Passagieren über das Rollfeld lief, dem Flughafengebäude zu, das mich von seiner Größe an die Mehrzweckhalle einer Kleinstadt erinnerte, fiel mir mein Vorhaben wieder ein. Ich bemühte mich, für einen winzigen, feierlichen Moment an meine Mutter zu denken, doch die Bilder des jungen Mädchens, das ich von alten Fotos kannte und das ich nun versuchte meinem Gedächtnis zu entlocken, weil ich annahm, dass sie genau so ausgesehen haben musste, damals, als sie mit vierzehn Jahren von hier fortgegangen war, wurden zu schnell von jenen der abgemagerten, todkranken Frau verdrängt, die aus einem Gebirge geblümter Kopfkissen über die Kameralinse hinweg mit weit aufgerissenen Augen in das Gesicht des Fotografen starrte. Ich ließ es also lieber bleiben. In einer neonhellen Halle stellte ich mich in die Schlange der Einreisenden, füllte ein Formular aus, reichte ein Passfoto über den Tresen und erwarb für ein paar Dollar mein Visum. Das Zweite, was mir auffiel, war die Dunkelheit, die hier herrschte. Mein Kopf war noch vollgepackt mit den Erfahrungen immerwährender Helligkeit: all die gleißenden Flughäfen, durch die ich in den letzten vierundzwanzig Stunden gekommen war, die hell beschienenen nächtlichen Berliner Straßen mit den strahlenden Schaufenstern, den flackernden Reklamen, den erleuchteten Straßenbahnwaggons. Als ich aus dem Flughafengebäude nach draußen trat, breitete sich die Nacht vor mir aus. Wie ein Baldachin wölbte sich der schwarze Himmel. Ich versuchte zu erkennen, wo die Stadt lag, ob es eine Kuppel aus Licht gab, die auf ihr belebtes Zentrum deutete. Aber ich konnte nichts entdecken, außer ein paar hellen Punkten am Horizont, wie versprengte Glühwürmchen, hin und wieder ein Scheinwerferpaar, das auf eine nahe Straße deutete. Und es war still. Dunkel und still. Die meisten der Mitreisenden hatten sich zerstreut, nur ein paar junge Westler, containergroße Rucksäcke aufgeschnallt, standen mit mir vor dem Ausgang und unterhielten sich mit leisen Stimmen auf Englisch. Wie ich es von den Besuchen bei Katharinas Eltern auf dem Brandenburger Land kannte, erklang in der Ferne von Zeit zu Zeit das Bellen eines Hundes. Das einsame Taxi, das schließlich vorfuhr, überließen die jugendlichen Touristen mir, da sie die zehn Dollar für die Fahrt in die Stadt überteuert fanden. Sie wollten einen Lkw anhalten oder bis zum nächsten Morgen auf einen Bus warten, aber ich bezweifelte, dass hier überhaupt je ein Bus vorbeikam. Ich setzte mich neben den Fahrer, der kein Englisch sprach, deutete im Stadtplan auf einen Punkt, um den herum eine Handvoll Pensionen eingezeichnet waren, und lehnte mich zurück. Ich kurbelte das Fenster herunter und hielt dem Fahrer die Zigarettenschachtel hin. Er bedankte sich nickend und gab mir Feuer. Bevor er die Tür zuschlug und losfuhr, schob er eine Kassette in den Rekorder, und sofort ertönte der leiernde Gesang eines thailändischen Mor-Lam-Sängers. Wir fuhren mit vierzig durch die dunklen

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