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Der Glanz der neuen Zeit Speicherstadt-Saga von Lüders, Fenja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.10.2020
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Der Glanz der neuen Zeit

Hamburg in den 20er Jahren. Kaffeeimportfirma Kopmann und Deharde hat den Weltkrieg und die Inflation überstanden, wenn auch angeschlagen. Dass Mina sich nach Frederiks Rückkehr wieder aus dem Geschäft zurückziehen musste, gefällt ihr gar nicht. Zumal sie feststellt, dass Frederik spielt und Schulden macht. So beginnt Mina in aller Heimlichkeit, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen.

Fenja Lüders, Jahrgang 1961, ist eine waschechte Friesin. Als Jüngste von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof direkt an der Nordseeküste auf. Für ihr Studium der Geschichte und Politik zog sie nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Neben dem Schreiben ist klassische Musik ihre große Leidenschaft.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 381
    Erscheinungsdatum: 30.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732581597
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1871 kBytes
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Der Glanz der neuen Zeit

EINS
Hamburg, Sommer 1919

»Ich begreife dich einfach nicht, Kind. Dass du ins Kontor fährst, ist doch völlig überflüssig.«

Großmutter Hiltrud musterte Mina von oben bis unten und schüttelte missbilligend den Kopf, ehe sie sich eine Scheibe von Frau Kruses frisch gebackenem Graubrot aus dem Korb nahm und es auf ihren Frühstücksteller legte. »Ich verstehe ja, dass du während des Krieges gearbeitet hast, auch wenn ich nie begeistert davon war, aber inzwischen ist Frieden, und es ist nur noch eine Sache von Tagen oder wenigen Wochen, bis dein Mann nach Hause kommt. Dann wird er doch die Leitung der Firma übernehmen. Dein Platz ist hier zu Hause, Wilhelmina. Du bist jetzt Mutter, aber du benimmst dich wie ein gewöhnliches Bürofräulein.«

Seufzend griff die alte Frau nach dem Rübensirup in einem edlen Konfitürenglas aus Bleikristall und tauchte mit angewiderter Miene ihr Messer in die zähflüssige dunkelbraune Masse.

Mina antwortete nicht. Sie presste kurz die Lippen zusammen und zählte in Gedanken bis zehn, um ihren aufwallenden Ärger in den Griff zu bekommen.

Jeden Montag war es das gleiche Theater. Sobald Mina in ihrer Bürokleidung - einem knöchellangen dunkelblauen Rock und einer hochgeschlossenen weißen Bluse - am Frühstückstisch erschien, machte Großmutter ihr Vorwürfe, weil sie daran festhielt, wenigstens für ein paar Stunden ins Kontor der Firma Kopmann & Deharde in die Speicherstadt zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen, auch wenn außer ihr niemand dort war.

Gleich würde sicher wieder die Frage kommen, warum Mina denn nicht einfach das Kontor schließen könne, sie habe ja sogar schon dem einzigen noch verbliebenen Mitarbeiter, dem alten Herrn Becker, kündigen müssen, weil es keine Arbeit für ihn gab. Wenn sie sich richtig in Rage redete, würde Großmutters Litanei in dem Vorwurf gipfeln, ihre Freundinnen und die Nachbarn aus der Heilwigstraße, die zur ehrwürdigen Hamburger Kaufmannschaft gehörten, hätten Hiltrud Kopmann bereits auf Minas seltsames Verhalten angesprochen. Man munkele, dass Mina die Erziehung ihrer Tochter Ella wohl lieber dem Kindermädchen überlassen würde.

Etwas zu erwidern wäre zwecklos, das wusste Mina aus leidvoller Erfahrung. Großmutter hörte nur das, was sie hören wollte, und war Vernunftgründen gegenüber unempfänglich. Alles, was Mina erreichen würde, wäre, dass Hiltrud ihre schlechte Laune an den Enkeltöchtern und Hausangestellten ausließ.

Vorsichtig warf Mina ihrer Großmutter einen Seitenblick zu, doch die war damit beschäftigt, den zähen Rübensirup auf ihr Brot zu streichen und dabei leise Verwünschungen zu murmeln. »Wenn man wenigstens wieder einmal vernünftige Konfitüre oder Honig bekommen könnte! Dieses Rübenzeug ist einfach fürchterlich.«

»Also ich esse es eigentlich ganz gern«, ließ sich Minas jüngere Schwester Agnes vernehmen, die Mina gegenübersaß und gerade herzhaft in ihre Brotscheibe biss. »Ist nicht so klebrig süß wie Honig oder Marmelade«, fügte sie mit vollem Mund hinzu und zwinkerte Mina lächelnd zu.

»Gott, Agnes!« Mit einem entrüsteten Schnalzen runzelte Hiltrud die Stirn. »Du bist doch kein Kind mehr und solltest wissen, wie man sich als junge Dame bei Tisch benimmt. Sitz bitte gerade.«

Agnes, die vor ein paar Wochen neunzehn Jahre alt geworden war, richtete sich kerzengerade auf, ohne sich am Stuhl anzulehnen. Sie schob sich den letzten Bissen ihres Brotes in den Mund, griff nach der Serviette und tupfte sich damit übertrieben geziert die Mundwinkel ab, ehe sie sich wieder ihrer Großmutter zuwandte und ihr ein strahlendes Lächeln zuwarf. »So besser, Euer Majestät?«, fragte sie unschuldig und legte dabei den Kopf ein wenig schief.

Großmutter schien gegen ihren Willen lachen zu müssen und winkte ab. Sie konnte Agnes einfach nicht böse sein, egal was sie anstellte. Jeder mochte das bildhübsche brünette Mädchen mit den

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