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Der Judaskuß Roman von Antunes, António Lobo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.01.2019
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Judaskuß

In einer Bar in Lissabon erzählt ein Betrunkener einer Schönen der Nacht von seinen Erfahrungen im Angolakrieg. Unaufhaltsam redet dieser Mann, wütend, ausfallend, obszön, zärtlich und verzweifelt, er durchschreitet noch einmal die Hölle der Vergangenheit, nur um in der Gegenwart dieser Nacht nicht allein zu bleiben. António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als zwanzig Titel umfasst und in vierzig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den "Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes", den "Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft" und den Camões-Preis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 21.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641249922
    Verlag: btb
    Originaltitel: O cus de Judas
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Der Judaskuß

A

Was mir am meisten am Zoologischen Garten gefiel, waren die Rollschuhbahn unter den Bäumen und der schwarze Lehrer, der ganz aufrecht und in weit ausholenden Schleifen rückwärts auf dem Zement dahinglitt, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen, um ihn herum Mädchen in kurzen Röcken und weißen Stiefeln, deren Stimmen, hätten sie gesprochen, sicher so weich geklungen hätten wie die auf den Flughäfen, die den Abflug der Flugzeuge ankündigen, Silben aus Watte, die in den Ohren zergehen wie die Reste eines Bonbons auf der Zunge. Ich weiß nicht, ob Sie das, was ich jetzt sage, idiotisch finden, aber wenn wir am Sonntagmorgen mit meinem Vater in den Zoo gingen, waren die Tiere mehr Tiere, die langstielige Einsamkeit der Giraffe ähnelte der eines traurigen Gulliver, und von den Grabsteinen des Hundefriedhofs stieg hin und wieder ein klagendes Gejaul auf. Es roch wie auf den Gängen der Kolosseums-Festhalle, es gab seltsame Phantasievögel hinter Maschendraht, die Straußenvögel glichen ledigen Turnlehrerinnen, die ungelenken Pinguine hatten Ballen wie Botengänger, Kakadus neigten den Kopf zur Seite, als betrachteten sie ein Bild; im Becken blähten sich in träger Ruhe die Nilpferde, die Schlangen rollten sich in weichen Spiralen zu Exkrementenhaufen, und die Krokodile fanden sich mühelos in ihr Schicksal, mörderische Echsen aus dem Tertiär zu sein. Die Platanen zwischen den Käfigen ergrauten wie unser Haar, und ich stellte mir vor, daß wir eigentlich gemeinsam alterten: Der Angestellte mit dem Rechen, der die Blätter in einen Eimer harkte, erinnerte mich an den Chirurgen, der meine Gallensteine in ein Gläschen mit Etikett fegen würde; eine vegetative Menopause, in der die Geschwülste der Prostata und die Knoten in den Baumstämmen sich einander näherten und miteinander verschmolzen, würde uns verbrüdern; die Backenzähne würden uns wie faule Früchte aus dem Mund fallen, und unsere Haut würde sich als rauhe Schale über dem Bauch in Falten legen. Es kam vor, daß uns ein komplizenhafter Hauch aus den Zweigen hoch oben durch die Haare fuhr und von irgendwoher ein Husten die wattige Taubheit mühsam mit einem Rauschen durchbrach, das schließlich den beruhigenden Tonfall einer chronischen Bronchitis annahm.

Im Zoo-Restaurant hingen Fetzen von Tiergerüchen in der Luft, die sich im Dampf des Eintopfgerichtes auflösten, die Kartoffeln mit einem unangenehmen Geschmack von Schwein würzten und dem Fleisch etwas Pelziges gaben; das Lokal war meistens voll und wurde zu gleichen Teilen besucht von Ausflüglern und ungeduldigen Müttern, die mit der Gabel Luftballons verscheuchten, die, zerstreutes Lächeln, ein Stück Schnur hinter sich herzogen wie die fliegenden Bräute Chagalls den Saum ihrer Kleider. Ältere Damen in Blau trugen volle Kuchentabletts vor dem Bauch, boten Blätterteiggebäck an, das staubiger war als ihre belaubten Wangen, und wurden von widerlich klebrigen Fliegen verfolgt. Abgemagerte Hunde aus mittelalterlichen Altarbildern warteten zwischen den Fußtritten der Angestellten auf die übriggebliebenen Würstchen, die zu Boden fielen wie überflüssige, ölig glänzende Finger. Die Tretboote aus dem Wasserbecken drohten jeden Augenblick durch die offenen Fenster auf den feindlichen Wellen der Papierservietten hereinzuschaukeln. Und dort draußen, unberührt von der faden Musik aus den Lautsprechern, dem vereinsamten Witwenklagen eines afrikanischen Stieres, den fröhlich verklingenden Tamburinen der Ausflügler und meiner hingerissenen Bewunderung, glitt der schwarze Lehrer noch immer aufrecht und mit der wunderbaren, ungewöhnlichen Majestät eines Rückwärtsläufers über den Rollschuhplatz unter den Bäumen.

Wären wir zum Beispiel Ameisenbären, Sie und ich, statt uns hier in dieser Bar zu unterhalten, könnte ich mich vielleicht besser Ihrem Schweigen anpassen, Ihren auf dem Glas ruhenden Händen, Ihren gläsernen Fischaugen, die irgendwo über meinem Kopf oder meinem Bauchnabel

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