text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Der Kammerdiener von Stäger, Lorenz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.09.2015
  • Verlag: Lokwort Buchverlag
eBook (ePUB)
21,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der Kammerdiener

"Schreiben und lesen kannst du nicht. Doch wozu brauchst du das später?" Hans Keusch, Sohn eines Schweizer Kleinbauern, verlässt nach dem Verdikt des Lehrers vorzeitig die Schule. Er beginnt als Schuhputzer, lernt Kellner, wird Premier Garçon und schliesslich Kammerdiener. Als sprachgewandter Abenteurer kommt er um die Welt, dient in Java und auf Hawaii, arbeitet in New York für den Pianokönig Steinway und begegnet in Kairo Karl May. Mit einem Augenzwinkern und mit einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit wird ein bewegtes Leben geschildert, das zwischen der grossen Welt und dem kleinen Schweizer Dorf hin- und herpendelt.

Lorenz Stäger, geboren 1942, studierte Altphilologie und Orientalistik. Nach einigen Jahren als Kulturattaché in Kairo unterrichtete er bis 2006 an der Kantonsschule in seinem Wohnort Wohlen AG. Daneben war er für Zeitungen und Radio publizistisch tätig und schrieb mehrere unterhaltsame Romane, die alle zu Longsellern wurden. Sein 1978 erschienener Erstling "Aber, aber, Frau Potiphar!" ging bis jetzt über 50 000 Mal über den Ladentisch. "Liebt Ihr Bruder Fisch, Madame?" wurde zu einem Diplomaten-Klassiker.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 15.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783906806044
    Verlag: Lokwort Buchverlag
    Größe: 1883 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der Kammerdiener

Aus Jean Keusch wird John Koch, und Jules Verne verliert einen Knopf

1879 - 1881

Natürlich hat Jean in Marseille die grossen Dampfer und Segler bewundert, aber einmal selbst auf einem Riesenschiff aus dem Hafen hinauszufahren und die Leuchttürme vom Meer aus zu sehen, ist schon etwas anderes. Etwas anderes ist es auch, auf einem ächzenden und stampfenden Schiff den Ärmelkanal zu queren, statt den vom Wind gepeitschten Wogen vom sicheren Ufer aus zuzuschauen. Sofern man es erträgt. Jean zählt eine ganze Menge über die Reling gebeugter Bleichgesichter und stellt mit Befriedigung fest, dass er sich pudelwohl fühlt. Viel zu schnell kommen die hohen Kreidefelsen von Dover mit dem Schloss in Sicht. Das Schiff legt am Admirality-Pier an, der aus gewaltigen Granitblöcken aufgebaut ist.

Jean hat sich einen roten Baedeker für London gekauft - das erste Buch in seinem Leben - und darin die Warnung vor Anbiederungsversuchen am Hafen gelesen. Einige aufdringliche Gesellen hat er denn auch abzuwimmeln, die ihm ihre Hilfe auf Französisch und Deutsch anbieten. Englisch kann er noch nicht, aber "Va-t'en, salaud!" oder "Fahr ab, du blööde Chaib!" werden auch verstanden. Suchend geht er dem Zug entlang, bis er ein Coupé mit der Aufschrift Victoria Station entdeckt.

In der Station Brixton im Süden Londons muss er aussteigen. Er wird mit einem rassigen Jagdwagen abgeholt. Der Kutscher heisst Richard, hat ein rotes Gesicht und eine Knollennase und spricht nur Englisch. Er klopft Jean kräftig auf die Schulter. "Welcome!"

Jean klopft ebenso kräftig zurück. "Bonjour, mon ami!" Fachmännisch betrachtet er den Rappen und tätschelt ihm den Hals. Dann setzt er sich zu Richard auf den Bock. Während der Fahrt zeigt dieser mit dem Finger auf dieses und jenes wohlhabende Haus. Jean nickt jeweils und sagt: "Oui, oui, très belle!"

Mr James Elliot Preston, ein reich gewordener Schiffsbroker, wohnt in einer prächtigen Villa. Als Kammerdiener und Butler bekommt Jean ein Zimmer im Erdgeschoss. Die übrigen Bediensteten hausen in einem Nebengebäude über den Stallungen und Wagenremisen. Der Geruch nach Pferden und Leder erinnert Jean an seine erste Stelle im Aarauer Löwen. Schmunzelnd denkt er an Madame Daiger zurück: "Nom de Dieu, mi Häärz esch e bitz faible. Kenne Se meer hälfe ufs Kütschle stiige?"

Jean heisst jetzt auf Wunsch seines neuen Herrn John. Für den Hausgebrauch ändert er bei dieser Gelegenheit auch den ihn seit der letzten Beichte ärgernden und auf Englisch kaum aussprechbaren Namen Keusch in Koch um. An die seidenen roten Kniehosen und den blauen Frack und den Zylinder hat er sich bald gewöhnt und kommt sich ziemlich wichtig vor, wenn er Mr Preston auf seinen Ausfahrten im luxuriösen Zweispänner begleitet. Oft sind sie für Einkäufe unterwegs in der Bondstreet oder der Oxfordstreet. Je nach Witterung folgt noch eine längere Fahrt durch den Hyde Park. Und wenn zufällig Queen Victoria dasselbe tut, fühlt sich John fast als Teil der Weltmacht England, die sich Gebiet um Gebiet in Afrika und Asien einverleibt. Schnell lernt er die neue Sprache und kann sich bald einmal mit seinem Englisch allein in der Weltstadt bewegen.

Mr Preston führt ein gastliches Haus. Besonders interessant wird es für John, wenn sich die Herren nach dem Essen zu Zigarren und Portwein zurückziehen und redselig werden. Der eine hatte als junger Offizier den Sepoy-Aufstand in Indien erlebt und in letzter Sekunde drei Frauen mit seiner Pistole vor dem wütenden Mob gerettet, ein anderer hat eben die Bank of England besucht, wo täglich 15 000 neue Banknoten gedruckt werden. Ein ergrauter Oberst berichtet vom Marsch über den Khaiber-Pass und von der Ermordung des britischen Gesandten Cavagnari in Kabul. Eigentlich gehts hier zu wie am Stammtisch im Rössli, nur ist die Sprache feiner und die Dimensionen sind etwas grösser, philosophiert John, während er Portwein nachschenkt. Es fehlt bloss Onkel Jakob mit seinem

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen