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Der Insulaner Roman von Boëtius, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2017
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Insulaner

'Der Insulaner' ist das eindrückliche Porträt eines bewegten Lebens, einer fast schon versunkenen Zeit, einer ganzen Welt. Und nicht zuletzt: eine einzigartige Liebeserklärung an die Kunst und an das Meer.
Als der Schriftsteller B. sich wegen eines Tumors am Gehirn operieren lassen muss, fürchtet er seine Erinnerung für immer zu verlieren. Doch dann wird die Operation für ihn zu einem langen Gang durch die verschlungenen Pfade seines Lebens: Von den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs über die Wirtschaftswunderjahre und die rebellischen 60er Jahre bis in die Gegenwart.
In seinem Narkosetraum erzählt er einem Analytiker die Geschichte seines Lebens. Er erzählt von der sensiblen Mutter, die ihre künstlerischen Ambitionen nie wirklich ausleben durfte, und von dem bewunderten, meist unnahbaren Vater, der einst als Offizier auf dem Luftschiff 'Hindenburg' die Katastrophe von Lakehurst. Und er erzählt von der Insel im Meer, auf der er aufwuchs und wo er sich doch stets als Außenseiter empfand... Bis er schließlich wieder aus der Narkose erwacht, ist sein ganzes Leben an ihm vorbeigezogen - und mehr als ein halbes Jahrhundert zugleich.

Henning Boëtius, geboren 1939, wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn. Boëtius ist Verfasser eines vielschichtigen Werkes, das Romane, Essays, Lyrik und Sachbücher umfasst. Sein Roman 'Phönix aus Asche' wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen niederländischen Kommissar Piet Hieronymus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 960
    Erscheinungsdatum: 11.09.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641219642
    Verlag: btb
    Größe: 1552kBytes
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Der Insulaner

1

Das große Gebäude des Instituts war in einem guten Zustand. Schlicht und funktional, ein kühl wirkender Bau aus Glas und Beton. B. betrat die Drehtür, die sich automatisch in Gang setzte und ihn in einen langen Flur hineinschob. Wieder ging er kahle Wände entlang, wie schon so oft in seinem Leben. Und wie immer empfand er dies als unangenehm, als eine Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit: Irgendwo hinzumüssen, ohne Möglichkeit, zu einer Seite entkommen zu können. Er glaubte plötzlich Schritte zu hören, die ihm in einem gewissen Abstand folgten, als würde ihn jemand beschatten. Aber als er sich umdrehte, war niemand zu sehen. Dann stand er vor einer angelehnten Tür, an der ein Zettel mit seinem Namen hing.

Als B. eintrat, fiel sein Blick zuerst auf den Rücken eines Mannes am Fenster. Die Person musste ihn gehört haben, aber sie drehte sich nicht um. Ihr Schweigen füllte den ganzen Raum. Doch da war auch ein leises Geräusch. Ein fernes, leicht an- und abschwellendes Rauschen. War es der Verkehr? Kam es von der Zentralheizung? War es der Fluss, der ganz in der Nähe ins Meer mündete, oder war es das Meer selbst, das dort draußen Treibgut ans Ufer spülte, Botschaften, die nie jemand würde entziffern können?

Dann hörte er eine Stimme. Sie klang fremd und kühl und drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr.

"Legen Sie doch bitte den Mantel ab und setzen Sie sich. Machen Sie es sich bequem. Gefällt es Ihnen bei uns? Es ist vielleicht ein wenig kalt, aber es ist noch zu früh, die Heizung anzustellen. Ich habe Sie erwartet. Aber ich habe auch meine Zweifel gehabt, ob Sie wirklich kommen würden. Erinnern kann wie eine unbarmherzige Sonne sein, die schonungslos ihr Licht auf die Vergangenheit wirft. Dabei kommt oft auch Unschönes zu Tage. Wenn ihre Strahlen auf eine glatte Fläche treffen, werden sie nur Langweiliges zu Tage fördern. Ist die Vergangenheit jedoch rau bewegt wie das Meer, kommt vielleicht ein Kunstwerk zum Vorschein. Wir werden herausfinden, wie es in Ihrem Fall ist. Fangen Sie an. Ich werde zuhören. Hin und wieder, vermutlich sehr selten, werde ich eine Frage stellen, die Sie übrigens nicht zu beantworten brauchen. Es genügt, wenn Sie sie in Ihrem Gedächtnis bewahren."

B. nahm in dem schweren Ledersessel gegenüber dem Schreibtisch Platz und versuchte sich zu entspannen. Von hier aus konnte man von der Außenwelt nur ein Stück des Himmels hinter den beiden hohen Fenstern sehen. Der Sturm hatte sich inzwischen gelegt, aber die Wellen mussten sich immer noch an der Mole brechen. Die Wolkendecke war aufgerissen. Lücken zeigten sich am Himmel wie blaue Pfützen, deren Tiefe unendlich war. "Rückseitenwetter", flüsterte B. Ein Fachbegriff aus der Meteorologie, der das wechselhafte Wetter mit Schauern, Sonne und Böen nach dem Durchzug einer Kaltfront bezeichnete. Es war eines seiner Lieblingswörter. Er hatte es zum ersten Mal von seinem Vater gehört.

B. dachte an die schattenhaften Gestalten, die er auf seinem Weg hierher gesehen hatte. Manche von ihnen hatten am Geländer der Flusspromenade gestanden und in die Strömung gestarrt. Sein Herz schlug kräftig. Vielleicht war er zu schnell gegangen.

Der Mann am Fenster ließ sich noch einmal vernehmen. Er sprach gegen die Fensterscheibe, die dabei beschlug. "Wollen Sie eine bestimmte Reihenfolge einhalten?"

"Ja, wenigstens soweit es mir möglich ist. Ich werde versuchen, mich an die Chronologie zu halten, obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass Zeit zu den eher vagen Kategorien meines Lebens zählte. Erinnerungen stehen offenbar keineswegs ordentlich Schlange vor dem Schalter unseres Gedächtnisses. Meistens irren sie ziellos herum wie über einen großen, leeren Platz. Man muss Glück haben, um einer von ihnen zu begegnen. Aber es gibt noch einen anderen, vielleicht besseren Weg zurück in die Vergangenheit. Ich habe während meines Lebens an vielen verschiedenen und sehr unterschiedlichen Orten gewohnt, die mic

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