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Der glücklichste Sommer unseres Lebens Roman von Khayat, Ondine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.05.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Der glücklichste Sommer unseres Lebens

Die Trennung ihrer Eltern nimmt der 9-jährigen Colline alle Lebensfreude. Bis Clélie, eine pensionierte Bäckerin und Freundin der Familie, sie einlädt, die Sommerferien bei ihr zu verbringen. In Clélies schönem Pariser Stadthaus fühlt Colline sich gleich pudelwohl. Zumal auch die übrigen Hausbewohner mit originellen Plänen alles daransetzen, die Kleine wieder aufzupäppeln. Und Colline wiederum bezaubert Clélie und ihre Freunde mit ihrer kindlichen Neugier auf das Leben. Ein unvergesslicher Sommer wird für alle zum Geschenk ... Ondine Khayat, geboren 1974, lebt als freie Autorin in Paris. Der glücklichste Sommer unseres Lebens ist ihr erster auf Deutsch erschienener Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 204
    Erscheinungsdatum: 31.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732561278
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: Les petits soleils de chaque jour
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Der glücklichste Sommer unseres Lebens

Am Sonntagmorgen war die Sonne noch nicht ganz über Paris aufgegangen und überpuderte den Himmel mit einem Hauch von Rosa. Die trockene, klare Luft roch noch nicht nach Abgasen. Eine sehnsüchtige Stille umhüllte den anbrechenden Tag, der voller Versprechen zu sein schien.

Clélie trat auf ihren Balkon. Gleich gegenüber stand ein majestätischer Baum. Seine sattgrünen Blätter glänzten vom Tau. Clélie atmete tief ein und blickte zum Himmel hinauf. Ein paar übrig gebliebene Sterne schienen noch zu dösen und die Wohltat der Morgensonne zu genießen. Schließlich hatten auch sie einen Anspruch auf Sonntagsruhe. Eine Amsel feierte den anbrechenden Tag mit einem lebendigen, fröhlichen Lied.

Clélie setzte sich in ihren Rattansessel und stellte die Kaffeetasse vor sich auf den Tisch. Es war kaum fünf Uhr. Ein Gefühl friedlicher Ruhe durchdrang sie. Wie gut sie sich fühlte! Schon immer hatte sie die frühen Morgenstunden besonders geliebt. In der Stille konnte sie sich sammeln. In der Morgendämmerung hörte man das Herz der Welt schlagen. Und wenn man angestrengt lauschte, vernahm man die tiefe Stimme des Lebens - immer dann, wenn die Stille keine Ablenkung mehr gestattete und Erinnerungen, Worte und Gefühle ins Bewusstsein zurückkehrten. Clélie saß reglos da und stimmte ihren Atem auf den Rhythmus der Stadt ein. Ein Flugzeug, das hoch am Himmel einen orangefarbenen Kondensstreifen hinterließ, schien Wolken zu transportieren.

Je weiter die Zeit fortschritt, desto weißer wurde das Licht. Die Stimmung veränderte sich schnell, und schon blieb fast keine Spur mehr von der süßen Intimität, die Clélie so liebte. "Morgen wieder", sagte sie und seufzte leise.

Sie stand auf, ging in die Küche und spülte die Tasse. Im Badezimmer griff sie nach der Bürste mit den weichen Borsten, zog sich aus und begann, mit sanften Bewegungen ihren Körper abzubürsten. Ihre rosige Haut erwärmte sich, und wohlige Schauder überliefen sie. Hingebungsvoll bearbeitete sie die Füße, die Waden, die Oberschenkel ... Die leichte Massage entschlackte und ließ Blut und Lymphflüssigkeit zirkulieren. Anschließend duschte sie kalt. Sie liebte es so. Als sie ein Kind gewesen war, hatte es nicht immer heißes Wasser gegeben, und sie hatte sich an kaltes gewöhnen müssen. Ihr fiel ein, wie sie im Heim einmal das Eis auf der Waschschüssel hatte zerbrechen müssen. Aber schnell verscheuchte sie dieses Bild wieder, wie sie es mit den meisten Erinnerungen an ihre Kindheit tat. Irgendwann waren ihr die kalten Duschen unentbehrlich geworden. Ihnen verdankte sie zu großen Teilen ihre bewundernswert geschmeidige, straffe und leuchtende Haut. Clélie war neunundsechzig Jahre alt und schön - sie war eine dieser Schönheiten, die niemals altern und ihre Frische behielten.

Clélie liebte das Leben, obwohl das Leben es ihr nicht immer gedankt hatte. Mit drei Jahren wurde sie von ihren Eltern verlassen und wuchs erst bei einer, dann bei einer anderen ihrer Tanten auf, ehe sie in ein mehr oder weniger einladendes Kinderheim abgeschoben wurde. Diese Erlebnisse jedoch hatten sie nicht etwa eingeschüchtert, sondern, im Gegenteil, ihren Charakter gefestigt. Schon sehr früh kam sie zu der Einsicht, dass es eine große Chance war, auf diese Weise durch das Leben zu reisen und von einem Ort zum nächsten, von einer Pflegefamilie zur nächsten, von einem Traum zum nächsten zu wechseln. Clélie war eine Nomadin und hatte sich nie wirklich auf irgendetwas festgelegt. Für sie gab es weder vorgefertigte Gedanken noch endgültige Gewissheiten, vor allem kein endgültiges "Nein". Das Leben war eine großartige Reise, und sie hatte schon immer in der ersten Reihe sitzen wollen, um das Universum zu entdecken.

Ihr gesamtes Berufsleben wurde durch die Bäckereien der Familie Destempes geprägt. Yves Destempes' Tod vor anderthalb Jahren hatte sie sehr getroffen. Yves war wie ein Vater für sie gewesen, hatte sie das Bäckerhandwerk gelehrt und ihr

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